Sport : Willkommen in der alten Welt

Eishockey-Star Cole ist seit gestern bei den Eisbären, weil in der NHL kein Ende der Pause in Sicht ist

Claus Vetter

Berlin - Erik Cole ist müde. Seinen ersten transatlantischen Flug hat er hinter sich. 14 Stunden Reisestress. Und dann sofort vom Flughafen zum neuen Arbeitgeber. Seinen ersten Termin beim EHC Eisbären hat der US-Amerikaner in einem Baucontainer. Willkommen in der alten Welt! Am Dienstagnachmittag darf Cole im Presseraum der Eisbären darüber plaudern, warum er denn ab sofort in Berlin Eishockey spielt. In Hohenschönhausen – in einer betagten, 5000 Zuschauer fassenden Halle mit Stehplätzen und Plastiksitzen und dem Namen „Wellblechpalast“. Cole sagt: „Bei meinem Klub in den USA wollten sie mich nicht, also bin hier und freue mich darüber.“

Wellblechpalast statt RBC Center: Dort ist Cole bisher für die Hurricanes über das Eis gekurvt, in der Großarena in Raleigh im US-Bundestaat Carolina, als einer der Topstars des Klubs, vor bis zu 19 000 Zuschauern. Doch im RBC Center spielen in den nächsten Tagen Countrystar Dolly Parton und Weltstar Bette Midler aber keine Eishockey-Stars: Die Profiliga NHL ist in der größten Krise ihrer Geschichte. Alle 30 Klubs haben ihre Spieler ausgesperrt. „Lockout“ heißt das in Nordamerika. Die Klubbesitzer wollen eine Obergrenze des Budgets für Spielergehälter – den „Salary Cap“ – einführen, die Spielergewerkschaft wehrt sich dagegen. Die Fronten sind verhärtet. Seit dem 9. September haben beide Parteien nicht miteinander gesprochen. Wann die NHL ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt? Keiner weiß es. Also ist Cole in die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) gewechselt. Er ist einer von bereits 210 Profis aus der NHL, die nun in Europa spielen.

Cole ist der zehnte Profi der Hurricanes, der in Europa ist – zum Ärger der Fans in Raleigh. Vor ein paar Tagen sind 1000 Dauerkartenbesitzer der Hurricanes ins RBC Center gekommen. Eigentlich sollte Carolina gegen Atlanta spielen. Stattdessen drängten sich Fans um das Spielfeld, auf ihm standen NHL–Commissioner Gary Bettman und Hurricanes-Eigner Peter Karmanos. Eine ungewöhnliche und für die Fans unbefriedigende Diskussionsrunde. Bettmann sagte Dinge wie: „Wir werden einen Weg finden, auch wenn es erst nächstes Jahr ist.“

Durch den „Salary Cap“ soll der Spieleretat pro Klub auf 30 Millionen Dollar pro Saison beschränkt werden. Der Durchschnittsverdienst eines NHL-Spielers stieg in den vergangenen zehn Jahren von 733 000 auf 1,83 Millionen Dollar. Viele NHL–Klubs sind wegen der explosiven Entwicklung der Gehälter verschuldet. Der Verlust der Liga betrug vergangene Saison 224 Millionen Dollar.

Für die Spieler ist die Pause zwiespältig: Einerseits wollen sie nicht auf ihr Geld verzichten, andererseits werden sie so nicht besser. Nur älterere Stars stört das nicht. Der Amerikaner Chris Chelios bereitet sich auf eine Karriere als Bobfahrer vor, bei den Winterspielen in Turin 2006 will er sich in den Eiskanal stürzen. Doch Chelios ist 42, Cole erst 25 Jahre alt. „Nach dem Lockout hatte ich keinen Zutritt mehr zur Trainingshalle der Hurricanes. Zuletzt habe ich mich bei meinem alten Universitätsteam fit gehalten.“ Und dann sagt der Blondschopf in bestimmt: „Für mich war es keine Frage, dass ich für ein Jahr in Berlin unterschreibe.“ Aber vor zehn Jahren gab es nach dem ersten „Lockout“ immerhin noch eine verkürzte Saison. „Die Hurricanes wollen mich jetzt nicht. Wenn sie doch wieder spielen, dann will ich sie nicht.“ Selbst eine deftige Gehaltseinbuße – bei den Hurricanes hat er 1,5 Millionen Dollar pro Saison verdient, in Berlin bekommt er viel weniger – schockiere ihn nicht. Außerdem: „Ich glaube nicht, dass in der NHL so bald gespielt wird.“ Daran glauben immer weniger in Nordamerika. Es gibt nun sogar ein DEL-Internetforum in englischer Sprache. Ein Fan aus den USA freut sich dort etwa auf einen Verwandtschaftsbesuch in Magdeburg: „Kann mir jemand sagen, wie weit es von dort zum nächsten DEL-Klub ist?“

Auf jeden Fall ist es für die amerikanischen Fans zurzeit ein weiter Weg zu ihren Stars und für die NHL ein weiter Weg zurück in die Normalität. Für Linksaußen Cole ist es nur ein kurzer Weg zurück aufs Eis: Heute will er erstmals mit den Eisbären trainieren. Gestern ging das noch nicht. Seine Ausrüstung war noch nicht in Berlin angekommen.

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