Sport : Willkommen in einem glücklicheren Land

Spanien vergisst Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit – und feiert seine WM-Helden

von und Julia Macher[Barcelona]
Foto: REUTERS

Der Trainingsanzug ist eigentlich nicht die richtige Kleidung, um einem wahrhaftigen König gegenüberzutreten. Doch Spaniens Monarch Juan Carlos dürfte am Montagabend den Spielern der spanischen Nationalmannschaft diesen Verstoß gegen die Etikette nachgesehen haben, zumal sie dafür einen massiven, goldenen Pokal mitgebracht hatten. „Ihr habt das ganze Land begeistert und unsere kühnsten Träume wahr werden lassen“, sagte Juan Carlos beim Empfang für die Mannschaft, die am Vorabend in Johannesburg den ersten Weltmeistertitel im Fußball für Spanien gewonnen hatte. Anschließend lobte auch Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero: „Euch haben wir zu verdanken, dass das Image Spaniens nun in der ganzen Welt glänzt.“ Dann fuhr das Team im Bus durch die Straßen Madrids, wo Hunderttausende Fans bei 40 Grad Celsius auf die Weltmeister warteten.

Es war am Vorabend ein schönes Finale gewesen, allerdings erst zwanzig Minuten nach dem Abpfiff. Bis dahin war das Endspiel um den Weltmeistertitel zwischen Spanien und Niederlande aufgeladen, zehntausende niederländische Fans im Stadion pfiffen laut Schiedsrichter Howard Webb aus, der mit den Gelben Karten (zwölf Stück, so viele wie nie zuvor in einem WM-Finale) um sich warf, als wären es Werbezettel einer neuen Pizzabude. Gut, die Holländer hatten ja auch 120 Minuten lang munter um sich getreten. Doch jetzt, nach dem 0:1 im WM-Finale, als alles verloren war, zeigten die Verlierer aus Holland Größe: Als die spanischen Fußballer mit ihren Goldmedaillen um den Hals die Tribüne im Fußballstadion von Johannesburg hinunter kamen, da bildeten sie alle – Spieler, Ärzte, Trainer, bestimmt 50 Mann – ein Spalier für den Weltmeister.

Sie klatschten langsam und fest in die Hände. Jedem wurde dabei anerkennend auf die Schulter geklopft, nur Mark van Bommel, der Treter vom FC Bayern aus München, schaute vor sich hin und verschränkte bockig die Arme.

War wohl auch schwer zu ertragen, die gute Laune der Spanier. Frische Hemden hatten sie sich natürlich übergezogen, die Spanier sind La Roja, die Roten, da können die Fußballer den ersten WM-Titel ihres Landes nicht in blauen Trikots bejubeln. Nur acht Tore hatten sie im gesamten Turnier erzielt, so wenige wie kein anderer Weltmeister zuvor. Aber angesichts dieser Effizienz bekam sogar der knorrige Trainer Vicente del Bosque, 59, so etwas wie ein Lächeln unter seinem grauen Schnauzer hervor.

Sie hatten auf dem Rasen vor Glück geweint, vor allem Iker Casillas, der spanische Kapitän. Er heulte in seine Schaumstoffhandschuhe, der Anblick war gar nicht auszuhalten. Die Kollegen nahmen den 29-Jährigen von Real Madrid in den Arm, aber Casillas Tränen waren nicht zu halten. Selbst als er der spanischen Reporterin ein Interview gab, hatte er seine Emotionen nicht im Griff – oder vielleicht auch gerade deshalb. Die junge Dame ist nämlich seine Freundin, also küsste er sie vor laufenden Kameras lieber anstatt ihre Fragen zu beantworten.

Zuvor hatte Casillas als Erster den WM-Pokal in die Luft gerissen, überreicht von Sepp Blatter und Südafrikas Präsident Jacob Zuma. Ausgeflippt waren sie ja schon kurz vor Abpfiff, als Andres Iniesta in der 116. Minute das Tor erzielt hatte: Alle Spieler auf der Ersatzbank rannten los, erdrückten den Schützen mit ihrem Jubel, ein Ersatzspieler stand minutenlang tanzend am Mittelkreis – ehe ihm und den anderen klar wurde, dass noch vier Minuten zu spielen waren. Trainer del Bosque hatte flehend mit großen Handbewegungen versucht, seine Spieler davon zu überzeugen, bitte wieder die Arbeit aufzunehmen.

Im Kabinentrakt tief im Keller des Stadions ging die Party des neuen Weltmeisters weiter. Iniesta war zum Spieler des Spiels ernannt worden, er saß nun im Presseraum, da flog eine Holztür auf und die Kollegen präsentierten ihre gesanglichen Fähigkeiten. Iniesta grinste. Das blaue Band mit der goldenen Medaille baumelte auch noch um den Hals der Spieler, als sie am Abend ihre großen Koffer durch das Terminal des Internationalen Flughafens O.R. Tambo schoben und von Johannesburg gen Heimat aufbrachen.

Dort kosteten die Feierlichkeiten auf den Straßen allerdings auch zwei Menschen das Leben. In Algeciras stürzte ein 33-Jähriger vom Balkon, in Cáceres ertrank ein 48-Jähriger, als er sich in einem Schwimmbad abkühlen wollte. In Barcelona feierten die Fans auf den Ramblas und auf der Plaza Espanya, wo erstmals ein Public Viewing mit einem Spiel der Nationalmannschaft stattgefunden hatte. Mit „Visca Espanya, Catalunya i el Barca!“-Rufen vergaßen sie nicht, den katalanischen Anteil am Triumph herauszustreichen. Sieben Nationalspieler sind beim FC Barcelona unter Vertrag, darunter Iniesta. Der schüchterne Junge aus Fuentealbilla wird kurzerhand per Akklamation in den Präsidentenpalast Moncloa berufen: „Oa, oa, oa – Iniesta a la Moncloa“.

Mit einem Transparent „Willkommen in einem glücklicheren Land“ und einer Wasserdusche hatte man auf dem Flughafen von Barajas den Airbus der Roten um 14.47 Uhr willkommen geheißen. Und Selbstvertrauen kann das krisengeschüttelte Land tatsächlich brauchen. Abwertungen der führenden Ratingagenturen? 4,5 Millionen Arbeitslose? Vierzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit? Knatsch um das katalanische Autonomiestatut? Vergessen, zumindest heute, und vielleicht auch noch morgen und übermorgen.

Einen krisenlindernden Effekt wird der Pokal wohl haben. Wirtschaftsexperten prognostizieren eine leichte Konsumsteigerung und ein besseres Investitionsklima, ein paar tausend Spanier werden ganz real ein paar hundert Euro mehr haben. Mehr als zehn Firmen hatten versprochen, ihren Kunden im Fall eines Sieges Geld zurückzuerstatten. Allein die Bank Banesto muss zehn Millionen Extrazinsen zahlen. Nie kam ein WM-Titel gelegener.

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