Sport : Willkommen zu Hause Goldene Pirouette

Ringer Mirko Englich sichert sich Silber und damit Zutritt zu seiner Wohnung Die deutschen Dressurreiter gewinnen in Hongkong – vor Dauerkonkurrent Niederlande

Nikolaus Schmidt[Hongkong]

Peking - Die Silbermedaille um seinen Hals glänzte wie Gold, und für Mirko Englich war sie das auch wert. Der Mann aus Witten verpasste bei seinem starken Auftritt im Ringer-Turnier des griechisch-römischen Stils den Olympiasieg, doch auch der zweite Platz in der Klasse bis 96 Kilogramm bedeutete eine große Überraschung.

Nur Europameister Aslanbek Chuschtow aus Russland war für den 29-Jährigen eine Nummer zu groß. Beim 0:2 hatte der Deutsche keine Chance. „Erst war ich enttäuscht, doch als ich die Medaille hatte, konnte ich unmöglich unglücklich sein“, sagte Englich, der förmlich überwältigt war. Mit dem Medaillengewinn sicherte sich Englich zudem weiter Zutritt zu seiner Wohnung. „Vor der Geburt unserer Tochter hatten wir ausgemacht, dass meine Frau sich um das Kind kümmert und ich dafür eine Medaille in Peking hole. Wenn nicht, hätte ich ausziehen müssen“, erzählte Englich.

Seine Frau Yvonne, die mit Englichs Eltern, einer Tante und seiner Schwester auf der Tribüne mitfieberte, hatte beim Kampf Freudentränen vergossen. Danach erklärte sie breit grinsend: „Wenn es nicht geklappt hätte, hätte er sich eine neue Wohnung suchen müssen.“

Der angehende Feuerwehrmann Englich zeigte in Peking bis zum Finale beeindruckende Auftritte. Nacheinander bezwang er den Koreaner Han Tae-Young, den Albaner Elis Guri sowie Adam Wheeler (USA) und gab nur eine Runde ab. Dabei zeigte er hohes taktisches Geschick und enormes Selbstvertrauen im Defensivverhalten. „So muss man kämpfen, wenn man etwas erreichen will. Klar gehört beim Losen auch etwas Glück dazu, aber Mirko hat sich durchgekämpft. Und wer nicht kämpft, der hat schon verloren“, sagte Bundestrainer Maik Bullmann, der 1992 Olympiasieger geworden war und 1996 Bronze gewonnen hatte. Bis gestern hatte seither kein anderer deutscher Ringer eine Medaille bei Olympia gewonnen.

Mirko Englich trainiert am Olympiastützpunkt Frankfurt (Oder) und gehört zur Feuerwehr-Sportfördergruppe in Eisenhüttenstadt, wo er an der brandenburgischen Landesfeuerwehrschule seine Ausbildung absolviert. Hier hat er optimale Trainingsbedingungen. Gegen Chuschtow, dem er bereits bei der Europameisterschaft in Tampere im Kampf um Gold unterlegen war, blieb er allerdings chancenlos. „Eigentlich wollte ich mich revanchieren“, sagte Mirko Englich. „Beim entscheidenden Wurf war ich aber eine Sekunde unaufmerksam. Das ist in unserem Sport entscheidend.“ dpa

Zum Schluss hing alles an Isabell Werth. Doch die letzte Reiterin des deutschen Dressurteams bewahrte die Nerven, absolvierte die Pirouetten und Traversalen der schwierigen Grand Prix Spezial Prüfung fehlerfrei – und gewann Gold für ihr Team. Somit siegten die Deutschen seit den Spielen von Montreal 1976 zum achten Mal in dem Mannschaftswettberb. Nur 1980, bei den Boykottspielen von Moskau, konnten sie kein Gold holen.

So leicht und selbstverständlich, wie Werths Ritt aussah, so unsicher war der Sieg der Deutschen bis zuletzt. Denn deren stärkste Konkurrenten, die Niederländer, waren dem deutschen Team dicht auf den Fersen. Nachdem die Deutsche Heike Kemmer bereits am Mittwoch einen tadellosen Ritt gezeigt hatte, waren nun ihre Mannschaftskolleginnen Nadine Capellmann und Isabell Werth gefragt. Mit ihrem Pferd Elvis gelang Capellmann eine gute Vorstellung, die von den Richtern – nicht gerade großzügig – mit 70,083 Prozentpunkten bewertet wurde. Die Aachenerin, Weltmeisterin 2002, ritt konzentriert ein, ihr Fuchs Elvis benahm sich tadellos und würdigte die große bunte Videowand keines Blickes. Über die niedrige Benotung sagte Capellmann später: „Das ist nun mal so bei Olympia, das weiß man vorher. Aber ich habe meine Hausaufgaben gemacht, mein Pferd ging viel besser als noch vor drei Wochen in Aachen.“

Die Führung der deutschen Equipe, nach dem Ritt von Capellmann bereits auf zwei Prozentpunkte geschrumpft, hielt jedoch nur bis zum Ritt der gefürchteten Konkurrentin aus den Niederlanden, Anky van Grunsven. Still war es im Stadion, als die Niederländerin einritt, einzig die Streichmusik dudelte leise aus den Lautsprechern, der schwarze hannoversche Wallach Salinero glänzte vor Schweiß. Er ging sehr korrekt, vor allem die schweren Lektionen Piaffe, Passagen und die Übergänge zwischen beiden gelangen fehlerlos.

Bei der Piaffe trabt das Pferd auf der Stelle. Dies soll möglichst so aussehen, als schwebe das Tier kurzzeitig über dem Boden. Die Übung muss schwungvoll sein und darf nicht ruckartig wirken. Kein Problem für Salinero und van Grunsven. Einzig bei der letzten Aufstellung zum Gruß der Richter trippelte der Wallach nervös hin und her, das gibt normalerweise Abzüge. Diesmal nicht: Das Paar erreichte eine hohe Wertung von 74,750 Prozentpunkten und verdrängte Deutschland auf den zweiten Platz. Nun hing alles an Deutschlands letzter Reiterin, der vierfachen Olympiasiegerin Isabell Werth und ihrem Pferd Satchmo, die erst am späten Abend startete. Und Werth profitierte von ihrer Turniererfahrung. Konzentriert und ruhig absolvierten sie und Satchmo alle Lektionen fehlerfrei und verwiesen die Niederlande auf den zweiten Platz.

„Jetzt habt ihr’s“ sagte Springreiter-Bundestrainer Kurt Gravemeier zu Werths Mitstreiterinnen Kemmer und Capellmann auf der Tribüne. Sie hatten mit ihren Ritten den Grundstein für die Goldmedaille gelegt. Jetzt waren sie voll neidloser Anerkennung für Werth: „Isabell wächst in solchen Momenten einfach über sich hinaus“, sagte Capellmann. „Das war alles aus einem Guss“, sagte Heike Kemmer. Die Skepsis, ob es in Hongkong reichen würde, war nach der Niederlage bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr groß gewesen. „Jetzt haben wir es allen gezeigt,“ sagte Isabell Werth.

Beim Duell Deutschland gegen Niederlande waren die anderen Mannschaften nur Staffage. Die Dressurreiter aus den USA, erfolgreich in den olympischen Wettbewerb gestartet und trainiert vom früheren deutschen Bundestrainer Klaus Balkenhol, hatten sich zunächst Hoffnungen auf eine Bronzemedaille gemacht, patzten aber im Viereck. Vom schlechten Abschneiden der USA profitierten die Dänen. Das Team um Nathalie von Sayn-Wittgenstein, die Nichte der dänischen Königin, gewann Bronze.

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