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Justine Henin-Hardenne hat mit ihrem Sieg bei den French Open ihre körperliche Schwächephase hinter sich gelassen

Christian Tretbar[Paris]

Im Vergleich zur Verliererin wirkt die neue French-Open-Siegerin fast nüchtern. Ein Lächeln legte sich über das Gesicht von Justine Henin-Hardenne, als sie ihre neue Trophäe in den Pariser Himmel strecken durfte. Aber sie zeigte kein übertriebenes Pathos, keine vorgetäuschten Tränen der Rührung und keine Show, nur stille Freude über ihren insgesamt vierten Grand-Slam-Titel. Die Belgierin kennt das Gefühl noch aus dem Jahr 2003, als sie zum ersten Mal die French Open gewann. Mary Pierce ist anders. Sie liebt die Show – und das auch im Moment der Niederlage. Tränen kullerten ihr bei der Siegerehrung über die Wangen. Ihre Dankesrede an das Publikum konnte sie kaum halten, immer wieder stockte ihre Stimme, so ergriffen schien sie. Ein schlechtes Finale habe sie gespielt, aber ein sehr gutes Turnier. „Ich bin wahnsinnig enttäuscht, aber ich gönne Justine den Sieg“, sagte Pierce.

Trotz der Unterschiede zwischen den beiden Damen betonten sie immer wieder ihren gegenseitigen Respekt und ihre Sympathie füreinander. Als die 23-jährige Belgierin ihren ersten Matchball zum deutlichen 6:1, 6:1-Finalsieg verwandelt hatte, kam die sieben Jahre ältere Französin um das Netz gespurtet, um sie zu umarmen. „Sie hat mir wirklich liebe Worte gesagt und mir sehr herzlich gratuliert“, verriet Henin-Hardenne später.

Dabei hatte sie der Französin im Spiel ziemlich zugesetzt. Im ersten Satz gewann sie drei Aufschlagspiele zu null und verlor nur zehn Ballwechsel. Im zweiten sah es nicht viel besser aus für die überforderte Pierce, die im gesamten Spiel 29 unerzwungene Fehler beging. Aber Henin-Hardenne hatte Verständnis für ihre Gegnerin: „Es ist vielleicht ihr letztes Finale hier in Paris vor eigenem Publikum, und da spürt man schon viel Druck, der von außen auf einen einwirkt.“ Für die Belgierin ist es ein weiterer wichtiger Schritt zurück nach oben. Denn sie war lange Zeit die Nummer eins der Welt – mit so vielen Punkten wie niemand zuvor.

Jetzt ist sie auf dem besten Weg zurück an die Spitze. Wimbledon ist ihr nächstes Ziel, denn dieser Grand-Slam-Titel fehlt ihr noch. „Aber ich werde es langsam angehen, den Sieg hier erst mal genießen und nicht wieder den Fehler machen und mich überspielen“, so Henin-Hardenne.

Wie im Jahr 2004 zum Beispiel, das doch so gut begonnen hatte. Sie gewann die Australian Open, und niemand schien sie stoppen zu können. Doch das Pfeiffer’sche Drüsenfieber schaffte es. Zu den French Open im vergangenen Jahr kehrte sie geschwächt zurück, weil sie unbedingt ihren Titel aus dem Jahr 2003 verteidigen wollte – und schied in Runde zwei aus. Erst zu den Olympischen Spielen war sie wieder fit und erkämpfte sich auch gleich die Goldmedaille. Ein tolles Comeback, wie alle dachten. Doch es kam anders. Denn schon kurz danach erwischte sie das nächste Virus. Diesmal war der Name schwieriger, Cytomegalovirus, und die Gefahr ungleich größer. Denn dieses Virus ist krebserregend. Das überstand sie jedoch genauso wie eine Knieverletzung.

Auch bei diesen French Open war sie nicht hundertprozentig gesund. Ihre Oberschenkel musste sie seit ihrem Achtelfinalspiel gegen die Russin Swetlana Kusnetsowa ständig bandagieren. Aber es hat sich gelohnt, denn diese Partie, in der sie zwei Matchbälle abwehrte, war wohl das Schlüsselspiel auf dem Weg zu ihrem zweiten Titelgewinn in Paris.

Für ihr Leben und ihre persönliche Entwicklung waren allerdings andere, weit dramatischere Ereignisse prägend: Der frühe Tod ihrer Mutter, der Streit mit ihrem Vater und die Krankheiten. „Ich wäre ohne diese Erlebnisse bestimmt nicht dieselbe Person. Das hat mich stärker gemacht“, sagte Henin-Hardenne. Heute sei sie nicht mehr dieselbe French-Open-Siegerin wie im Jahr 2003. Die neue Nummer sieben der Welt genießt ihr Leben intensiver. Sie will ihr Spiel zwar weiterhin ständig verbessern, aber nicht mehr so krampfhaft und verbissen. Sie habe die Freude am Tennis wieder entdeckt, sagt Justine Henin-Hardenne: „Jeden Ball, den ich spiele, schlage ich mit meinem Herzen.“

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