Willmanns Kolumne : Balzen und Bolzen am Bodden

Frank Willmann hat für seine neue Kolumne tief in der Erinnerungskiste gewühlt und erzählt von einem Sommerurlaub 1978, in dem ein talentierter DDR-Jugendfußballer eine wichtige Lektion fürs Leben lernte.

Frank Willmann
Irgendwo in diesem Bild könnte ein ein großes Fußballtalent versteckt sein.
Irgendwo in diesem Bild könnte ein ein großes Fußballtalent versteckt sein.Foto: dpa

Während meiner Kindheit verbrachte die Familie den Sommer oft in Fuhlendorf. Ein kleiner Ort am unteren Rand des Darß. Für die richtige Ostsee reichte es nie. Meine Eltern gehörten nicht zur Arbeiterklasse, somit fielen Urlaube in Erholungsheimen des FDGB aus. Wir waren in den ausgebauten Hühnerställen listiger Dörfler untergebracht. Durften uns aber in der örtlichen Kneipe jeden Tag unseren Broiler abholen. Der Ort lag am Bodden. Eine braune, handwarme Flüssigkeit, gekrönt von gigantischen Schaumflächen. Gespeist wurde das Gülleparadies von  landwirtschaftlichen Großbetrieben. Heute wirbt die inzwischen gastfreie Gegend mit ihrer Natürlichkeit und Verträumtheit. Erstaunlich. 1978 durchzogen Hunderte von armen Teufeln auf der Suche nach Naherholung die Gegend.

Urlaub in der DDR: Was Postkarten erzählen. Eine Bildergalerie.

Postkarten aus der DDR
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1 von 15Alle Fotos: Sammlung Hartwig
29.06.2011 08:47Ein Hallo aus dem Pionierlager "Wilhelm Florin". Mit Motiven dieser Art hat man damals die Grüße an die Lieben geschickt. Jürgen...

Manchen Tags verzichteten wir auf unsere Broiler. Und fuhren mit dem Trabant an die Ostsee. FKK-Strand bei Prerow. Sechs Uhr früh aufstehen. Dann in die Schlange der Trabis einreihen. Die Sandburgen standen am Strand in Sechserreihen. Wie überall fand sich irgendwann die Schar der Pubertierenden am Boddenstrand. Eintauchen im kühlen Nass des Boddens kam aber nicht in Frage. Es ging die Legende um, ein Sachse hätte es versucht. Als er aus dem Wasser trat, soll ihm die Haut in Fetzen vom Körper gefallen sein.

Für den stillen Betrachter ergab sich ein anmutiges Bild. Wenige Meter vor der Boddenflüssigkeit ruhten die jungen Mädchen auf ihren Handtüchern. Etwas versetzt davon spielten die Jungs Fußball. Beide Parteien taten so, als interessiere sie das Tun der anderen nicht. Die Sonne schien allen und die Zeit war ein relatives Moment. Unter der Schar junger Mädchenblüten stach besonders Isabella hervor. Ihre langen Haare umrahmten ein engelsgleiches Antlitz. Wenn sie erschien, legten sich Fuchs und Hase friedlich vor ihr nieder. Sie war die unbestrittene Göttin von Fuhlendorf.

Alle Jungs spielten Fußball. Egal ob sie es konnten oder nicht. Das Ziel jedes Einzelnen war, das Herz der Angebeteten zu erreichen. Viele von uns bestritten am Boddenstrand das Spiel ihres Lebens. Der kleine Icke aus Berlin war ganz besonders von Isabella angetan. Er war so ein kleiner, flinker. Geniale Pässe, brandgefährliche Dribblings. Jede seiner vollkommenen Finten widmete er Isabella.

Ickes Problem war seine Größe. Magere 1,59 Meter erhob sich sein Körper vom Boden. Zu wenig, um aufzufallen. Unter den vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungs fühlte er sich als Zwerg. Und er wusste aus seinen Büchern, der Zwerg bekommt am Ende der Geschichte niemals die Königstochter zur Frau. Er ist der Possenreißer. Manchmal darf er böser Zwerg sein.

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