Willmanns Kolumne : BFC Dynamo: Aufstand der Verdammten

Der BFC ist dabei, die Krabbelgruppe des Fußballs zu verlassen. Unser Kolumnist Frank Willmann über einen Noch-Oberligisten, der es sich doch schon richtig gemütlich gemacht hatte in der sportlichen Bedeutungslosigkeit.

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Eins, zwei, drei, vier. Die Besten, das sind wir. In der Oberliga.
Eins, zwei, drei, vier. Die Besten, das sind wir. In der Oberliga.Foto: Willmann

Mein Sportlehrer hat oft und gern gesagt: „Früher oder später blüht jedem die Sumpfdotterblume.“ Damals begriff ich nicht, welche Weisheit in diesen Worten ruht. Anlässlich der Ereignisse um meine samstägliche Expedition ins Herz des Bezirks Hohenschönhausen weiß ich nun mehr. Wer von euch hin und wieder die Tabellensituation der Oberliga Nordost Nord studiert, wird das große Flattern des BFC Dynamo bemerkt haben. Mehr Licht! Der BFC stellt sich an, die Krabbelgruppe des Fußballs zu verlassen. Das immerwährende Pech weggeblasen. Wie konnte das passieren? Der Verein hatte sich doch richtig gemütlich in der sportlichen Bedeutungslosigkeit eingerichtet. Unzählige dritte fußballerische Kräfte Berlins zeigten dem Klub, wie Aufschwung geht und zogen vorbei. Jahr um Jahr mit den schönsten Erwartungen ins Rennen gegangen, versagte bislang jedes BFC-Team im Kampf um welchen Aufstieg auch immer.

Nun ist alles anders. Noch ein Spiel bis zur Winterpause, der BFC steht auf Platz eins und hat bereits dreizehn Punkte Vorsprung. Wo in den letzten Jahren unmotivierte Auslaufmodelle Marke Patschinski oder Spork als Garanten des Stillstands ihr unseliges Handwerk erledigten, stellen derzeit junge Strategen mit noch unbekannten Namen wie Rehbein, Gutsche oder N'Diaye die verschlafene Oberliga auf den Kopf. Die feine Harmonie der Mannschaft entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze. Der Kitt des ganzen Geraffels heißt Volkan Uluc. Für alle, die es nicht wissen (und das dürften viele BerlinerInnen sein), das ist der türkischstämmige Trainer des BFC. Gemeinsam mit dem sportlichen Leiter Kevin Meinhardt, nebenher seit 1990 der erste beim BFC,  der diesen Namen verdient, hat er eine starke Mannschaft zusammen gestellt, die mit modernem Fußball den geheimen Ausgang der Liga entriegelt.

Die unschuldigen Dorfklubs zwischen Malchow und Fürstenwalde ergeben sich reihenweise schon vor Spielbeginn in ihr Schicksal, sind eigentlich nur noch Staffage. Bis auf ein Remis im Bezirksderby gegen Lichtenberg 47 hat der BFC nur Siege auf der Habenseite. Das Spiel gegen den Tabellenzweiten aus Brandenburg war wieder eine sehr einseitige Geschichte. Mit Pressing und enormer Angriffswucht drängte der BFC die Brandenburger auf den Gipfel der Verzweiflung. 2:0, mit eingeklemmtem Schwanz torkelte der Ex-Tabellenzweite nach Hause. Im Sumpf des Vergessens trafen sie höchstwahrscheinlich auf Fürstenwalde und Greifswald, denen in den Wochen zuvor von Ulucs Buben der Hintern versohlt wurde. Und wie reagieren die nur manchmal zahlreichen Fans auf die ungewohnte Situation? Sie bleiben, wo sie sind, zu Hause. Der Zuschauerschnitt ist nicht in die Höhe geschnellt. Einmal waren über 1000 Mitmenschen anwesend, der Schnitt liegt bei 860.

Kurios: den Kick in Greifswald besuchten 1500 BFC-Fans. Offensichtlich mögen sie die solide Tristesse des Standorts Hohenschönhausen nicht. Vielleicht machen ihnen aber auch ihre körperlichen Gebrechen zu schaffen Das Spiel verbrachte ich im Pulk der Fans vom Sonderzug Pankow. Nö, sie kamen noch nicht im Rollator. Obgleich insgesamt das Durchschnittalter des gemeinen BFCers bei 49,8 Jahren liegt. Nachdem die letzten Jahre fantechnisch in Agonie verbracht wurden, hätte man eigentlich nun von großer Euphorie ausgehen können. Mh, naja, ähhhh. Tatsächlich zeigte sich wieder eine Eigentümlichkeit der BFC-Fans. Größter Schmerz, mistiger Fußball und ausweglose Tabellensituationen versetzten den Buddhisten im BFCer in eine Art katatonische Starre. Größte Freude, toller Fußball und ersprießliche Tabellensituation schaffen das auch.

Im Herbst muss ein, zwei Mal richtig was los in Hohenschönhausen gewesen sein. Steckt in jedem Buddhisten doch ein Kriegsgott? Nun ist der Vorsprung dem Anschein nach zu groß und eine Erschlaffung macht sich deutlich zwischen BFC-Bizeps und Augenlid breit. Teilnahmslos Meckern ist gleich teilnahmslos Freude zeigen, geteilt durch wo stehen noch mal die Hausschuhe? Gegen Brandenburg fräste die Aufstiegshysterie kaum bizarre Muster in die Mienen der Sonderzügler. Sie klönten entspannt auf der Gegengeraden und machten sich in bukolischen Anspielungen über den kläglichen Fußball meines Jenenser Lieblingsvereins lustig. Das demoralisierte mich selbstverständlich nicht.

Nach neunzig Minuten Abpfiff, bissel klatschen, fertig. Wenigstens Spieler und Funktionsteam bildeten nun einen hübschen Kreis und hopsten über den Rasen, keiner kickt mehr auf eigene Rechnung, der Aufstieg in die Regionalliga ist nur noch eine Frage der Zeit. So richtig lieb haben aber fast alle ihren Djibril N`Diaye. Der Stürmer hat sich unter Ulucs mildschweiniger Knute merklich verbessert, traf gegen Brandenburg, lief ein ums andere Mal seinem Gegner weg und dürfte nach Lage der Dinge den Fans noch einige Freude bereiten. Sie jubelten ihm zu, er formte bei seiner Auswechslung ein Herz Richtung Traversen, schöner die Glocken nie klangen. Dies obgleich Djibril N`Diaye seine Wurzeln im fernen Afrika hat.

Ist der BFC im Jahr 2013 feenhaft? Hat ihn sein gemeines Schicksal, das ewige Bespuckt werden, der jahrzehntelang durchgängig miserable Fußball, nun auf Wolke sieben torpediert? Sieht ganz so aus. 

 

 

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