Willmanns Kolumne : Das Ende der Lausitzer Hexerei

Energie, die Fahrstuhlmannschaft der DDR, hatte sich einst mit List und Geschick in die Bundesliga hochgearbeitet. Nun geht das Cottbuser Märchen zu Ende, der Abstieg in Liga drei droht. Weil Mut und Ideen fehlen.

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Zur winterkalten Stunde sitzen sie in Cottbus und wissen, die Tabelle lügt nicht. Die Tabelle als Anwalt der Grausamkeit. Befindet sich ein Club am Popo der Zahlentafel, hat das nachvollziehbare Gründe. Das mag etwas bizarr klingen, bringt jedoch die Cottbuser Angelegenheiten auf den Punkt. Cottbus, du randständige Metropole der Lausitz! Du aufmüpfige Hungerkralle im Orchester der vollgefressenen Haifische aus dem Westen. Bedingt durch die geografische Verortung, ist für Cottbus jeder Fußballverein ein Westclub. Selbst der bestgehasste Rivale vom sächsischen Elbestrand liegt westlicher. Mehr Osten als in Cottbus geht nicht. Doch aus dieser aussichtslosen Lage haben sie bis eben sehr, sehr viel gemacht.

Zu Zonenzeiten war die BSG Energie Cottbus eine Fahrstuhlmannschaft, die ähnlich wie der 1. FC Union Berlin permanent zwischen erster und zweiter Liga pendelte. Wer in und um Cottbus richtigen Fußball sehen wollte, setzte sich in seinen Trabi und fuhr zu den Dynamoclubs nach Dresden oder Berlin. Bei der BSG kämpften lokale Fußballer mit großem Herz ums Überleben. Wenn hin und wieder einem großen DDR-Clubs ein Bein gestellt wurde, machte das die Fans froh und reichte. Die Spieler waren Angestellte der Kraftwerke oder im Braunkohletagebau, so erklärt sich auch der Kosename Energie. Mitunter soll man die Kicker in den Betriebskantinen gesichtet haben. Manche sogar im Blaumann. Ob diese Sichtungen der Fantasie einiger vom Kohlestaub betörter Arbeiter entsprang, oder ob wirklich hin und wieder einer der Staatsamateure sich die Hände schmutzig machte, weiß nur der listige Lausitzer Fuchs. Jedenfalls war man im Großen und Ganzen zufrieden mit dem Verein.

Auch die Wende brachte vorerst keine Veränderung des Ist-Zustands. Energie zuckelte gemütlich durch die Landschaft der dritten Liga. Damals bestimmten  korpulente Herren mit roten Bäckchen und ebensolchen Nasen die Geschicke des Clubs. Waren es allesamt Fleischersöhne? Stiernackige Kinder der Lausitz, die Taschen voller Geld. Anpacker, die gern grobe Wurst, saure Gurken und Wodka zum Frühstück naschten.

In den ersten acht Jahren nach der Wende hat man in Cottbus nachgedacht und hellwach an einem Konzept gebastelt. Mitte der 90er konnte der abgehalfterte DDR-Erfolgstrainer Ede Geyer eingekeschert werden. Zu jener Zeit mochte man keine ollen DDR-Bonzentrainer, die für das vergangene System standen und nach Plaste, Elaste und Kuhstall rochen. Selbst der heutige Trainerscherzbold Hans Meyer ackerte seinerzeit für einen unbedeutenden holländischen Club. Geyer war von 1971 bis 1986 ein wichtiger Informant der Staatssicherheit. Ziemlich schlechte Karten, um im goldenen Westen an die gute D-Mark zu kommen. Die dicken Herren in Cottbus sahen das nicht so eng. Weil sie um die Standortnachteile ihrer Stadt wussten und wirklich schlaue Füchse waren. Ede Geyer, der charmante Schleifer, war ein echter Fachmann zum Schnäppchenpreis. Aufgeladen mit ein wenig Demut und der Erinnerung an die Zeit, als jeder Tag für ihn ein Sonntag war, stürzte er sich mit aller Kraft in seine Mission. Cottbus nach oben führen. Aus Braunkohle Gold machen. Unheimliche drei Jahre nach seiner Inthronisierung spielte Energie in der zweiten Liga. Die Fachleute konnten sich das nur mit Hexerei erklären. Im Spreewald soll es ja Hexen geben.

Weitere drei Jahre später war Cottbus in der Bundesliga angekommen. Ein hin und her. Auf Augenhöhe mit den fetten Münchner und Hamburger Speckschwarten. Im Dreijahreswechsel ging die Luzie ab: Bundesliga, 2. Liga, Bundesliga. Geyer wirbelte mit seiner Truppe den bundesdeutschen Fußball durcheinander. In dieser Zeit wurden in der Lausitz Helden geboren. Und es stand mit Gottfried Blumenstein ein Bänkelsänger bereitet, der die Taten der Kicker besang. "Der Mond hing abwärts. Der Ball flatterte ins Netz. Piplica träumte.“ Wo wurde jemals poetischer der Kapriolen eines Torwarts gedacht? Zumal der herrlich schrullige Piplica seinerzeit Kapriolen am laufenden Band bot. Blumenstein schenkte mit seinen lyrischen Fußball-Gefühlen der vergessenen Region Ausdruck und zauberte das Besondere herbei. Da wollte die großmäulige Tante Hertha in den letzten zwei Jahrzehnten nicht hinten anstehen. Sie ließ sich gern im eigenen Wohnzimmer vom Außenseiter Cottbus versohlen. Große Stunden für den Cottbusser Anhang, die Auswärtsspiele im Olympiastadion waren Volksausflüge und Gänsehautgarant.

Ab 2009 ging es bergab. Die Serie um die magische Lausitzer Zahl drei riss. Im fünften Jahr lagert Cottbus in der zweiten Liga, nie stand es um den Verein schlechter als heute. Wer hat Energie in das Unglück gelenkt? Es ist eine graue Suppe aus vielen Zutaten. Der Verein hat sich irgendwie aus der Region verdünnisiert. Doch das regionale Zusammengehörigkeitsgefühl war immer DER Cottbusser Kraftquell. Derzeit wildert Dynamo Dresden Zuschauer bis knapp vor die Stadtgrenze, jugendliche Rabauken fühlen sich eher als Kaffeesaxxen oder Fußball-Berliner. Cottbus ohne Idee und Mut, schade.

Kaum ein Spieler hat heute Braunkohlestaub in den Adern. Gut bezahlte Legionäre und Mimosen wie Sanogo und Mosquera belasten die Mannschaft, die von der spielerischen Qualität eigentlich ins Mittelfeld gehört. Die graue Trainermaus Bommer wurde abgelöst durch die graue Trainermaus Schmidt. Eine positive Wirkung blieb aus und lässt Schmidts Trainerstuhl anständig wackeln. Stillstand. Letzter Platz. Kein Dichter, keine lokalen Stiernacken in Sicht. Die besondere Beziehung zur Zahl drei ging verloren. Kein Trainerspezi lauert mit schmutziger Unterhose. Cottbus steht am Abgrund: ein Fall für blitzgescheite Spreewaldhexen!

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