Willmanns Kolumne : Der Fluch der Wahrheit

Grau und trist präsentiert sich der November für Frank Willmann. Das hat viele Gründe, so richtig ans Herz geht unserem Kolumnisten aber das Schicksal des FC Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nordost.

von
November in Berlin. Bei aller Tristesse ist er immer noch besser als der November in Jena - zumindest wenn man Fan des FC Carl Zeiss ist.
November in Berlin. Bei aller Tristesse ist er immer noch besser als der November in Jena - zumindest wenn man Fan des FC Carl...Foto: dapd

Geplagt von unerfreulichen Biografien diverser Galane des deutschen Fußballs, geschuhriegelt vom trostlosen Freundschaftsspiel gegen unsere Freunde aus den niederen Landen, wäre mir letzte Woche fast aller Saft aus den Knochen gewichen. November, du Monat der Schmerzen! Doch auch im November erblicken wir jedes Wochenende um die Mittagszeit das Licht der Welt. Selbst Berlin liegt nicht am Nordpol und erfreut den Augenzeugen wichtiger Ballgerangel mit Resthelligkeit. Diese erreicht durch unerbittliche Wolkenungetüme und fiesen Nieselregen hin und wieder unsere Augenrücken. Voll Dankbarkeit schauen wir Herren des Morgengrauens bisweilen ins Ungewisse, unsere Stirne umwebt von unsichtbaren Freudennetzen. Doch viele von uns treibt die Sorge um das Geschick ihres Vereins aus den warmen Federn, manche brüten schon vor Sonnenaufgang bei einem Schlückchen Chantre.

Ich bin in diesen Tagen ein Mann des Gleichmuts. Meine Jenaer Lieblingsmannschaft torpedierte sich durch den Abstieg 2012 weit fort vom letzten traurigen Futtertrog, der in der dritten Liga die hungrigen Mäuler der Spieler füllt. Nun heißt es in Jena Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufstehen. Verbannt in die Regionalliga Nordost, führen alle Wege nach oben über Leipzig. Die Betriebssportgemeinschaft RB Leipzig blockiert den einzigen Ausgang mit allen ihr zur Verfügung stehenden Geldmitteln. Zweimal scheiterte die Mannschaft mit dem grotesken Vornamen Rasenball an der Qualifikation zur Dritten Liga, ein drittes Mal darf das nicht passieren. Darf, und wird wohl auch aller Voraussicht nicht.

Zum zweiten Mal wurde nach dem Nichtaufstieg ein bundesligaerfahrener Trainer (= Versager) bei RB ins Aus gekickt. Die Ballabteilung abermals deutlich verstärkt, koste es, was es wolle. Derb führen die Mateschitzbuben die Tabelle an. Nach zwölf Spieltagen liegt Zwickau sieben Punkte dahinter auf Platz zwei. Jena als Drittplatzierter hat bereits unwürdige neun Punkte Rückstand, die restlichen Teams sind keine Erwähnung wert. RB ist in fußballerischen Belangen im Nordosten uneinholbar. Am vorletzten Spieltag der Hinrunde fährt Jena nach Leipzig, um sich seine Packung Schmerz abzuholen. Ein MUSS für alle Scherz- und Schmerzbolde. Leider wartet nach der Meisterschaftsrunde eine unangenehme Qualifikation auf RB. Nur drei von sechs Qualifikanten steigen auf. Yes, Leipzig can das. Einige staubige Lorbeeren der Pein schmücken bereits den Vereinsschrank, ob es RB auf eine dritte Blamage ankommen lässt?

Bitte nicht, diesmal nicht! Ich als Betroffener wünsche ihnen den Aufstieg. Ich will sie los sein! Auf diese Weise wäre im nächsten Jahr der Fahrstuhl frei für den lieblichen FCC. 2013 wird richtig schön. Wir werden zurückfinden zu Lebensmut und Heiterkeit. Die Welt wird wieder freundlich sein und wir werden uns dem Wohlleben in seinen verschiedenen Formen verschreiben.

Bis dahin bin ich ein Serienkind der Narretei. Folge zwei, Jena bei Hertha zwei. Am Sonntag bestieg ich mein Pferd und machte mich auf den weiten Weg ins Amateurstadion der siechen Lady Hertha. Seit Herthas zweite Mannschaft im heimischen Rund die Murmel dreht, kommen tatsächlich einige Zuschauer. Es gibt außerdem einen kleinen Fanblock, der bisweilen den gepflegten Shantie: „Ha-Ho-Höre-Hertha Amateure“ erklingen lässt. Die Currywurst schmeckt vortrefflich. Herthabonzen wie Preetz und allerhand Haudegen vergangener, glücklicher Herthatage, mischen sich unters Tribünenvolk, geschmückt mit unsichtbaren Trophäen.

Wie schon bei Union zwei, genügte den Jenaer Elfen ein schaues Elfmeterchen. Um die Ernte einzufahren, um mein morsches Fanherz zum Hüpfen zu bringen. Viel gehüpft wurde im immer kleiner werdenden Auswärtsblock der Jenaer. Es wurde auch viel gesungen, allerdings nicht von mir, der ich in Halbzeit eins den Gästeblock zierte. In der zweiten schaute ich mir Preetzens unschuldige Kulleraugen von der Seite an und entzückte mich an den konstant traurigen Mienen der Herthafans. Nur sehr, sehr kurz währte mein Glück. Wieder daheim genügte ein Blick auf die Tabelle, diese Ausgeburt des Leipziger Hedonismus. Die Tabelle muss betrogen werden, sie ist meine Feindin. Die Empfindungen und Gedanken, die ich aus der Tabelle schöpfe, enthalten keine Wahrheit. Da aber an sich keine Tabelle gut oder schlecht sein kann, sondern nur das was man in sie hineinlegt, denke ich mir RB Leipzig zu RB Pjöngjang, schummle Zwickau nach Polen und stehe plötzlich auf Platz 1! Man muss die Wahrheit nur erkennen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar