Willmanns Kolumne : Der Geist von Berni

Unserem Kolumnisten Frank Willmann hängt die Herbststimmung dieser Tage schwer am seelischen Gewand. Da hilft nur: Abschütteln und rausfahren – zu Berni`s Getränkebude am Fußballplatz von Blau-Weiß Lebus.

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Die Sonne scheint ihm. Wohlgenährter Schiri der Partie Lebus 2 vs. Gusow. Foto: Frank Willmann
Die Sonne scheint ihm. Wohlgenährter Schiri der Partie Lebus 2 vs. Gusow.Foto: Frank Willmann

Ditte is doch sechsmal besser als Fernsehen, sagt Charly strahlend und nuckelt an seiner Wurst. Charly ist mein Lebuser Kumpel, er hat wie immer in allen Lebenslagen die passende Idee. Nicht hastig leben. Auf dem Lebuser Sportplatz springen die Mannen der 2. Herren Blau-Weiß Lebus tatendurstig übers Gras. Sie hüpfen wie kleine Götter, uns und einigen weiteren Zuschauern zur Freude.

Vorm Spiel wanderten wir ziellos durchs Brandenburger Land. Wir zählten die vom Biber bewirkten Löcher im Oderdamm. Ich träumte vom Goldenen Ball von Bern, der irgendwo in den unendlichen Weiten von Charlys Grundstück seiner Entdeckung harrt. Ich weiß nicht, wie es euch im Herbst geht. Ob sich eine milde Schwermut über euer Herz senkt. Und ein welkes Blatt, das hilflos vom Baum zu Boden torkelt, eure Seele zum Klirren bringt. Die Vergänglichkeit alles Irdischen. Was ward die Welt so welk! An Tagen wie diesen hilft nur ein Fußballfeld. Um die unsichtbaren Schwingungen des immer wiederkehrende Dramas der zu Boden fallenden Blätter aus dem Anschauungsvermögen zu bekommen.

Im schönen Oderstädtchen Lebus, wo neben den Waschbären die Biber ihren geheimnisvollen Weg gehen, ist Berni's Bude eine Institution. Dankeschön, bitteschön, noch ein Bier?  Berni ist aus dem Spielbetrieb der Herrenmannschaften nicht mehr wegzudenken. Bei jedem Wetter öffnet er seinen Getränkewagen, um mittels der heilenden Kraft der Bockwurst und des schnellen Bierchens jede Art Leid zu kurieren. Im Verein kann Sport am schönsten sein. Die Galeeren des Alltags in ein Elysium umwandeln. Auf dem Sportplatz ist alles Wonne. Ein Jeder gilt so viel wie der Andere. Berni ist eine der guten Seelen, die sich auf den kleinen Fußballplätzen Deutschlands um das Wohl aller scheren. Denen nie ein Weg zu weit ist, die immer einen Bonbon in der Tasche haben und den kleinen und großen Fußballern nach einer Niederlage die Tränen aus dem Gesicht zaubern. Die in ihrer Freizeit den Rasen des Fußballplatzes mit der Nagelschere bearbeiten. Die einfach immer da sind, wenn es gilt, die Schmuckkästchen der Klubs aufzupeppen.

Berni war irgendwie schon immer in Lebus. Als der Fußball in Lebus noch nicht erfunden gewesen ist, soll man bereits von seiner Ankunft gewusst haben. Selbstredend ist Berni ein wandelndes Fußballlexikon. Bescheiden und freundlich erzählt er von den Schlachten der Vergangenheit, als Blau-Weiß Lebus noch SG Lebus hieß und die lokalen Meisterschaften der Region beherrschte. Sachen, die wirklich etwas waren, wurden zu nichts. Aus anderen, die eigentlich nichts waren, wurde viel. Rund um Lebus führten die meisten Teams das schöne Wort Traktor im Namen. Zu DDR-Zeiten wurden alle Mannschaften einem so genannten Trägerbetrieb zugeordnet. Auf dem Land waren das die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, kurz LPG. Mit dem Traktor kurvten die Spieler der Dorfklubs zu ihren Auswärtsspielen. Lebus besaß einen eigenen Bus, ein Luxus, der den Klub deutlich von den Bauerntruppen der Umgebung abhob.

Und natürlich Raum für Spott gab. Die hohen Herren von Lebus reiten ein. Geben sich euer Gnaden die Ehre. Wir sind eure Kreisstadt, ihr Bauern. Berni immer mittendrin im Gewühl. Er spielte in allen Lebuser Jugendmannschaften. Später kickte er vorwiegend in der 2. Mannschaft, mitunter reichte es eine Saison mal für die Erste. Er schoss seine Tore, auch mal ein Eigentor. Was zählte, war der Spaß am Spiel, und das Gefühl für die Gemeinschaft. Heute hat Lebus wie alle Klubs auf dem Land unter extremen Mitgliederschwund zu leiden. Zurzeit bekommt der Verein keine Jugendmannschaft für das Großfeld zusammen. Es ist immer traurig zu erleben, wenn ein Verein einen langsamen Tod stirbt. Der jahrelange Aderlass der jungen Leute gen Westen hinterließ tiefe Spuren bei Blau-weiß Lebus.

Computer und Videospiele sind weitere Fußballfeinde, meint Berni und spendiert uns noch eine Bockwurst. Und weil er ganz besonders gut drauf ist, auch noch ein Bierchen. Die Sonne scheint, das Leben ist schön. Die Zweite von Lebus hat inzwischen ihr Spiel gegen Gusow verloren. Gusow spielt heute als Preußen Gusow. Ganz bestimmt liefen die früher auch unter Traktor auf. Berni schüttelt mild den Kopf. Zu seiner Zeit hat auch die Zweite von Lebus alle Traktorsportler beherrscht. Lebus war die Macht im Land! Wenn die Dörfler antuckerten, wurden sie als erstes gefragt, wie viele Gegentore sie von Lebus heute eingeschenkt bekommen wollten.

Die Bäuche der zweiten Herren sind beeindruckend. All die appetitlichen Landwaren haben Spuren hinterlassen. Nach der entspannt weggesteckten Niederlage kommen sie zu Berni und laden die Batterie auf. Berni hört hin und gleichsam weg. Er möchte ja kein Sündenregister sein. Verschwiegenheit ist der Stempel eines fähigen Kopfes. Seine Höflichkeit ist eine Art Hexerei. Berni muntert auf, Bernie zapft, Berni verteilt Bockwürste.

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