Willmanns Kolumne : Die hängenden Gärten von Hohenschönhausen

Frank Willmann fühlt sich vom Sportforum magisch angezogen, besonders vom wuchernden Gemüse auf den Rängen. In seiner Kolumne sucht er nach den Gründen für dieses gärtnerische Wunder: Sind die Platzwarte im Späti gefangen? Oder bieten das sanfte Ostlicht und die Tränen der DDR-Systemopfer besonders gute Wachstumsbedingungen?

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Gedankenverloren stand ich am Märchenbrunnen und schaute zwei jungen Männern mit durchtrainierten Körpern beim Schnäbeln zu. Es war Sonntag und ich war unschlüssig. Sollte ich zum BFC Dynamo fahren? Mir anschauen, wie der Club das Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart verkraftete hatte? Zum wiederholten Mal versucht der BFC in die Regionalliga zu entwischen. Big BFC-Leader Peter Meyer samt Fußballkunstförderern ist es erneut gelungen, eine starke Mannschaft zu stellen. Unter der Fuchtel ihres Trainers Volkan Uluc muss endlich der Staffelsieg drin sein.

Oder doch lieber zu Türkiyemspor in die  Landesliga? Die dritte Männermannschaft von Türkiyemspor wird in der Kreisklasse schon bald mit dem Logo des Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg auflaufen. Das Thema von unten angehen. Spannende Angelegenheit. Geht aber auch später. Erst mal zum BFC, wer weiß wie lange die noch vor mehr als 500 Zuschauern spielen? Wenn der schöne Plan zum wiederholten Mal nicht aufgeht…

So wunderbar wie der Fußball ist der Geist des Menschen, der ihn liebend studiert.

Alle Gesetzmäßigkeit, die uns am Fußball imponiert, fällt mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an den Tag legen, demnach imponieren wir uns vor allem selbst. Und suchen diesen Sinn in die Fußballwelt zu tragen.

Na gut, doch BFC. Die nicht sonderlich verwöhnten BFC-Fans hatten letzte Saison sehr schnell die Notbremse gezogen. Als die Platzierung der Mannschaft alle Wünsche offen ließ, blieben sie einfach zu Hause. Fortan bot das nicht unbedingt liebreizende Sportforum Hohenschönhausen unbehaust ein noch tristeres Bild. Prächtige Fuchsfamilien jagten des Nachts die Pflanzenfresser auf den Traversen, die sich an den fleißig wuchernden Kräuterköstlichkeiten gütlich taten. Kleine Häschen ließen ihr Leben beim Naschen. Oh Natur, wie grausam! Ich steh auf Berlin. Kein Geld für Schwimmbäder und Platzwarte, aber täglich der Berliner Angespartes am Scheinflughafen durchbringen.

Am Sonntag zierten die Stadiontraversen beeindruckende Ökogemüse. Sexy Hohenschönhausen, wo sind deine Platzwarte? Ob die armen Hunde wohl mit den Fahrdienstleitern und Schienenlotsen der Deutschen Bahn in Eintracht vorm Späti sitzen und ihre schmale Stütze versaufen? So haben wir uns 1989 den Kapitalismus  aber nicht vorgestellt. Dem ungeachtet geschieht vielleicht ein gärtnerisches Wunder, das sich in eine gigantisch sprudelnde Geldquelle verwandeln ließe!

Liegt es an der besonderen Beschaffenheit der gekiesten Traversen? Fällt das Ostlicht segensreicher als das Westlicht? Sind die Hügel in Hohenschönhausen gedüngt mit den Tränen unschuldiger junger Menschen, die im gnadenlosen DDR-Sportsystem durchs Raster fielen? Weil sie am Ende das flächendeckende Doping verweigerten? Oder warum wachsen hier ausnehmend gut Klee, Rauke und Sauerampfer? Einige BFC-Fans denken schon laut über einen veganen Kiosk im Stadion nach. Der Weg vom Beet in den Magen ist nicht weit. In Lauchdarm gestopftes Grünzeug statt Bratwurst aus den jämmerlichen Resten des lieben Schweins! Der BFC voll im aktuellen Polittrend! Gigantische Werbung! Gewiss kann man die Grünen als Trikotsponsor verpflichten, die gerade zur Jagd auf der Deutschen liebstes Schnitzel blasen. Angeblich soll ja Cheffe Niersbach beim Stanglwirt mit Alm-Öhi, Heidi, Ziegenpeter und Blatter dem Problembär auch was ganz Dolles ausgeheckt haben.

Immerhin über 1000 Zuschauer waren am Sonntag vor Ort. Die ranken Sportler des BFC gegen eine Truppe Dickbäuche aus Neubrandenburg. Die Nordlinge werden trainiert vom fröhlichen Rentner Jürgen Bogs, der bis 1989 für alle BFC-Meistertitel zuständig war. Bis zur 70. Minute hielten Bogsens dicke Jungs mit. Der BFC ist Titelfavorit in der Oberliga Nordost Nord, alle anderen Teams Außenseiter. Deren rustikale Taktik ist klar. Beton. In den kommenden dreißig Spielen. Da braucht es hartnäckige Bunkerbrecher und geduldige Panzerknacker. Die Ultras sangen: Oh Dynamo, oh Dynamo, schieß doch bitte noch ein Tor. Denn wir wollen doch so gerne wieder Deutscher Meister sein. Der BFC mühte sich, ging in Führung, musste durch einen Sonntagsschuss den Ausgleich hinnehmen. Dann wechselte Altfuchs Volkan Uluc Rehbein und Kalkutschke ein. Unermüdlich angetrieben von Käpt’n Brunnemann, erzielten die beiden Flinkfüßler den verdienten 3:1-Endstand.

Das Zuschauen machte Spaß, trotz unsexy fünfter Liga und entsprechenden Schiedsrichtern. Sanfter Applaus begleitete die Spieler bis unter die Dusche, das Fanvolk nuckelte zufrieden am Bier, während sich auf den Traversen die Biomasse vom Spieltag erholte.

Am Montag dann ein kleines Wunder. Björn Brunnemann wurde von den Lesern der "Fußballwoche" zum Berliner Amateurfußballer der Saison 2012/2013 gewählt. Einst kickte er für den 1. FC Union Berlin. Kann schon sein, er hat dort noch einige heimliche Verehrer. Nach der Ehrung fragte ich ihn nach seinem Saisonziel.

Björn Brunneman:  Ich möchte alle BFC-Fans glücklich machen.

 

 

 

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