Willmanns Kolumne : Die Magdeburger Generation Amateurfußball

Der 1. FC Magdeburg war der einzige DDR-Europapokalsieger. Heute dümpelt der Klub in der vierten Liga vor sich hin. Dennoch geben die Fans die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht auf.

Frank Willmann
Die Magdeburger Ultras ziehen ihre Motivation aus der Vergangenheit des Klubs - der großen, nicht der jüngeren.
Die Magdeburger Ultras ziehen ihre Motivation aus der Vergangenheit des Klubs - der großen, nicht der jüngeren.Foto: Block U - 1. FC Magdeburg

Otto von Guericke, der Begründer der Vakuumtechnik, grüßt vom Infoblatt der Magdeburger Fanszene. Ob seine Anwesenheit als Gleichnis der sportlichen Situation zu verstehen ist, weiß nur der Fußballteufel. Der FCM wartet seit zehn Monaten auf einen Heimsieg. Die dürftige sportliche Leistung in der Regionalliga hält jedoch die FCM-Fans nicht davon ab, den Club nach vorn zu peitschen. Auch wenn dort, wie beim letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, nur Professor Chancentod und Doktor Hauüberdenball staksen. Als Fußballspielen kann man das, was die Mannschaft gegenwärtig zeigt, beim besten Willen nicht bezeichnen. Hat das gute, alte Vakuum Schuld? Den Abstiegsdruck gibt es dank der Regionalligareform nicht. Dieser verminderte Druck scheint dem Ballspiel der Magdeburger nicht förderlich.

Das Café Bördeland ist eine typische Fußballkneipe. Hier wird beim Bier vor und nach dem Spiel über das Schicksal des Clubs debattiert. Ich treffe dort Ralf und seine Freunde. Sie haben als Jugendliche die große Zeit des Clubs erlebt. Sind ihm zu Europacupspielen ins sozialistische Ausland gefolgt, bissen sich vor Wut in die Fäuste, wenn der FCM im Westen spielte und nur folgsame DDR-Bürger mitreisen durften. Sie haben vom Glanz des FCM abbekommen. Ein Glanz, der ihre Augen noch heute zum Leuchten bringt, wenn sie von ihren verwegenen Reisen erzählen.

Christian ist ein Ultra. Wie viele der jungen Fans ist er um die Wendezeit geboren. Er gehört zur Generation Amateurfußball. Er hat in seinem bisherigen Fanleben nicht ein Profispiel des FCM besuchen dürfen. Es fand bisher einfach keines in Magdeburg statt. Trotzdem gehört seine ganze Liebe dem Club. Er zieht das positive aus den vertrackten Umständen. Und träumt, wie alle hier, von was Größerem. Vor Jahren hätte es der FCM fast geschafft. Die ganze Stadt trug zum entscheidenden Spiel gegen St. Pauli blau-weiß. Magdeburg zog im Aufstiegskampf den Kürzeren.

Die Ultras haben ein gutes Verhältnis zum Verein. Es gibt nur wenig Stadionverbote, Kommunikation heißt das Zauberwort. Die Wege zwischen Vereinsführung und Fans sind kurz. Diese enge Verzahnung wird vom Magdeburger Fanprojekt gefördert und ausgebaut. Der kesse Flachbau ist der Treffpunkt der Szene. Vorm Spiel gegen RB fand dort ein Ultrafrühstück statt. Die Gemeinschaft stärken, der sportlich tristen Situation entfleuchen. Fanprojekt und Ultras befruchten einander. Gegensätzliche Standpunkte werden diskutiert, Konflikte gemanagt. Für diese Strategie steht in Magdeburg auch seit einiger Zeit die Polizei.

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