Willmanns Kolumne : Eintracht Braunschweig ist nichts für Hipster

Fans von Eintracht Braunschweig sind ein Volk von Masochisten - wie so viele Anhänger von Klubs, die nie etwas gewinnen. Unser Kolumnist hat den Sieg der Braunschweiger gegen Hannover in einer Kreuzberger Kneipe verfolgt, mit viel Bier und ganz ohne coole Menschen.

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Eintracht-Ekstase. Niedersachen, unnüchtern.
Eintracht-Ekstase. Niedersachen, unnüchtern.Foto: Willmann

Wenigstens einmal im Jahr gehe ich mit meinem Freund Uli Fußball gucken. Er ist für die Kleinen. Er hat bereits im Alter von zwei Jahren der Eintracht aus Braunschweig sein Herz geschenkt. Die Spiele, die wir gemeinsam sehen, sind Schicksalsspiele. Es geht für Uli immer um alles. Schrecklichster Höllenschlund oder ersprießlichste Höhenlage. So oder so. Dazwischen gibt es nichts. Jedes Spiel seiner Eintracht heißt für Uli, schlappe fünf Lebensjahre zu verlieren. Sein fußballerisches Alter liegt folglich bei 4779 Jahren.

Der Angstaffe lauert immer und überall

Kaffee, Zigaretten, Bier. Der Angsthase, manche meinen auch, es wäre der Angstaffe, lauert immer und überall. Ich bin froh, nur ab und zu diese Mischung aus Apokalypse, Kinderfasching und Schlachtfest besuchen zu müssen, die für Uli Alltag ist. Wessen Herz für die Kleinen schlägt, der hat selten zu lachen. Sein Brot ist steinhart, sein Wein meist vergiftet. Diese Klubs jenseits von Bayern, Dortmund und Schalke. Diese 99,99% aller deutschen Vereine. Wir Fußballfans sind ein Volk von Masochisten. Wir zittern, raufen uns die Haare, sondern kalten Schweiß ab, schmeißen die Biergläser um, bekommen in den unmöglichsten Situationen Durchfall. Es ist ein Weh und Ach!

Der Braunschweigfan Uli Hannemann wird relativ häufig mit dem Buchautor Uli Hannemann verwechselt. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass die zwei ein und dieselbe Person sind. In seinem frischen, meisterlichen Roman Hipster wird's nicht  spielt der Fußball eine notwendige Rolle. Das hervorragende Buch erzählt die erbarmungslose Geschichte von Thomas. Der 44-jährige Held gerät zufällig in die Klauen einer Neuköllner Hipster-WG. Deren Bewohner ihn mit nacktem Fleisch, Fixifahrrädern, Stofftaschen und dummen Geschwätz terrorisieren. Das ist echt Baader/Meinhof! Fußball schauen die Hipsterlein beim Retrowirt, einem Urneuköllner Schulle-Ausschenker. Im Grunde gucken sie aber gar nicht Fußball. Sondern schauen den echten Berlinern, den dirty locals, beim Fußball gucken zu.

Jeden Montag spiele ich echten Fußball. Wir sind beide Verteidiger. Er links, ich rechts. Uli ist auf dem Platz ein beinhartes Wiesel mit Herz.

Heute sehen wir Ulis Eintracht im Bierkombinat in Kreuzberg beim Kicken zu. Alles blau und gelb. Der Laden ist fest in Eintrachthand. Uli sagt, der leptosome Hipster an sich interessiere sich nicht für Fußball. Das sei ihm zu Mainstream. Außerdem seien die Hipsterbeinchen viel zu dünn, um damit Fußball spielen zu können. Bei Braunschweig würde dem Hipster höchstens Jägermeister gefallen. Anfang der 70er gab's in der Stadt Heinrich des Löwen eine Liebesgeschichte. Ein Herr Mast hatte sich mächtig verschossen. Fast wäre die Eintracht in Jägermeister Braunschweig umbenannt worden. Etliche Fans tragen noch heute im Bierkombinat einen Hirsch auf dem Hemde. Ich frage Uli, ob er Eintracht Braunschweig verdient habe. Und umgekehrt, ob die Eintracht ihn. Uli sagt, er befürchte, er habe Eintracht Braunschweig verdient. Dann zeigt er auf das schöne Fahnenmeer im Fernseher, lächelt selig und verbittet sich weitere dumme Fragen. Er sagt nicht saudumme Fragen, das rechne ich ihm hoch an. Ach so, Eintracht spielt heute gegen den Niedersachsenrivalen aus Hannover. Zur Fratze entstellte Oberstübchen. Geharnischte Polizeiheere. Uli ist die so genannte traditionelle Feindschaft egal. In seiner Liebe zur Eintracht steht er über kleinlichem Gezänk. Er nimmt die Folklore, wie das gegenseitige Schmähen mittels verfaulter Schweinehälften, Rasierklingen und Pissebeutelweitwurf nur aus den Augenwinkeln wahr.

Bumms, da fällt auch schon das 1:0 durch Kumbela (früher böse, in Braunschweig ergutet). Bumms, und es steht 2:0. Die Kneipe steht Kopf. Uli rechnet fleißig. Zwar ist Braunschweig noch immer Bummelletzter, doch nur noch einen Punkt hinter Nürnberg. Sowie jeweils zwei von Stuttgart und dem HSV entfernt. Stuttgart und der HSV sind mir auch egal. Ich sähe sie gern von Jena und Magdeburg ersetzt.

Uli Hannemann. Autor und Fan.
Uli Hannemann. Autor und Fan.Foto: Willmann

Schlagartig kriecht Uli Angst ins Gedärm. Plötzlich heißt es, siebzig Minuten zittern. Ständig auf die Uhr schauen. Mit dem linken Fuß zucken. Unterbrochen von tiefen Schlucken aus dem tröstendem Bierglas. Eine nach der anderen paffen. Ohne Hasch drin. Sonst würde ihm wertvolles Adrenalin verloren gehen. Uli sagt, dass gerade Gästetorhüter in Braunschweig besonders große Angst hätten. Sein Liebling ist der Bosnier Ermin Bicakcic, ein beinhartes Wiesel mit Herz. Bei Hannovers Hoffmann brennen die Sicherungen durch. Rote Karte, Kumba Bumba, Bumms, das 3:0. Heute würde Braunschweig sogar Elfmeter können. Die Kneipe singt „Europapokal, Europapokal“ und „Deutscher Meister in den Farben gelb und blau. 1967 – das war unser BTSV!“ Die Idealisten träumen von der Relegation gegen den Tabellendritten der Zweiten Liga, als wäre es die deutsche Meisterschaft. Uli will im Fall der Fälle gern gegen St. Pauli oder Paderborn spielen. Zum Schluss wird noch Bellarabi eingewechselt. Der einzige Spieler, dessen Name mir bekannt vorkommt.

Dann ist alles nur noch Europapokal, Europapokal. Und verschwitztes blau gelbes Meer. Es ist Sonntag, 17 Uhr 15 und für alle Braunschweigfans Zeit, ins Bettchen zu gehen. Um fix vom Klassenerhalt zu träumen.

 

Lesetipp: Hipster wird's nicht: Der Neuköllnroman, Uli Hannemann, 320 Seiten, Berlin Verlag, Berlin 2014, 9,99 Euro.

 

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