Willmanns Kolumne : Für ein Maß an Wildheit im Fußball

In seiner wöchentlichen Kolumne verlangt Frank Willmann: "Fußball muss ein Stückchen schmutzig bleiben!" Unser Autor plädiert dafür, den Fans böse Scherze ab und an durchgehen zu lassen.

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Unser Kolumnist Frank Willmann kann als Freund des groben Scherzes über solch Plakate lachen und fordert: "Böse Scherze müssen ab und an durchgehen, die Welt ist schrecklich genug."
Unser Kolumnist Frank Willmann kann als Freund des groben Scherzes über solch Plakate lachen und fordert: "Böse Scherze müssen ab...Foto: afp

Winterpause ist Katharsis. Sie bietet reichlich Möglichkeiten, vom Pfad der Tugend abzukommen und sich in Bagatellen zu verlieren. Ich habe die ersten Januarwochen mit einem fiesen Virus gekämpft, den mir ein echter Hipster anlässlich einer ultrageheimen Filmvorführung entgegen fluppte. Ich sah die Keime auf mich zu fliegen und hatte keine Chance, ihnen auszuweichen. Während also meine Dichterkollegen bereits ab dem fünften Januar wieder enthemmt über den Kunstrasen fegten, wurden fiebrige Fußballalbtraumlandschaften mein grausames Los. Einer meiner Lieblingsalbträume findet im Winter statt und hat, wie jeder guter Albtraum, einen realen Hintergrund. Er bezieht sich auf den Tod eines Mitspielers meines damaligen Clubs Traktor Kromsdorf. Er starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Legende sagt, er wäre nach dem Fußball bei Minusgraden mit nassen Haaren Moped gefahren. 

Ich sitze auf meiner MZ. Ich kann mich nicht bewegen. Ich bin festgefroren. Eine umsichtige Mutter kommt mit zwei Kindern vorbei. Sie sagt „Schaut mal, er hat nicht auf seine Mutter gehört und ist mit nassen Haaren ohne Helm Motorrad gefahren. Das hat er nun davon. Lungenentzündung, Erfrierungen, er wird bald sterben. Brecht euch ruhig ein Stück von ihm ab, liebe Kinder. Als Denkzettel für die Kindsköpfe dieser Welt!“ Die Kinder brachen ein Stück von mir ab, wie es die Mutter ihnen gebot. Ich versuchte zu schreien, ich lebe, bin noch nicht erfroren, nein! Doch ich brachte keinen Ton heraus. Dann sah ich weitere fürsorgliche Mütter mit ihren Kindern um die Ecke biegen.“

Was ist in der Realität geschmacklos? Der Ukrainekonflikt, Isis? Oder Juniorbushs Politik, die Isis erst möglich machte? Ist es möglicherweise die drohende Karnevalisierung des Abendlandes? Im Karneval sind grobe politische und sonstige Scherze ein Muss. Vermutlich verschaffen sie den Menschen Erleichterung im täglichen Irrsinn. Für einige Erdenbürger ist der Fußball die Fortsetzung des Karnevals mit anderen Mitteln. Erinnert sei an wunderschöne Fanaktionen. 2013 hissten Jenafans unerkannt drei Banner („Facebook, Disco und Red Bull, heut gewinnen wir zu Null, Doch selbst nach tausend Siegen, Charakter werden wir nie kriegen, Ultras Mateschitz Mattenschiss, Ultras Red Bull Leipzig - Mucchio di Merda (= Scheißhaufen)“) am Zaun vor dem Leipziger Auswärtsblock. 2008 strichen Bayernfans vorm Pokalspiel 1860-Bayern im Stadion an der Grünwalder Teile der 60-Kurve rot weiß. Schwarz-weiß-blau zeigte sich eine Unterführung in Bremen anlässlich eines HSV-Gastspiels 2007. Ebenfalls 2007 bemalten St.-Pauli-Fans den Seelerfuß am gleichnamigen Denkmal braun-weiß. Der BFC-Mob erschien bei einem Spiel beim Köpenicker SC (Köpenick ist auch die Heimat des 1. FC Union Berlin) in Schutzanzügen, in den 90ern reisten St. Paulifans in feinen Anzügen und beschlipst nach Zwickau und warfen mit Kleingeld um sich, Ossiebashing vom feinsten.

Sind Fußballfans schlauer, als man gemeinhin denkt?

Im Gegenzug wurden Westvereine im Osten grundsätzlich als asoziale und arrogante Wessis begrüßt.  Köln würdigte Mönchengladbach mit einem Enthauptungsscherz und ist damit bestimmt nicht der einzige deutsche Verein gewesen. Fangesänge sind voller Schmähungen des Gegners, die liebevoll von vielen tausend Fans in den Kurven im Siegestaumel gesungen werden. Sie sind für Außenstehenden vielleicht geschmacklos, doch der regelmäßige Stadiongänger bemerkt die Veränderungen des Liedguts. In den 90ern waren rassistische und homophobe Gesänge an der Tagesordnung. Der Torwart war grundsätzlich eine Schwuchtel, schwarze Spieler wurden mit Bananen oder Affenlauten gekränkt. Zu DDR-Zeiten wurden die beiden Berliner Vereine in allen Stadien der Zone generell als Juden-Berlin begrüßt. Rassistische und homophobe Schmährufe hört man heute selten in den Stadien. Das Repertoire an vermeintlichen Scherzen ist bei der breiten Masse durchaus wandelbar. Sind Fußballfans schlauer, als man gemeinhin denkt?

Ich gehöre auch ein bisschen zu den Freunden des groben Scherzes. Deshalb kann ich über das „geschmacklose Enthauptungsplakat“ von Lüttich lachen. Was hat sich dort Ungeheuerliches ereignet? Die Fans von Standard Lüttich begrüßten letzten Sonntag ihren ehemaligen Liebling Stefan Defour mit einer riesigen Stadionchoreografie. Rechts stand der Slogan Red or Dead, links sahen wir einen maskierten Henker, der in der linken Hand einen abgetrennten Kopf, in der rechten ein Schwert hielt. Der Kopf war unschwer als der des einstigen Geliebten Stefan Defour zu erkennen. Dieser spielt, nach einem mehrjährigen Intermezzo im Ausland, nun beim Hauptrivalen- und sonntäglichem Gegner RSC Anderlecht.

Ein Maß an Wildheit sollte dem Fußball erhalten bleiben

Der Club Standard Lüttich bewarb die Aktion zuerst auf Twitter, um wenig später einzuknicken und den Organisatoren strafrechtliche Konsequenzen anzudrohen. Klar ist die Choreografie grober Unfug, eine fiese Beleidigung, eine maßlose Albernheit, ein derber Spaß. Na und? Ein Maß an Wildheit sollte dem Fußball erhalten bleiben, böse Scherze müssen ab und an durchgehen, die Welt ist schrecklich genug. Fußball muss ein Stückchen schmutzig bleiben. Ich möchte beim Thüringenderby nicht auf gegrillte Schweinehälften verzichten, die dank einer langjährigen Folklore für jeden anwesenden Zuschauer ein gewisses Provokationspotential in sich tragen.

Apropos Thüringen. Dort hat der DFB gegen Erfurt eine fünfstellige Strafe ausgesprochen. Der Grund ist an Albernheit und Kleingeistigkeit kaum zu überbieten. In Erfurt wird (NEID!!!) ein neues Stadion gebaut. Die alte Spielstätte wurde im Oktober 2014 ehrenhaft mit einem Spiel gegen den einstigen holländischen Europapokalwidersacher FC Groningen verabschiedet. Mit herrlichem Feuerwerk, Bengalos, Pyroshow vom feinsten. Niemand kam zu Schaden, das Spektakel wurde vorher beim DFB angemeldet. Dieser hob trotzig den Stinkefinger und verurteilte Erfurt zu 20.000 Euro Strafe. Eine traurige Provinzposse. Der Club ging in Berufung, doch ich vermute, die Fußballbonzen werden hart bleiben. Ich hoffe auf deutschlandweite Solidarität und kündige meine Spende schon mal an. Schutzmänner/Frauen aufgehorcht: Das hat nichts mit Gewaltverherrlichung oder Aufruf zu Brandanschlägen im Stadion zu tun! Wenn kreative Gruppen unter das Fallbeil frühvergreister Biedermänner fallen, juckt mir das Fell.

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