Willmanns Kolumne : Fußball im Weltmeister-Schland ist nur noch Karneval

Früher war Fußball ein Arbeitersport, jetzt ist jedes Länderspiel ein nationales Kulturereignis. Unser Kolumnist Frank Willmann sieht die Eventisierung seines Lieblingssports mit gemischten Gefühlen.

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Schlandfriedensbruch im Stadion von Dortmund. Die Nationalmannschaft macht's möglich.
Schlandfriedensbruch im Stadion von Dortmund. Die Nationalmannschaft macht's möglich.Foto: dpa

Tolldreistes Partyvolk tobte am Sonntag bis spät in die Nacht durch Dortmund. Die Eventisierung des Fußballs schreitet unaufhörlich voran. Wer hätte es noch vor gar nicht so langer Zeit für möglich gehalten, dass im Stadion von Borussia Dortmund schwarzrotgeil vereint all die männlichen und weiblichen Götzes, Kroos, Schürrles, Neuers und Draxlers ihr alkoholfreies Bier schwenken und selig die deutsche Nationalhymne schmettern? Ach Gottchen. Was WIR aber auch in Brasilien geschafft haben. Einigen Eventbesuchern standen Tränen in den Augen, als sie mit der rechten Hand ihre aufgeregt pumpenden Herzen festhielten.

In Dortmund wurde kein Weltmeister ausgepfiffen, was sehr viel mit der veränderten Publikumsstruktur bei Spielen der Nationalmannschaft zu tun hat. Der Schlandfan von heute sitzt gern im Stadion und findet Pöbeln unangemessen. Bizarre Kopfbedeckungen sind ihm Lebensziel, voll geil die in  den Farben Deutschlands angepinselten Jungfrauen. Es schäumt nicht mehr das Bier, sondern der Cafe Latte. Vorbei die entsetzliche Zeit, als Massen wonnetrunkener teutonischer Rabauken ihr donnerndes „Sieg!!!“ durch Europas Arenen brüllten. Und von deutschen Panzern unter General Schmutzhals Ballack träumten. Unter Foreveryoung Jogi ist der Fußball fluffig geworden. Wie ein beschwingt zu lutschendes Steak. Dazu ein Lightbier.

Deutschland gegen Schottland in Bildern
Wie jubelt ein Weltmeister? Dezent, war ja auch nur ein Sieg gegen Schottland. Aber immerhin der erste in der Qualifikation für die EM 2016.
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1 von 14Foto: AFP
07.09.2014 23:13Wie jubelt ein Weltmeister? Dezent, war ja auch nur ein Sieg gegen Schottland. Aber immerhin der erste in der Qualifikation für...

Ihr Ligthbier leisten sich die Schlandversteher schon mal, obwohl auch Cola lecker ist. In Dortmund am Sonntag im Pappbecher für günstige vier Euro zu haben. Der vom Lockstoff Fußball Infizierte teilt das Kulturereignis gern mit anderen. Ob Kleinbürger, Professor oder Bundeskanzler. Vorm Fußball sind angeblich alle gleich, sagt uns der Fernsehonkel. Wo vor wenigen Dekaden, noch unter der Aufsicht von vielen hundert Polizisten in Kampfmontur, spärlich beharrte Männer kübelweise Bier soffen, mit bösen Blicken Männchen machten und gereizt nach gegnerischen Fans Ausschau hielten, reichen heute vier weiße Mäuse, um den Verkehr zwischen Schotten und Deutschen zu regeln.

Sag mir, wo die Biermonster und Zahnlückenbolde geblieben sind?

Die Friedlichkeit der Schlandmäuler ist natürlich eine feine Sache. Sie wirft kein schlechtes Licht auf den Event. Am Fußball kommt keiner vorbei. Die DFB-Moderatorin im Stadion als zusätzliches Verlustierungselement, pustete den letzten Rest Lebenssinn in die Tröte. Das Ganze auf heiligem Boden, im früheren Leben Westfalenstadion genannt. 2014 ist der Fußball längst in allen Gesellschaftsschichten angekommen. 1990 war Fußball ein primitiver Arbeitersport. Inzwischen sind die Spieler medial aufgemotzt, selbst Poldi kann glatt bis zehn zählen. Sag mir, wo die Biermonster und Zahnlückenbolde sind? Wo sind sie geblieben? Ein bisschen weh tut es schon, wenn man beim Betreten der Eventorte keine Ellenbogen mehr in die Rippen gerammt bekommt.

Die Rückkehr der Weltmeister
Einmal die Polonaise über die Bühne.
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1 von 66Foto: dpa
15.07.2014 12:18Einmal die Polonaise über die Bühne.

Weit über 100.000 fette Euro kosten wenige Minuten Werbung im übertragenden RTL-Fernsehen. Ja ihr Lieben, der DFB ist inzwischen beim Blut- und Möpsesender gelandet. RTL bezahlt und hat die nächsten sechs Jahre immer recht. Wer den Kritiker spielen wollte, müsste sagen: Als tugendhafter Spiegel ist das Fußball-Ding aus dem Ruder gelaufen. Aber handelt es sich nicht gerade deshalb um große Kunst? Wenn schon kein Krawall von Fanseite, dann wenigstens ordentlich Gedöns aus der Kölner Peingrube. Keine Macht den Doofen!  RTL hat den Trend zur Eventisierung des Lebens begriffen und fett in die Big Fußballparty investiert.

Die Nation schäumt? Nöööö! Sehn wir es doch mal realistisch. Endlich keine Schreckensbotschaften mehr in der Halbzeitpause. Ertrunkene Flüchtlinge? Böse Russen in der Ukraine? Liebe Amerikaner im Irak? Das war gestern, heute ist alles Narretei und Götze unser Lieblingsdortmunder. Hat sogar Kevin Großkreutz gesagt. Ja, im Ernst, vorm Spiel flehte der Ur-Dortmunder die Massen an. Alle die Hände zum Himmel. Jogis Friseur sind ich und du. Müllers Kuh ist der beste Mann. Denn das hat alles ganz viel mit Fußball zu tun. Mag es auch für manche erschütternd sein.

Im Stadion blieben trotz Weltmeistertitel einige tausend Plätze leer

Jaja, man konnte am Sonntag bei der Karnevalisierung des Fußballs via RTL schon ein wenig durcheinander kommen. Nein! Der meist gesuchte Terrorist heißt nicht Silvio Blatter. Auch nicht Flori König. Die Knechte der Unterhaltungsindustrie nagten am prallen Busen des Fußballs, der früher mal unser Großhirn war. Seltsam: Im Stadion blieben trotz Weltmeistertitel einige tausend Plätze leer. Vorm Fernseher amüsierten sich elf Millionen Fernsehwürste, Fernsehelfen und Fernsehprolls. So richtig zufrieden waren sie noch nicht, aber das kommt schon. Vorsicht! Trauer, Hohn und Mitleid wohnen dicht beieinander.

Im Fußball der Gegenwart hat die Unterhaltungsindustrie einen vollkommenen Sieg errungen. Jeder Fan wird kostenlos versorgt und verblödet. Schon bald spielt die bundesdeutsche Nationalmannschaft im „Stadion der Inkontinenz-Unterwäsche“. Die Fans sind nicht mehr Herren ihres Sports, sondern Objekte eines neuen, geschmeidigen Totalitarismus.

„Ich sag`s mal in aller Kürze“, es geht trotz alledem weiter. Die neuen Gegner im alten Spiel sind Separatisten, die für einen freien Fußball kämpfen und durch Traumfängerei (in Paris z. B. gründeten soeben Exfans von Paris St. Germain und Kommerzialisierungskritiker einen neuen Fußballverein) auf sich aufmerksam machen.

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