Willmanns Kolumne : Hansa Rostock: Untergang oder Wiedergeburt?

Dresden, Halle, Erfurt, Chemnitz? Fußballerisch herrscht in all diesen Orten rechtschaffener Stillstand. Auch in Rostock? Unser Kolumnist Frank Willmann hat sich umgesehen - und fällt ein ähnlich vernichtendes Urteil.

Frank Willmann
Große Diskrepanz. Hansas Fankurve lebt, dennoch ist der Verein am Ende
Große Diskrepanz. Hansas Fankurve lebt, dennoch ist der Verein am EndeFoto: Imago/objectivo

Neben mir jauchzten letzten Samstag 11500 leidlich vergnügte Hansafans über den hart erarbeiteten Heimsieg ihrer Mannschaft in den regenverhangenen Himmel. Der Gegner war spielerisch besser, doch bei entscheidenden Spielen ist der Wille, der bekanntlich Berge versetzen kann, das entscheidende Moment. Zweimal lag Hansa hinten, zweimal glich Hansa aus und erzielte, nachdem bereits in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit der 2:2-Ausgleich fiel, in der letzten Minute das Siegtor. Schöner die Glocken nie klangen. Für solche Spiele liebe ich den Fußball.

In der globalen Fußballwelt ist kein Platz für Romantik

Auch 40 Fans des Gegners, der Borussia Dortmund II hieß, hatte es nach Rostock verschlagen. Welchem Antrieb sie wohl nach Rostock folgten? Die erste Mannschaft Dortmund ließ fast zeitgleich vor vollem Haus in der Bundesliga die Murmel gegen Frankfurt rollen. Warum begibt man sich auf die lange Reise nach Rostock, um Grünschnäbeln zu folgen, die schon morgen keine Chance mehr in Dortmund haben werden? Ist es das schwarzgelbe Hemd? Oder der Geist des Ruhrgebiets, der in den bunten Werbebroschüren des Fußballunternehmens Borussia Dortmund immer wieder heraufbeschworen wird? Die romantische Bahnfahrt von Dortmund nach Rostock? In unserer globalen Fußballwelt ist kein Platz für Romantik. Wer nicht mithält, wird Fischfutter.

Der schwere Gang ins Nirwana des Fußballs steht auch Hansa Rostock bevor. Obgleich manche Rostocker meinen, Hansa hätte es sich dort längst gemütlich gemacht. Zwar hat sich die Mannschaft unter dem Trainer Altglatze Karsten Kantenkinn Baumann wieder aus dem tabellarischen Jammertal nach oben gekämpft. Doch spuckt in Rostock jeder Dosenhering neue Zahlen über die Liquiditätslücke der Rostocker aus. Ob nun für den nächsten Etat drei, vier oder gar fünf Millionen Unterdeckung im Schwange sind, ist letztlich egal. Weil weitere Schulden und Verbindlichkeiten in der geschätzten Höhe von knapp 30 Millionen wie ein düstrer Totenvogel über Rostock kreisen. Baumann hat mit leidenschaftlichem Kampffußball den Regionalligaknast verhindert. Nun liegt es an den Mitgliedern des Vereins, zu entscheiden, wohin die altehrwürdige Kogge treibt. Untergang oder Wiedergeburt? Insolvenz anmelden oder unter neuer Flagge mit frischem Geld die dritte Liga rocken? Frisches Geld, das sagt sich immer so einfach und schön. Niemand versenkt freiwillig viele Millionen in einen Fußballklub, da kann er noch so sehr in die Region verliebt sein und ein Hansaherz am rechten Fleck tragen. 

Am 10. Mai findet in Rostock eine außerordentliche Mitgliederversammlung statt. Wenn alles nach Plan läuft, dürfen die Hansamitglieder dann zum letzten Mal selbst über das Geschick ihres Vereins entscheiden. „Hintergrundgespräche“ heißt das Wort der Stunde. Die Ausgliederung der Profifußballabteilung zum Jahresende ist das einzige Thema. Nur dann will irgendwer einsteigen, die Schulden bezahlen und das Steuer übernehmen. Neben viel dramatischem Theaterdonner ist der Ankündigung Hansas nix entnehmen. Wer der ominöse Zaubermann ist, wird nicht verraten. Wahrscheinlich wird die Katze zur Mitgliederversammlung aus dem Sack gelassen, als letzter Motivationsschub für unentschlossene Mitglieder. "Dieses Konstrukt ist alternativlos", sagt der Vorstandvorsitzende Michael Dahlmann, "am 28. Mai fällt der Hammer".

Im Scheitern des Klubs kann durchaus eine Chance liegen

Doch im Scheitern kann auch eine Chance liegen. Träte Hansa den Schritt in die Insolvenz an, wäre der Verein mit seiner großen Anhängerschar in einem Jahr schuldenfrei und könnte von ganz vorn beginnen. Ohne einen Fremdbestimmer, der bei einer Ausgliederung das Sagen hätte. Will man den letzten Rest Fußballdemokratie aufgeben? Und seine Seele wem auch immer verkaufen? Es gibt eine Menge deutscher Clubs, die das getan haben. In Jena, Hannover oder Hamburg hat es die Clubs nicht nach vorn gebracht. Zumal die Aussage, das ausführliche Konzept zur Rettung Hansa gäbe es erst nach der Zustimmung, schon sehr merkwürdig klingt. Trotzdem lautet meine Prognose, mehr als 80 Prozent der Mitglieder werden zu allem ja sagen, das ihren Club irgendwie oben hält. Selbst wenn sie nicht im Ansatz verstehen, was dieses Ja für ihren Club bedeutet.

Schauen wir, was sich neben Hansa aus ostdeutscher Sicht in der 3. Liga bewegt, sehen wir rechtschaffenen Stillstand. Dresden, Halle, Erfurt, Chemnitz und Cottbus schwimmen als graue Mäuse in der Drittligasuppe, die unter Umständen im nächsten Jahr noch von Aue angereichert wird. Die 1. Bundesliga ist längst ostfußballbefreite Zone, in der zweiten Liga knödelt Union Berlin als letzter Gerechter die Kirsche (doch auch Union hat Auflagen für die neue Saison bekommen), vielleicht haben wir in einem Jahr gar keinen Spitzenfußball mehr im Nordosten? Außer…, ja außer RB Leipzig. Der Erfolgsclub im Osten – doch zu welchem Preis?

„Hansa Forever für alle Zeit, Hansa Forever und für die Ewigkeit, wir lassen Hansa niemals im Stich - Hansa für immer und unendlich. Hier kommt keiner am Fußball vorbei...“ sangen die Menschen im Ostseestadion vorm Kick mit gebotener Inbrunst. Hansas Fankurve lebt, dennoch ist der Verein am Ende. Kommt mir bekannt vor. Klingt nach Jena. Das herzbrechende Schicksal meines FC Carl Zeiss Jena, der vor drei Jahren in die Regionalliga Nordost entschwunden ist, wünsche ich keinem. Dort hat vor ein paar Tagen unser fähiger Geschäftsführer gerade Schwein gehabt. Er bekam einen Job in Augsburg. Beim FC. Glückwunsch.

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