Willmanns Kolumne : Landflucht statt Schlandfluch

Unser Kolumnist hat so einiges an dieser Fußball-WM nicht mehr ausgehalten und ist deshalb für das große Halbfinalspiel aufs Land geflohen. In Dieters Bretterbude dann warf der Beamer solch epochale Bilder aufs MDF-Paneel, dass er schnell wieder zum Fan wurde.

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Das Paneel anbeten. Ein sichtlich mitgenommener Kolumnist prüft das Material in Dieters Bretterbude.
Das Paneel anbeten. Ein sichtlich mitgenommener Kolumnist prüft das Material in Dieters Bretterbude.Foto: Ina Dittmeyer

Es ist dieser Tage schwer, sich den Schlandgewittern zu entziehen. Der allzu differenzierte Geist wird bei wonnetrunkenen Gemeinschaftsfußballguckerlebnissen schnell als Mäkelfritze, Spielverderber oder Scheinpatriot verstanden. Bissel mehr Dankbarkeit. Uns geht’s doch gut. Wir müssen nicht übers Meer ins gelobte Land flüchten. Deutschland ist dies und das. Selbst vormals lässige Genies sind SRG. 11 Schwarzrotgoldene deutsche Millionäre gegen 11 brasilianische grüngelbe Millionäre spielten gestern Fußball. Es ging um den Einzug ins Finale der WM. Versteckt in den Kabinen warteten ihre Friseusen, Imageberater, Personal Trainer, Stylisten, Stützstrumpfhalter, Küchendragoner, einschließlich ganzer Horden Sponsoren.

Das intellektuelle Niveau des deutschen Fernsehens ist auf Showniveau geschrumpft. Scholl regt sich über die Brutalisierung unseres Sports auf. Niersbach schwärmt von 1990. Es reicht, es quält, es tut weh. Die Vetternwirtschaft der FIFA wird als kurioses Phänomen durchgewunken, Plattheiten und Gewäsch sprudeln aus den Köpfen der Moderatoren. Wo sind die Problembären? Philosophen schrumpfen zu Trommeläffchen der Unterhaltung, das gemeine Pantoffeltierchen nistet sich in den deutschen Oberstübchen ein. Unendlicher Spaß. Wenn das Schopenhauer und Nietzsche wüssten! Das hat mit Fußball nichts zu tun!

Sporthistoriker, Freizeitforscher, Politologen? Es gibt euch! Doch wir finden euch nicht im öffentlich rechtlichen Fernsehdiskurs. Feierpuschel Müller Hohendings in Pumuckel-Tonlage. Jasager, Dauergrinser. Welchen Latsch trug Neymar zuletzt? Kann nicht einer dem Fußball ein wenig auf die Pelle rücken? Mehr Diskurspogo im Fußball! Der FIFA den Pelz entzünden. Das Spiel wird uns präsentiert von Bitburger. Müller macht Werbung für den Webergrill. VISA ist Hauptsponsor. VISAfrei bis nach Berlin? Ein armer Schlucker aus der Favela wird niemals ein Visum für die BRD bekommen. Jeder Tag ist Antirassismustag! Wo sind die größenwahnsinnigen Ärsche und Ekelpakete?

Flucht vor der nationalen Grütze

Der Schlandfluch ließ mich fluchtartig unser schönes Berlin verlassen. Ich wollte das Spiel fern der geschminkten, freien deutschen Merkeljugend erleben. Wie sie brünstig die Nationalhymne jodeln. Die rechte Hand auf dem Herzen, entrückter Blick nach Osten. Diese nationale Grütze. Ich hatte Angst, mich möglicherweise in einem Anfall von Düsterkeit neben sie zu stellen, eventuell die Hose herunter lassen, Arges zu tun. Ab aufs Dorf. Oderland. Im Einklang mit der Landbevölkerung in Ruhe „Weltmeister werden“. „Wir sind einfach mal wieder dran“. Wer ist eigentlich wir? Etwa ich?

Aaaah, ruhig fließt die Oder. Köstliches Kaffeetrinken im Oderblick. Der Pirol singt sein Lied, der Waschbär besteigt seine Waschbärin. Wir wissen viel zu wenig von der Landbevölkerung. Ihre Nahrung beispielsweise. In Berlin sind die Esstiere vakuumverpackt. Wer von uns weiß, was es bedeutet, wenn von glasierten Hühneraugen, krossen Biberzungen und gefüllten Gedärmen vom Lurch gesprochen wird? Keiner von uns! Die Landleute essen possierliche Tiere und machen sich über uns lustig? Es ist wahrscheinlich eine Art Geheimcode.

Die Landbevölkerung plant längst den Marsch auf Berlin. Als erstes fällt der BER in ihre Hände! Sie werden ihn in ein gigantisches Hühnerfreigehege umwandeln. Hat Charly gesagt. In Lebus werde ich vom Landmann Charly betreut. Damit ich nicht verloren gehe, mich der Fuchs holt. Oder der Elch. Das Spiel gegen Brasilien sahen wir in Dieters Bretterbude. Also in Dieters ausgebauter Scheune. Das Fachwerk hat er entmachtet. Mit MDF-Paneel. Mitteldichte Faserplatte. Farbton Eiche hell. Mein Blickwinkel auf MDF-Paneel hat sich seit dem Spiel gegen Brasilien verschoben. Wie gesagt, icke, Charly und Lebuser Fachpublikum. Einer hat sogar Fußball studiert.

Wir wollen ein Kind von Kroos und Co.

Ein historischer Moment. In Brandenburg. Land der Alleen. Bei der Hymne ist keiner aufgestanden. Anwesend lediglich ein leicht verwirrter Dörfler. Ein drolliger Schmachtlappen mit großer Angst vor schwarzen Männern. Seltsamerweise gewandet in ein rotes Trikot. Ich habe es als Reminiszenz ans nahe Polen verstanden. Wir sitzen bequem. Couchensembles. Bier, Sekt, die Kinder sitzen vor uns. Gelächter, milde Sommernacht. Der Kauz jammert in der nahen Buche. Iris sagt, bei jedem Tor der Bundedeutschen gibt’s einen Schnaps. Ich guck nach oben. Der kleine Wagen am Himmel. Darin sitzen Neymar und Thiago Silva. Reus und Gündogan ziehen.
Das Wunder in Lebus. Bei aller Liebe für die Kleinen im Fußball. Was der Beamer nun an die Wand wirft, ist einfach nur groß. Bei meiner langjährigen, hoffnungslosen und möglicherweise peinlichen Verehrung des englischen Fußballs samt Vorrundenaus und Pi Pa Po – das war gestern ein epochaler Moment.

Um die vernichtende Niederlage der Brasilianer im eigenen Land zu schildern, bedarf es unsagbarer Wortkaskaden, Satzungetüme, Adjektivsprengsätze. Krasse Effizienz, Panik, das Weiße im Auge Marcellos. Verheerend, zerbombt, vernichtet, zerstört, gekillt, getötet, gemeuchelt, ausradiert. Unheimliche Spieldynamik, unfassbar organisiert, Aufrücken, Rausrücken, genialisches Pressing. Löwsches Angriffsspiel, Brasilien ein einziges, großes Loch. Zum Schluss verhöhnt der brasilianische Pöbel die eigenen Spieler, insbesondere Fred.

Wir Glückskekse wollen derweil alle ein Kind von Kroos, Müller, Özil, Löw, Klose, Hummels, Khedira, Lahm, Schweinsteiger, Neuer… BRD 7, Brasilien 1. Wir tanzen innerlich auf den Tischen. Arschbombenstimmung, die Kinder hüpfen in den Pool. Iris will auch rein. "Zieh Dir was an", feixen die Nachbarn und tanzen mit. Sonntag Finale. BRD gegen Holland. „Am Ende ist die Ente fett.“ Sagt Charly und bringt mich ins Bett.

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