Willmanns Kolumne : Meine schönsten Sportverletzungen

Was gibt es doch heute für tolle Sportverletzungen, findet unser Kolumnist. Früher gab es nur einfache Brüche, Risse und Zerrungen. Heute kann man mit etwas Glück Opfer eines kniffligen Kahnbeinbruchs werden.

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Das sieht nicht gut aus.
Das sieht nicht gut aus.Foto: Imago

Der Oktober. Monat der Reminiszenz. Am Horizont drohen bereits ein bisschen Väterchen Frost und die Schrecken der Winterpause. Das Laub rieselt melancholisch auf unsere Häupter, wenn wir traumversunken auf feuchten Pfaden den Trainingsplatz berücken.

Jetzt nur nicht in die Schienen der Straßenbahn geraten! Wer möchte schon als Wegeunfallopfer nach dem Training durch die Konversation der Mitspieler geistern. Ein Abriss einiger Beugesehnen am Sitzbein klingt dagegen viel attraktiver. Man würde sofort in der Hochachtung aller steigen. Was gibt es doch heute für tolle Sportverletzungen! Früher war alles viel schlechter. Nur einfache Brüche, Risse und Zerrungen ohne gründliche Schmerzinformationen.

Heute kann man mit etwas Glück Opfer eines kniffligen Kahnbeinbruchs werden. Ein Gips oder eine Schiene dürfen in dessen Folge als Körperschmuck über einen langen Zeitraum getragen werden. Sie lassen häufig die Herzen der Lebenspartnerinnen höher schlagen. Im günstigsten Fall führt eine Sportverletzung zur tiefen Verschmelzung der Beziehung in zweierlei Leid. Hier superschlimme Trübsal des verletzten Fußballers, dort Mitgefühlzwang und aufreibendes Krankenschwesternlos.

Angeblich sind die meisten Fußballunfälle vermeidbar. Die Vorbereitung ist das A und O. Dehnen, Erwärmen, der ganze langweilige Quatsch, auf den wir nie Lust haben. Es erwischt jeden vierten Kicker pro Jahr. Prellungen sind Alltag, meist bleibt nur ein blauer Fleck. Zerrungen am Oberschenkel sind sehr beliebt. Manchmal tauchen Ehrgeizlinge auf. Trainer. Wenn sie es zu arg treiben, hilft eine verunglückte Flanke gegen den Hinterkopf.
Unser Fußball ist roh und erbarmungslos.

Da aber dieser Fußball wie eine Droge ist, stehe ich im zarten Altern von 50 Jahren noch immer auf dem Kunstrasen. Die heimliche Angst vor Bänderrissen und Muskelfaserrissen spielt anhaltend mit. Ein Bänderriss ist sehr, sehr schmerzhaft. Das Gelenk schwillt unverschämt schnell an und ist plötzlich instabil. Auftreten ist fast unmöglich. Der Muskelfaserriss ist gern eine Folge überhasteten Antritts. Bei diesen beiden Verletzungen geziemt sich rechtschaffenes auf dem Boden wälzen. Schon nach kurzem Augenblick treffen neugierige Mitspieler am Ort des Gebrechens ein. Man wird in der Regel behutsam an den Spielfeldrand getragen. Manchmal kommen bequeme Bahren zum Einsatz. Schöne, besorgte Frauen eilen mit Kühlgeräten herbei. Sie helfen beim Kühlen und Hochhalten. Manche der Frauen ermuntern zu erster Krankengymnastik. So sind schon Ehen entstanden. Und in die Brüche gegangen.

Tiefer Ernst trübt die Mienen beim Achillessehnenriss. Dem Riss geht ein peitschenknallähnliches Geräusch voraus. Kenner durchflutet bei diesem bitterbösen Ton die Erinnerung an Karbolhäschen und Bettpfannen. Nur vorm legendären Kreuzbandriss wird von uns trotzigen Ballartisten mehr gebangt. Die Königsdisziplin, der definitive Overkill. Das gewisse Etwas beim Ballgemetzel. Der Kreuzbandriss ist die schwerste Knieverletzung. Wer dieses große Los gezogen, darf sich langer Trainingspausen erfreuen. Düstere Tage auf dem Krankenlager. Hilfloses Krücken-Gestocher nach der Operation, einsame Tränen und der Schwur, nie wieder Fußball zu spielen. Auch mir gelang der große Wurf im Jahr 2009. Ein fieser Laut geht dem Riss voraus. Die Nebenmänner zucken verängstigt zusammen. Man fällt um, alles ist seliger Schmerz. Nun ist ein kurzes, markerschütterndes Gebrüll geraten.

Es soll Menschen geben, die sammeln Kreuzbandrisse wie Briefmarken. Im Krankenhaus traf ich einen dieser alten Hasen. Er hatte gerade seinen dritten hinter sich. Die Leiden der anderen zu beobachten ist entzückend. Noch schöner ist das eigene Leid. Ein Chirurg ersetzte das Kreuzband durch ein sattes Stück meiner Patellasehne. Ach ja, nebenbei rissen mein Meniskus und das Innenband im linken Knie. Solchermaßen geadelt währte es knapp zwei Jahre, bis mich jede Vernunft verließ, ich wieder dem Ball hinterher rannte.

Entzündungen, gereizte Gelenke. Brüche, Risse, Zerrungen und Stauchungen zieren meine Krankenakte. Mir wurden die Keimdrüsen gequetscht, die Zehennägel zertrümmert. Adduktoren reihenweise gekappt, Gehirnzellen bei Kopfverletzungen verödet. Heute schützt mich ein kleiner Bauch vor handelsüblichen Knüffen und Stößen, und mein Schädel scheint gegen jede Art Körperkontakt immun.

Manchmal darf Birdy, der Hosenmatz unserer Ballsportgruppe, unter der Dusche meinen Bauch anschauen. Und mit offenem Mund den Berichten von verheilten Wunden lauschen. Ganze Bücher des Schmerzes. Freundlicherweise verletzen sich die anderen Spieler meiner Mannschaft ebenfalls. Und altern auch. Klaus transplantiert sich Zehenhaare auf den Scheitel. Wolfram wächst flauschiges Fell aus Ohren und Nase. Uli kann sich nach dem Training nur im Watschelgang fortbewegen. Einer von uns sieht die Radieschen bereits von unten.

Wer nichts zu tun hat, dem macht ein nichts zu schaffen. Köstliches Bier und Rauchen nach dem Training sind schlimme Sachen. Wir trinken und rauchen gleichwohl jeden Montag ab 22 Uhr in Ralles Sportlerkneipe. Wir trotzige, ungestüme, alte Ballhasen.


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