Willmanns Kolumne : Unterwegs mit den Deutschen Roten

Wo die Fan-Liebe hinfällt: Unser Kolumnist Frank Willmann hat sich mit den German Reds in ein Berliner Pub begeben, um dort ihren Lieblingsclub, den FC Liverpool, anzuschauen. Einige von ihnen beteten früher einen anderen Traditionsverein an.

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When the German Reds go marchin' in. Treffen zum 10-jährigen Bestehen in Leipzig (2011).
When the German Reds go marchin' in. Treffen zum 10-jährigen Bestehen in Leipzig (2011).Foto: Udo Pütsch

Die Fußball-Kunst wird vom interessierten Volk in allen möglichen Formen frequentiert. Die Liebesbeweise sind so unterschiedlich wie die Gruppierungen. Auch in sportlich schwierigen Zeiten ist der Fan im Allgemeinen treu, ja versteht diese schwierigen Zeiten geradezu als Ansporn, die tiefe Verbundenheit zum Fußballverein öffentlich zu zeigen.

Manchmal lauert der angebetete Verein nicht direkt vor der Haustür, sondern in entfernten Gefilden. Ein Hort des Entzückens ist für viele Freunde unseres Sports das Mutterland des Fußballs. Tief im britischen Nebel existiert dort ein Club, der ganz besonders die Sehnsüchte anspricht. Wenn die Fans eines Vereins in gründlichster Ergriffenheit vor und nach dem Spiel immer wieder das gleiche Lied singen, worin sie sich gegenseitig versichern, niemals allein zu sein, ist das schon eine besondere Botschaft. Wenn dann noch gewaltige sportliche Erfolge mit besonders tragischen Ereignissen einhergehen, ist das fast zu viel an Dramatik fürs menschliche Gemüt. Aus dieser Melange erfährt der FC Liverpool seine mythische Verklärung. Fünfmal die Champions League, bzw. deren Vorläufer, den Landesmeistercup gewonnen. Dann das Endspiel im Landesmeistercup Mai 1985, das sich als die Heysel-Katastrophe mit 39 Toten und 454 Verletzten in die Geschichte des Fußballs einbrannte und die Hillsborough-Katastrophe 1989 mit 96 Toten und 766 Verletzten.

Seit vielen Jahren existiert in Deutschland ein FC Liverpool Fanclub. Die Deutschen Roten, in Englisch German Reds. Der Präsident mitsamt achtköpfigem Vorstand wacht über die Geschicke der 262 Mitglieder. Das Präsidium besteht nur aus Männern, im Fanclub tummeln sich aber 24 eingetragene weibliche Mitglieder. 90% Prozent der Mitglieder kommen aus Deutschland, drei leben in Liverpool. Letzten Samstag war ich mit sieben German Reds im Oscar Wilde verabredet, um mit ihnen das Spiel gegen ihren offiziellen Hauptfeind aus Manchester zu genießen. Niederlagen gegen MU sitzen tief, danach währt der Schmerz bisweilen eine Saison lang. Im gut gefüllten Pub sitzen auch MU-Fans mit vor der Glotze. Die Stimmung ist nicht aggressiv, aber sportlich geladen. Ein Unionfan friedlich vereint mit einem BFC-Fan, daneben Babelsberger - die Liebe zum FC Liverpool makuliert das Berliner Gezänk. Unter den sechzig Zuschauern im Hinterzimmer des Pub sind die Engländer eindeutig in der Minderheit.

Gegründet wurden die German Reds in Sachsen. Einige der Reds waren früher Mönchengladbach-Fans. Die ständigen Niederlagen ihres Clubs gegen Liverpool ließen sie irgendwann das Lager wechseln. Mit dem FC Everton verbindet sie eine friedliche Feindschaft. Die beiden Stadien liegen in Liverpool relativ nah beieinander, da läuft man sich schon mal über den Weg. Die heutigen Schlachten werden nicht mehr mit Teppichmessern, sondern im Sangeswettstreit ausgetragen. Für die German Reds eine Herausforderung. Die Liverpooler bezeichnen sich als Scouser. Ihre Sprache ist das Scouse. Ein Dialekt, der nur in und um Liverpool gesprochen (und verstanden) wird. Liverpool war früher eine von überwiegend irischen Einwanderern geprägte Stadt. Die Leute waren arm und ernährten sich von billigen Speisen, wie Lobscouse, zu Deutsch Labskaus. Scouse ist eine stark akzentuierte Sprache, die permanent die Tonhöhen wechselt. Zudem variiert, kann das Scouse schon im nächsten Liverpooler Straßenzug ein anderes sein.

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