Willmanns Kolumne : Vergebliche Nazijagd in Nordhausen

Frank Willmann erinnert sich an harte Nordhäuser Auswärtsfans. Beim Besuch heute findet er in Nordhausen keine Nazis, dafür Bratwürste ohne Berechtigung und Töppi Töpperwien.

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Nordhäuser Fans hinter dem Tor.
Nordhäuser Fans hinter dem Tor.Foto: Willmann

Der heiß geliebte FC Carl Zeiss Jena ermöglicht mir ein ganzes Jahr unschuldige Touren. In Orte wie Neustrelitz, Nordhausen oder Meuselwitz. Aufgeregt wie ein junger Dackel düste ich am Wochenende durchs Thüringer Land. Einen frisch in die Regionalliga aufgestiegenen FSV Wacker 90 Nordhausen hatte der Spielplan beschert. Zu DDR-Zeiten war mir der Club als Motor Nordhausen bekannt.

Die hochwohlgeborenen Nordhäuser Motorbolzer lieferten sich einst harte Kämpfe mit den Weimarer Motorbolzern in der 2. Liga meiner Kindheit. Bahn frei, Kartoffelbrei! Vom Aluminiumstaub grau gefärbte Metallerfäuste krachten auf stabile Thüringer Quadratschädel. Die Bratwurst und der legendäre Nordhäuser Doppelkorn befanden sich allzeit in Reichweite. Nur wenige Auswärtszuschauer trauten sich früher in die Ferne. Wenn aber zwanzig harte Kunden aus Nordhausen plötzlich im Weimarer Stadion Am Lindenberg auftauchten, wurden sie bestaunt wie Marsmenschen. Wir Jungs scharten uns gern in der Nähe der Auswärtsfans zusammen. Binnen kurzem stellten sich Weimarer Lokalpatrioten ein, die mit erzürntem Mienenspiel und hochgekrempelten Hemden den Fremden signalisierten, wer Herr im Hause ist. Wir Jungs waren begeistert vom Mob der bösen Buben und feuerten sie in ihrem Bemühen, die Ehre der Goethe- und Schillerstadt Weimar gegen die fremden Gipsköppe zu verteidigen, rechtschaffen an.

Verlor Weimar, was leider nicht oft vorkam, kam es zu Schubsereien und Raufhändeln. Dann tauchten drei Verkehrspolizisten in die Menge, schlugen mit ihren Knüppeln in alle Richtungen und beruhigten die rustikalen Gemüter. Die Rowdys der 70er Jahre trugen ihre Haare lang, die gut gefettet auf ihre karierten Holzfällerhemden fielen. Die ersten beiden Knöpfe ihrer Hemden waren normalerweise offen. Ihre Beine steckten in blauen Hosen, die wir ein paar Jahre später als Jeanshosen zu schätzen lernten. Boxer durfte nicht draufstehen. Lewis und Wrangler musste es sein. Mit einer Westjeans war man in den Discos der King. In der rechten Arschtasche stak ein länglicher Kamm aus Plastik. In den Halbzeitpausen wurden diese Kämme lässig gezogen. Die folgende Haarpflege wurde von der dürftig disponiblen Damenwelt als Signal verstanden. Nach dem Spiel kullerten manchmal die Holzfällerhemden mit ihren weiblichen Gegenstücken im Gebüsch. Mir roten Köpfen drehten wir Jungs enger werdende Kreise um die Büsche, und schabten an unseren pubertierenden Körpern. 

Laut Internet sollte es gegenwärtig in Nordhausen einige bösartige Fußballlümmel geben, man munkelte von Nazihorden, die den Fußball als Plattform nutzen.

Das wichtigste vornweg. Töppi Töpperwien ist aus dem Reich der scheintoten Medienmolche wieder auferstanden! Der altgediente Posaunist des Bezahlfernsehens stand urplötzlich auf dem Rasen des Albert-Kuntz-Sportpark (AKS) und erzählte als eine Art Aufwärmer dies und das. Ich verdrückte noch schnell zwei Fleischbällchen, an die Bratwürste traute ich mich nicht ran. Nordhausen liegt fast im Harz und hat für mich altgedienten Ex-Mittelthüringer keine Thüringer Bratwurstbratberechtigung.

Der AKS verfügt über zwei flache, gedrungene Tribünen, die ausschauen als wären sie im früheren Leben mal die Bahnhofsüberdachung von Kleinschweina gewesen. Neben einem kleinen Trupp ziemlich haarloser Fußballgucker in martialischen Posen bestand der überwiegende Teil aus ganz normalen Zuschauern. Immerhin drängten sich knapp 3000 Menschen im Sportpark, darunter etwa 500 Jenenser. Es regnete während des gesamten Spiels, anfangs dominierte Jena und führte zur Halbzeit mit 1:0. Das einheimische Publikum schien sich wie ihre Mannschaft in ihr Schicksal zu ergeben. Als dann nach der Halbzeit Jena mit 2:0 in Führung ging, schien die Sache gelaufen. Ob es an den beiden Einwechslungen des Heimtrainers lag? Plötzlich turnten drei flotte Nordhäuser Stürmer auf dem Platz. Angst und Hilflosigkeit krochen in die Jenenser Knochen. Die Zuschauer erkannten blitzartig die Situation und peitschten ihre Mannschaft nach vorn. Das Unausweichliche geschah, der Underdog pumpte sich frisches Adrenalin in die Hitzköpfe und machte Jena das Leben schwer. Auf einmal stand es 2:2.

In der Nähe des Jenaer Blocks zeigten sich nun vier zänkische Wackerfrontler mit Bierbechern in den Fäusten. Einige Zuschauer erkannten  rechte, nach oben gestreckte Arme mit glatter Handfläche. Andere sahen in Richtung Jena gereckte Stinkefinger. Für mich sah’s eher nach Stinkefinger aus. Jedenfalls brüllten die bierseligen Helden der Stehränge nicht „Juden Jena!“ sondern „Jena Schweine!“. Eine modische Form der Fanprovokation und nicht weiter ungewöhnlich. Jena antwortete, u.a. mit „Erfurt Schweine!“. Einige Jenenser verstiegen sich in absurde Theorien und brüllten „Rot-weiß Istanbul!“. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Farben von Nordhausen blau und weiß sind. Als die vier wackeren Kämpen immer näher kamen, schritt der Ordnungsdienst ein und schickte sie wieder in ihren Stall. Naziparolen habe ich vor, während und nach dem Spiel keine gehört. Obgleich einige, wenige Zuschauer durch ihr Outfit rechte Gesinnung suggerierten.

Zur Pressekonferenz erschien der entzückte Töppi auf zwei Beinen und zeigte Zahn. Jenatrainer Sander sagte Wir haben heute 2:2 verloren. Ich saß unweit meines Präsidenten Zipfel, als Ulknudel Töppi die Runde zur munteren Fragerei motivierte. Wir schwiegen. Töppi zählte zwanzig anwesende Damen und Herren im Nordhäuser Hinterstübchen. Stellte alsdann geistesgegenwärtig fest, es seien doch keine Damen im Raum. Er hatte recht. Und freute sich. So kann man auch mit kleinen Sachen sich selber eine Freude machen.

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