Willmanns Kolumne : Warum muss ich immer dagegen sein?

Neulich musste unser Kolumnist mal wieder den Buhmann in Sachen DDR-Fußball spielen. Dabei kam er sich eigentlich wie ein zwölfjähriger Wicht vor, weil so manches Kindheitsidol neben ihm saß.

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Der Held aller Westsachsen: Jürgen Croy.
Der Held aller Westsachsen: Jürgen Croy.Foto: Imago

Dieser Tage hatten wir wieder ausreichend Grund, uns über die bundesdeutsche Fußballnationalmannschaft, Trainer Löw und die sprechenden Köpfe im Fernsehen zu echauffieren. Ist nun Rückbesinnung auf archaische Beschäftigungen angesagt, wie Matschquetschen oder Zwilleschießen auf des Nachbarn Kellerfenster?

Soweit würde ich nun wirklich nicht gehen. Und über Jens Lehmann möchte ich ausnahmsweise mal keine hämischen Worte verlieren. Hantieren wir doch ein wenig mit der Vergangenheit, das legt genug Schmerz und Scherz frei. Ein ganzes Lebe voller Lust und Völlerei liegt hinter uns. Wir haben Schlachten geschlagen und verloren. Doch in unserer Erinnerung schaffen wir es, die schlimmsten Ereignisse in neues Licht zu gießen.

Neulich hatte ich die fetzige Aufgabe, in den Räumen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur den Buhmann zu spielen. Es ging leider nicht anders. So gern ich auch Anekdoten aus der guten alten Zeit erzählen würde, es überwiegen die abgefuckten Seiten der DDR. Die alltägliche Gängelung, das hirnlose Nachbeten von sinnentleerten Parolen, die fiese Gleichmacherei, dieser schmierige Duckmäusergeist. Doch gerade wegen der zwanzig Jahre, die ich im Kuschelkerker der SED und ihrer Blockflöten verbringen durfte, genieße ich heute die Diskussion zur Flüchtlingsproblematik, die von alten Männern wie unserem langmähnigen Fürchtegott (ich bin IMMER anderer Meinung als er) vom Zaun gebrochen wird. Ein wahrer Volkstribun muss auch mal Nein sagen können.

Womit wir wieder beim Fußball wären. Nein sagen, den finalen Schuss verweigern, die höchste Sinneslust verleugnen. Obgleich Tore das Salz in der Suppe der elenden Kickerei sind, darf man sich tagaus tagein dieser proletarischen Wollust nicht hingeben. Achtzig Minuten Ballbesitz sei unser Ziel! Elf Höhepunktverweigerer sollt ihr sein. Denn nichts anderes als ein aufwühlendes Zeichen gegen den alltäglichen Torwahn haben die deutschen Stürmer gesetzt. Beziehungsweise jene Leute, die Herr Löw für Stürmer hält. Na immerhin werden sie ordentlich für ihr Nichttoreschiessen mit bescheidenen vier Millionen Euro belohnt, wär' ja auch noch schöner.

Warum fühle ich mich wie ein zwölfjähriger Wicht, wenn mir Menschen wie Ralf Minge, Lutz Lindemann oder Jürgen Croy* gegenüberstehen? Weil sie unmittelbar aus meiner Fußballfanwerdung stammen. Weil ich all ihren Taten in den siebziger Jahren am Fernseher, am Radio oder in der Zeitung nachspürte. Mir rutscht das Herz in die Hose, ich sehe nur noch rosa Pferdchen. So erging es mir beim Warm-up in den Räumen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Der bockige Jürgen Croy, einstiger Zwickauer Torhütergott, der sich niemals vom Lockruf der Aluships* betören ließ und Zeit seines Fußballerlebens seiner Neubaubutze im Parterre treu blieb. Er wurde dafür von sämtlichen Westsachsen auf Händen getragen. Alle anderen DDR-Bürger meinten, er müsse mit der Muffe gebufft* worden sein, da er nie auf Lockstoffe wie Haushälfte in Jena, Wartburg in Leipzig oder voll eingerichtete Neubaubude mit Schrankwand und PiPaPo in Dresden reagierte.

Ex-Schiri Heynemann setzte dem DDR-Fußball ein paar Sahnehäubchen auf

Daneben saß Ex-Schiri Bernd Heynemann auf dem Podium. Ein echter Schlawiner. Vorm Gefecht, also vor der Wende quasi eine Gottesgeisel. Er musste ein bisschen in die SED eintreten. Sonst wäre das alles nichts geworden. Nach der Wende dann raus aus diesem Unterdrückungsapparat und später ein wenig CDU plus Bundestag. Neben mir hockte ein weiterer Spielverderber, der Historiker Hanns Leske, der sich leider in einer ellenlangen Betrachtung zur DDR-Fußballhistorie verlor, anstatt mit Farbbeuteln zu wüten.

Unser Schiri Bernd freute sich mit den Menschen im Publikum, die gekommen waren, dem guten alten DDR-Fußball ein paar Sahnehäubchen aufzusetzen. Jürgen erzählte, wie friedlich es in den Stadien zuging. Im Allgemeinen hätte eine weiße Maus* genügt, um die Fans in die Schranken zu weisen. Umfassende Beweihräucherung, denn es war schließlich nicht alles so schlimm, wie es im Westen immer dargestellt wird. Klar musste man in die Einheitspartei, wenn man was werden wollte. Auch Sachen wie das Wachregiment des MfS waren für jede Karriere günstig.

Und was machte euer Lieblingskolumnist? Genau, er schwang die Keule und warf sich nach bewährter Neandertalerart ins Getümmel. Warum muss ich nur immer dagegen sein? Während das geneigte Publikum Bernd und Jürgen mit schickem Applaus gedachte, schwieg es bei meinen Ausführungen zur Ausspitzelung und Kriminalisierung der Fanszene, Rassismus und Gewalt im Stadion, Bevorteilung von linientreuen Parteikadern und der Suspendierung von missliebigen Spielern, die politische nicht auf Linie waren. Nach der sehr gut besuchten Veranstaltung bildeten sich zwei Menschenansammlungen in Kreisform. Im großen Kreis gaben Bernd und Jürgen Autogramme und ließen sich anfassen. Im kleinen Kreis trat ich mit ein paar Leuten der DDR noch ein wenig entkrampft in den Hintern.

* Ralf Minge, Lutz Lindemann oder Jürgen Croy – Helden des DDR-Fußball
*Aluships hieß im Volksmund – das Münzgeld der DDR, welches aus Aluminium hergestellt wurde
* mit der Muffe gebufft – nicht alle Latten am Zaun
* weiße Maus – nannte der gemeine Zoni die Verkehrspolizei

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