• Willmanns Kolumne: Wenigstens ist Torsten Mattuschka nicht zum BFC Dynamo gewechselt

Willmanns Kolumne : Wenigstens ist Torsten Mattuschka nicht zum BFC Dynamo gewechselt

Torsten Mattuschka hätte den 1. FC Union Berlin mit Stil verlassen können - stattdessen tritt "Tusche" nach. Ihn treibt die Angst vor dem Karriereende. Unser Kolumnist erinnert sich an ähnliche Fälle und sieht auch Positives.

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Torsten Mattuschka verlässt Union Berlin - und wechselt aber wenigstens nicht zum BFC Dynamo.
Torsten Mattuschka verlässt Union Berlin - und wechselt aber wenigstens nicht zum BFC Dynamo.Foto: Imago

Unserem gebeutelten Berlin ist dieser Tage nicht nur der Partybürgermeister verlustig gegangen. Auch der Hauptstadtfußballsportfreund, soweit er in Köpenick seine Heimat gefunden, weint bittere Tränen der Pein. Torsten Mattuschka, bis Sonntag liebevoll von fast allen Unionern „Tusche“ genannt, geht wieder dorthin, wo er eigentlich herkommt. Ins Land der Gurke, nach Cottbus. Dunkle Vorahnungen trieben mich, wie ungefähr zwanzigtausend andere Tuschefreaks, Düwelmeckerer und Ich-will-Uwe-zurück-Kreischer, am Freitag ins Union-Stadion An der Alten Försterei. Der 1. FC Union ist in der Zweiten Liga noch nicht in die Gänge gekommen. Dafür gibt es einige Ursachen, das ordinäre Mattuschkagepolter wird Unions Zweitligaangelegenheit nicht günstiger gestalten.

Große Gefühle formen die Ursuppe des Fußballs. Wahrhaft große Spieler ermannen sich auf der Bühne des Lebens wie Shakespeares Jüngster. Diese Chance hat der einst wieselflinke Union-Held Mattuschka vertan. Mit vierunddreißig Jahren wolle er sich nicht mit der Rolle des Reservisten begnügen. Obwohl Union mit einem Job für die Zeit nach dem Fußball lockte. Er will nicht in der Vitrine bewundert werden. Nun „rechnet er gnadenlos ab“. Hat dem nimmersatten Boulevard Futter für die nächsten Wochen zugenuschelt, bevor er beleidigt gen Cottbus entschlüpfte. Wie einfach ihm die verächtlichen Worte gegen seine einstige Geliebte entschlüpften. Ihm fehlte leider die Größe, in der Stunde der Niederlage einen Stepptanz hinzulegen und „schön war die Zeit“ zu trällern. Seinen Hut cool und mit Würde zu nehmen. In Cottbus muss desgleichen neunzig Minuten gerannt, gegrätscht und gespielmacht werden. Ob Mattuschka seine halbmüden Gräten noch zwei Jahre zur Höchstform quält?

"Patsche" Patschinski, der arme Ex-Unioner

Die Angst des in die Jahre gekommenen Kickers vorm Karriereende ist ein nicht zu unterschätzendes, inneres Schweinepriesterchen. Für etliche Ex-Profis, die in der Schule nicht ganz so anstellig waren, führt der Weg über das Jobcenter in Nachfolgeberufe, die gar nichts mehr mit dem glanzvollen Katzengoldregen des Profifußballers zu tun haben. Schaut euch beispielsweise den armen Ex-Unioner und Ex-BFCer „Patsche“ Patschinski an, der das Paketbotenhandwerk betreibt. Jedes Jahr verschwinden Ex-Profis im großen, schwarzen Loch. Das wird selten thematisiert, wer mag schon ausgemusterte Wracks?

Unions Verantwortlichen empfehle ich ein wenig Mitleid mit Torsten Mattuschka, der tags zuvor noch für die Fans „der beste Mann“ war. Dann aber ganz schnell vergessen. Und nach unten schauen. Mit Heidenheim, RB Leipzig und Kaiserslautern folgen komplizierte Spiele. Die Kartoffel ist eine Scheibe, beziehungsweise mutet sie bisweilen wie eine an. Tief im Keller der Tabelle steht Union. Der Fan vergisst schnell, wenn ein neuer Held am Horizont erscheint und durch göttliches Spiel die Herzen erobert.

Einige Berliner und Nürnberger Helden der Stehränge hauten sich nach dem Spiel noch ein wenig die Lippen dick. Eine etwas aus der Mode geratene, unmittelbare Bearbeitung peinvoller Lebensereignisse. Wer nichts zu schaffen hat, dem macht das Nichts zu schaffen. Die meisten Unioner sangen sich eins. Aus Aufsässigkeit, Sangeslust, oder, um sich selbst zu feiern. Wichtiger Trost blieb. Immerhin ist Mattuschka nicht zum BFC Dynamo gewechselt. Wie etliche Kandidaten vor ihm. Wenn der Gehaltsscheck ausbleibt, hört die Liebe immer auf. 

Kümmerliche Union-Schar jubelt über BFC-Masse

Der ewige Rivale des 1. FC Union kickte am Freitag zeitgleich im kleinen Derby gegen die 2. Mannschaft des 1. FC Union in der Regionalliga. Der BFC wird derzeit angeführt von Kapitän Björn Brunnemann. In besseren Jahren beim 1. FC Union angestellt. Gegen den spritzigen Union-Nachwuchs zeigten einige ältere BFC-Kader konditionelle Defizite. Union gewann verdient mit 3:1, obgleich nach der Halbzeit ein wütend stürmender BFC zwanzig Minuten gut mithielt. Ok, der BFC ist Aufsteiger, die Klasse wird man locker halten. Also ruhig bleiben, auch wenn das Derby verloren ging.

Ewiges Duell: Union Berlin gegen den BFC Dynamo, wie hier im Jahr 2001.
Ewiges Duell: Union Berlin gegen den BFC Dynamo, wie hier im Jahr 2001.Foto: Imago

Mehr als 3000 Zuschauer wollten den Kick sehen, darunter um die fünfzig Union-Fans. Schade, das Spiel hätte eine größere Kulisse verdient gehabt. Die BFC-Fans neckten Richtung Köpenick mit frechen Gesängen und einem Portrait von Erich Mielke. Die kümmerliche Schar Unioner hatte am Ende mehr zu lachen. Nach dem Derby juckte einigen Herren das Fell. Heldenhafte Ordnungskräfte und Polizisten expedierten die Fellforscher nach JWD. Das Rückspiel findet im Stadion An der Alten Försterei statt. Hoffentlich vor einer würdigen Kulisse.

Als Trost für Tuschegeschädigte Fußballfreunde hilft Frau Fiebrigs günstig zu erstehendes Buch Bring mich zum Rasen. Sie ist gewachsene Union-Anhängerin. „Tusche“ kommt natürlich im Buch vor, neben vielen einfachen Geschichten über Fußball, Alltag und Kinder. Auch das Wort BFC Dynamo wird mindestens einmal erwähnt.  Ein Buch wie ein kleiner Freistoß, klar und wahr.


Lesetipp: Bring mich zum Rasen - Wie Fußball mein Leben veränderte - 26 Geschichten vom Spielfeldrand, Stefanie Fiebrig, 232 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf  Verlag, Berlin 2014, ISBN-13: 978-3862653522, 9,95 Euro

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