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Wimbledon-Championships : Andy Murray gewinnt Finale gegen Djokovic

77 Jahre mussten die Briten warten, nun hat sie Andy Murray erlöst. Der 26-Jährige hat das Wimbledon-Finale gegen Novak Djokovic mit 6:4, 7:5 und 6:4 gewonnen - und sein Land damit in kollektiven Freudentaumel versetzt.

Petra Philippsen
Unfassbar! Andy Murray hat endlich den britischen Wimbledon-Fluch besiegt.
Unfassbar! Andy Murray hat endlich den britischen Wimbledon-Fluch besiegt.Foto: AFP

Die Anspannung war für keinen der britischen Zuschauer mehr auszuhalten. Nicht für die 15.000 auf den Rängen des Centre Courts, nicht für jene 2000 vor der Videowand auf dem Hügel von "Henman Hill" und noch weniger für die 17 Millionen vor den Fernsehern. Andy Murray war so dicht davor, Tennisgeschichte zu schreiben. Drei Matchbälle hatte er schon gehabt, aber Novak Djokovic wehrte sie unerbittlich ab. Nun musste es einfach klappen. Niemand saß mehr auf seinem Sitz, sie johlten und klatschten so ohrenbetäubend laut, wie nie zuvor. Murray schlug auf, und der Return des Serben kratzte so knapp die Grundlinie, dass sie ersten schon aufschrien, doch es war noch nicht vorbei.

Erst, als Djokovic die Rückhand ins Netz spielte, hatte der blasse Schotte aus Dunblane eine ganze Nation erlöst. Murray reckte seine Fäuste martialisch in die Höhe, und er schrie alle Anspannung heraus. Dann sank er auf die Knie, stützte seinen Kopf auf dem Rasen ab und pustete durch. Immer wieder. Er hatte nicht mehr geben können, als an diesem Tag. Murray spielte das Match seines Lebens. "Mehr als Wimbledon geht einfach nicht", sagte er, "aber ich werde lange brauchen, um es zu begreifen." 

Mit 6:4, 7:5 und 6:4 hatte er Djokovic in diesem packenden Endspiel bezwungen und damit die 77 Jahre währende Warterei auf der Insel endlich beendet. Der Nachfolger von Fred Perry war gefunden, der als letzter Brite 1936 in Wimbledon gewann. In dem Jahr gelang dem Boxer Max Schmeling ein K.o. gegen den legendären Joe Louis, und Murray musste sich an diesem Tag auch gefühlt haben, als sei er über zwölf Runden im Nahkampf gewesen. "Ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist, und wie ich den Matchball verwandelt habe", sagte Murray später, "ich weiß nur, dieses letzte Aufschlagspiel war das schwerste meines Lebens."

Fassungsloser Sieger

Er legte immer wieder die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. Murray war einfach fassungslos. Auch, als er den ersehnten, goldenen Challenge Cup überreicht bekam und küssen durfte, hatte es Murray immer noch nicht begriffen. Doch er hielt die Trophäe so fest in seinem Armen, wie ein Kind sein Lieblingsplüschtier, das er nie wieder loslassen wollte.

 Vor einem Jahr hatte es ihn nach dem Finale in Wimbledon noch fürchterlich übermannt. Einer der "schlimmsten Momente seiner Karriere" sei es gewesen, sagte er nun. Mit seinen Tränen nach der Niederlage gegen Roger Federer jedoch hatte Murray die Herzen aller Briten erobert, zum ersten Mal. Dennoch brauchte er lange, um diesen Schmerz er verpassten Chance zu verkraften. Er wollte so gerne Wimbledonsieger werden, nicht bloß für seine Landsleute, aber vor allem für sich selbst.

Dass ihm bei den Olympischen Spielen auf dem selben heiligen Rasen kurz darauf die Revanche gelang, war ein Befreiungsschlag. Denn bei den US Open im Herbst gelang Murray im fünften Anlauf sein erster Grand-Slam-Titel. An seiner Seite war seit damals stets Ivan Lendl, der achtmalige Champion. Ein Wimbledonsieg war ihm selbst verwehrt jedoch geblieben, obwohl er so verbissen darum gekämpft hatte. "Ivan, der ist für dich", sagte Murray und hielt den Challenge Cup in Richtung seiner Box. Lendl huschte ein Lächeln übers Gesicht, und dieser Anblick war noch seltener, als ein britischer Sieger in Wimbledon.

Dem unmenschlichen Druck standgehalten

 "Ivan hat immer an mich geglaubt, als es viele andere nicht taten", fügte Murray hinzu, "und er war sehr geduldig mit mir. Jetzt kann ich zumindest diesen Pokal mit ihm teilen." Und Murray hatte ihn sich redlich verdient. Nicht bloß, weil er dem schier unmenschlichen Druck standgehalten hatte, sondern die Partie gegen Djokovic ein brutaler, spektakulärer Schlagabtausch wurde, die beide Kontrahenten an ihre Grenzen trieb. Das Duell zwischen den beiden besten Spielern der Welt hielt, was es versprach. Sie spielten bedingungslos, bei 40 Grad Hitze auf dem Rasen und auf extrem hohen Niveau.

Die beiden besten Defensivakteure trieben sich zumeist an der Grundlinie hin und her, schlugen die Bälle 20, 25, 30 Mal über das Netz - mit rasantem Tempo und vollem Risiko. Die zehrend langen Ballwechsel kosteten Kraft, die ersten vier Spielen dauerten bereits eine halbe Stunde. "Es war so hart", klagte Murray, "die Hitze, und wir haben uns alles abverlangt." Sie rangen um jeden Punkt, doch Djokovic unterliefen mehr Fehler als gewöhnlich. 40 waren es am Ende. Murray spielte mit purer Willenskraft, brachte auch die schier unerreichbaren Bälle noch zurück. Er kämpfte, als hinge sein Leben davon ab.

Djokovic führte im zweiten Satz bereits mit 4:1, aber Murray ließ nicht locker. Von den nächsten neun Spielen gewann er acht und beim 2:0 im dritten Durchgang knallten auf "Henman Hill" bereits die ersten Champagnerkorken. Doch der Serbe ist der erbittertste Kämpfer der Tour, holte sich vier Spiele in Folge. Die Zuschauer standen wie eine Wand hinter Murray und brüllten ihn mit "Andy, Andy"-Rufen beim 2:4 zur Aufholjagd. "Das war wirklich die beste Unterstützung, die ich je hatte", lobte er später, "ich war am Ende wie in Trance." Es schien, als hätte nichts und niemand diesen furiosen Andy Murray an diesem Tag aufhalten können. Das Warten hatte sich gelohnt.

 

 

 

 

 

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