Wimbledon Championships : Andy Murray: Plötzlich menschlich

Lange fremdelten sie auf der Insel mit Andy Murray – nun taut der Schotte auf und will für die britischen Fans Wimbledon gewinnen.

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Murray springt vor Freude in die Höhe.
Wild auf Wimbledon. Andy Murray will das Turnier als erster Brite seit 77 Jahren gewinnen. So wie es ihm am selben Ort bei den...Foto: dpa

Plötzlich war er da, der Moment, auf den Andy Murray diebisch gelauert hatte. Auf der anderen Seite des Netzes stand sein Coach, der große Ivan Lendl, und Murray spielte diesen Halbvolley schon fast im Liegen, aber dennoch mit voller Wucht und zielte direkt auf Lendls Bauch – Volltreffer. Murray lachte wie ein Lausejunge, dann tanzte er über den halben Court, reckte seine Faust und ließ sich von der Menge feiern, als hätte er gerade die Wimbledon-Trophäe gewonnen. Dabei war es bloß ein Doppel, in dem es um den guten Zweck ging.

Murray spielte an der Seite von Tim Henman gegen Lendl und Tomas Berdych im Londoner Queen’s Club im Anschluss an das Endspiel, das Murray zuvor zum dritten Mal gewonnen hatte. Auch da hatten sich die britischen Fans mit ihm gefreut, doch nun erlebten sie Murray so gelöst und zugänglich wie nie zuvor. Diese Seite hatte der 26 Jahre alte Schotte stets mit seiner spröden Art verdeckt. Ganz so, als hätte er Angst, den Menschen zu viel von sich preiszugeben.

Lendl grinste nach der kleinen Attacke auf seinen mittlerweile üppiger geformten Bauch. Er selbst war als Spieler auch nie zimperlich gewesen. Dass der gebürtige Tscheche über einen tiefschwarzen Humor verfügt, wussten damals nur wenige. Und bei diesem Spaßdoppel wollte Lendl seinen Schützling gut aussehen lassen. Jede seiner verbalen Vorlagen durfte Murray genüsslich kontern und punktete damit beim Publikum. Lendls Einfluss auf ihn ist enorm, seit er vor anderthalb Jahren den Trainerposten übernommen hatte. Murray gewann bei den US Open im Herbst nicht nur seinen ersten Grand-Slam-Titel, Lendl gewöhnte ihm sogar das ständige Fluchen und Beleidigen auf dem Platz ab.

Als Murray vor einem Jahr das Wimbledon-Finale gegen Roger Federer verlor, da weinte er aus tiefster Seele. Und auf einmal liebten die Briten ihren spröden Schotten wirklich. Mehr noch, sie waren mächtig stolz auf ihn. „Plötzlich haben die Leute gesehen, dass er ein Mensch ist“, erklärte Altmeister John McEnroe, „wir sollten jetzt nicht alle anfangen zu heulen. Aber das war ein Anfang.“ Lendl hatte ihm beigebracht, dass ein wenig mehr Offenheit keine Schwäche ist, sondern die Fans noch mehr hinter ihm stehen würden. Wenn er es nur zuließe. Murray bemüht sich, auch wenn er sich mit seinem Kokon sicherer fühlte. Er hatte in jungen Jahren mal schlechte Erfahrungen mit der englischen Presse gemacht, weil er zu ehrlich war, das sitzt tief. Doch vielleicht kann Murray etwas offener, ein wenig gelöster, nun doch erfüllen, wovon sie auf der Insel seit mittlerweile 77 Jahren träumen: einen britischen Wimbledon-Champion. „Ich glaube jetzt mehr an mich“, sagte Murray, „aber es gibt keine Garantien im Sport. Nur weil ich die US Open gewonnen habe, gilt das nicht automatisch für Wimbledon.“

Doch er hatte hart gearbeitet, und in der Vorwoche im Queen’s Club wieder untermauert, wie exzellent sein Rasenspiel ist. Und die Auslosung für Wimbledon hätte schlimmer für den Weltranglistenzweiten ausfallen können. Erst im Halbfinale träfe er auf Rafael Nadal oder Federer und im Endspiel womöglich auf Novak Djokovic. In Runde eins steht ihm am Montag Benjamin Becker im Weg, der ihm im Queen’s Club gerade erst drei Sätze abverlangt hatte. „Ich konzentriere mich jetzt nur auf ihn“, sagte Murray, „alles andere ist noch viel zu weit weg. Im Tennis entscheidet ja oft bloß die Tagesform.“

Und hätte ihn vor den French Open nicht die Rückenverletzung außer Gefecht gesetzt, wäre Murray in diesem Jahr sicherlich im All England Club der Topfavorit. So aber bleibt die Frage, ob er die Strapazen von sieben Partien in 14 Tagen überstehen wird. Wo Murray doch seit den Australian Open im Januar nicht mehr über drei Gewinnsätze gespielt hat. „In einer perfekten Welt wäre ich fit gewesen während der Sandplatzsaison“, sagte Murray, „aber nun wird Wimbledon eben eine noch größere Herausforderung.“

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