Wimbledon : Das Imperium schlägt zurück

Viele haben Roger Federer schon abgeschrieben, in Wimbledon zeigt er, dass noch mit ihm zu rechnen ist.

Petra Philippsen

LondonEs blieb genügend Zeit für einen Ausflug in die Vergangenheit. Leichte Regenschauer zogen am Mittwoch über den All England Lawn Tennis Club hinweg, so dass Roger Federer und Mario Ancic ihre Viertelfinalpartie im zweiten Satz ungewollt unterbrechen mussten. Während beide Akteure in der Umkleide ausharrten, wurde den Zuschauern auf den Videowänden ihre Partie aus dem Jahr 2002 eingespielt. Damals standen sie sich in der ersten Runde von Wimbledon gegenüber und jener Federer, der dort zu sehen war, hatte noch nicht viel mit dem heutigen gemein. Als großes Talent galt der Schweizer zwar, allein der Durchbruch wollte ihm nicht recht gelingen. Der junge Mann mit Pferdeschwanz haderte viel mit sich, ließ seine Frustration sogar an seinem Schläger aus. Federer sollte die bittere Niederlage gegen den ebenso aufstrebenden Kroaten nicht abwenden können, doch es war das letzte Mal, dass er auf Rasen ein Match verlor. Auch das Viertelfinale gewann er schließlich mit 6:1, 7:5 und 6:4 gegen Ancic.

Erinnern könne er sich nicht mehr genau an damals, wehrte Federer später ab. Diese Partie gehöre eben zu jenen, die er einfach nur schnell vergessen wolle. An negativen Erfahrungen aber musste der inzwischen fast 27-Jährige auch in diesem Jahr mehr verkraften, als er es sonst gewohnt war. Vom Pfeifferschen Drüsenfieber geschwächt, tat sich Federer schwer, seine Vormachtstellung zu behaupten. Lediglich zwei Titel gewann er 2008, schon acht Matches hat er verloren, zudem wurde ihm im Finale der French Open von Rafael Nadal eine der wohl schmerzlichsten Lehrstunden seiner Karriere erteilt. Schlimmer noch trafen Federer aber wohl die Einschätzungen ehemaliger Champions wie Björn Borg, die ihm vor Wimbledon den Nimbus des alleinigen Favoriten absprachen.

Doch schon nach Federers ersten Auftritten mussten die Kritiker ihre Meinung revidieren, und spätestens sein Match gegen Ancic löschte alle Vorbehalte mit einem Schlag aus. Vergessen war die durchwachsene Saison, zum Vorschein kam wieder jener Federer, dessen perfektes und anmutiges Spiel dem Betrachter den Atem stocken lässt. Es war sein bisher bestes Match, stärker war der Weltranglistenerste in der ganzen Saison noch nicht. „Ich fühle, dass ich wieder so gut spiele, wie in den letzten Jahren“, sagte Federer selbst.

Seit nunmehr 64 Spielen ist er auf Rasen unbezwungen, daran vermochte auch Ancic nichts zu ändern. „Wenn man eine solche Serie hat, kann das Selbstvertrauen einfach nicht größer sein“, sagte Federer. Nur sechs Fehler unterliefen ihm, keine einzige Breakchance ließ er zu, und noch immer hat er keinen Satz verloren. Selbst wenn nun im Halbfinale die wiedererstarkte, ehemalige Nummer eins der Welt, Marat Safin, auf Federer wartet, besteht kein Zweifel mehr daran, dass alles auf eine Wiederholung des Vorjahresfinales hinausläuft.

Denn ebenso perfekt wie Federer zeigte sich auch Nadal in Wimbledon. Besonders beeindruckend war sein Auftritt gegen Andy Murray. Die britischen Zuschauer versuchten zwar alles, um ihren Hoffnungsträger zur Sensation zu treiben, doch Murray wurde mit 3:6, 2:6 und 4:6 abgefertigt. „Er hat so viel besser gespielt als ich“, klagte er später. „Er schlägt die Bälle so hart und dicht an die Linien, dass ich überhaupt nicht ins Spiel kam. Ich fühlte mich bei jedem Punkt überrollt.“ Mit unbändigem Willen schlug der Sandplatzkönig Nadal seine Gegner reihenweise in die Flucht und untermauerte damit seine gereiften Qualitäten auf Rasen. Den Titel in Queen’s gewann er als erster Spanier seit 36 Jahren. „Ich mache viele Dinge jetzt besser, obwohl ich im Finale auch nur sehr knapp unterlegen war“, sagt Nadal. „Nur ein Punkt mehr und ich hätte die Trophäe bei mir zu Hause. Stattdessen steht da nur eine silberne Platte.“

Diesen Makel würde der ehrgeizige Spanier gerne beheben und Federer daran hindern, sich als erster Spieler der Open Era zum sechsten Mal hintereinander den Titel in Wimbledon zu sichern. Doch leicht wird es der Schweizer seinem Dauerrivalen nicht machen. Durch die Kritik derer, die ihn bereits abgeschrieben hatten, scheint er nur zusätzlich angestachelt. „Ich kann dieses Turnier noch für die nächsten fünf oder zehn Jahre gewinnen“, sagte Federer. „Mein Spiel ist für Rasen gemacht und ich habe einen Weg gefunden, dass ich hier immer gewinne. Ich will nicht nur den Titel in diesem Jahr, sondern noch viele mehr.“

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