Sport : Wimbledon der Reiter

Das CHIO Aachen hat begonnen – es gilt als bestes Turnier der Welt und ist der große Test für die WM

Jeannette Krauth

Berlin - Schon so oft stand sie auf dem Wiesenplatz im Springstadion. Überreichte Auszeichnungen oder nahm selbst Preise entgegen, etwa als Besitzerin des besten Pferdes des Turniers. Für Goldfever, der von Ludger Beerbaum geritten wurde. Madeleine Winter-Schulze kennt das Turnier in Aachen aus fast jeder Perspektive. Fragt man sie, wie Aachen sei, sagt sie: wunderbar. Aber am allerschönsten sei es, selbst im großen Springstadion zu reiten. Sie schwärmt, wie herrlich es war, als sie einmal die Ehrenrunde der Dressurreiter anführen konnte. 1988 war das, mit einem Sieg und einer Platzierung wurde sie beste Reiterin des Turniers. „Mich, die Berlinerin, kannte da doch keiner“, sagt sie, „und doch haben die mich so gefeiert, mit Standing Ovations“. Das sei es eben, Aachen: „Da kommt noch nicht mal Olympia ran“, sagt die Mäzenin von Isabell Werth und Ludger Beerbaum. „Aachen ist wie eine Familie, seit Jahren sind es ja die gleichen Parcours-Aufbauer, Ordner – da arbeitet, glaub ich, jeder gerne“.

Familie plus Weltelite, das ist die Mischung des CHIO Aachen. CHIO bedeutet übrigens „Concours Hippique International Officiel“, also internationaler offizieller Pferde-Wettbewerb. Der Aachener sagt aber, schlicht-niederländisch angehaucht: „et Schio“. Und das CHIO, dahin ziehen die Aachener seit 1923 mit dem Picknickkorb, breiten die Decke am Springstadion aus, wo dann das Wimbledon der Reiter stattfindet, wo schon die ganz Großen einritten: Hans Günter Winkler zum Beispiel oder Nelson Pessoa. Es ist das Turnier, über das viele der aktuellen Sportler sagen: Es ist das schönste der Welt. Meredith Michaels- Beerbaum etwa. Helena Weinberg. Oder Isabell Werth. Es ist der einzige Ort, an dem Nationenpreise gleichzeitig in den Disziplinen Springen, Dressur, Fahren ausgeschrieben sind. Seit gestern kämpfen wieder Reiter aus 20 Ländern und 400 Pferde um die Preise. Jetzt, da im August hier die Weltreiterspiele stattfinden, bekommt das CHIO auch für Nicht- Pferdefans das richtige Etikett, ist so etwas wie die Generalprobe der Weltreiterspiele. Vieles wurde dafür umgebaut und auch ein Herzstück geopfert: der Rasenplatz der Zuschauer am großen Stadion. Statt Picknickkörben steht da nun eine Tribüne, die brauchte man, um die vorgeschriebene Sitzplatzzahl des weltweiten Reiterdachverbands zu erreichen. Früher war diese Wiese der Platz des „kleinen Mannes“, also der Ursprung des Volksfestcharakters. Denn zum „Schio“ kam jeder: „Als Student hatte ich kein Geld für Eintrittskarten“, erzählt Klaus Pavel, der Präsident des ausrichtenden Aachen-Laurensberger Rennvereins, „da bin ich halt über den Zaun gesprungen“. Der Reitsport ist hier so populär wie der Fußball.

Ein Beispiel dafür ist die bislang größte CHIO-Katastrophe, der Orkan 1966: „Rabenschwarze Wolken zogen auf Aachen zu, direkt danach flogen die Hindernisse durch das Stadion“, erinnert sich Anton Fischer, 81 Jahre alt mittlerweile, bis 2000 war er Teamchef der Dressur- equipe und an die 30 Jahre im Organisationskomitee des Rennvereins. Nichts blieb mehr stehen, keine Verkaufszelte, kein einziger Hindernisständer. Was tun? Der Parcoursbauer damals war Major bei der Bundeswehr und bestellte kurzerhand seine Einheit, 200 Mann, aufs Turniergelände. Die räumten die ganze Nacht auf, und am nächsten Tag konnte es weitergehen. Orkane nicht, aber Regen, der gehört eigentlich mit zum Aachener Turnier, weiß Fischer. Für Donnerstag ist der übrigens auch angekündigt.

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