Wimbledon : Eine Favoritin zu viel

Ende des kleinen Rasen-Märchens: Die Berlinerin Sabine Lisicki verliert im Viertelfinale von Wimbledon gegen die Nummer eins der Welt, die Russin Dinara Safina.

Petra Philippsen[London]
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Sabine Lisicki verliert gegen Dinara Safina. -Foto: dpa

Sabine Lisicki wusste, dass es vorbei war, noch bevor ihr Vorhandschlag im Aus landete. Sie senkte den Kopf und hielt einen Moment inne. Dann trottete sie enttäuscht zum Netz. Mit 7:6, 4:6 und 1:6 hatte sie sich Dinara Safina geschlagen geben müssen. Lisicki hatte ihre Chance gehabt gegen die Nummer eins der Welt, doch nutzen konnte sie diese nicht. Und so endete das kleine Rasen-Märchen für die 19-jährige Berlinerin im Viertelfinale von Wimbledon. Steffi Graf war vor zehn Jahren als letzte deutsche Spielerin so weit gekommen, doch das tröstete Lisicki nur wenig. Auch nicht die Tatsache, dass sie hier in diesem Jahr ihr erstes Match auf Rasen überhaupt gewonnen und danach gar zwei Top-Ten-Spielerinnen besiegt hatte. „Ich bin überrascht, wie gut ich spiele und wie weit ich hier gekommen bin“, sagte Lisicki daher auch, aber es war ihr anzumerken, wie sehr sie sich über die verpasste Möglichkeit ärgerte. „Es ist schade, sie war physisch einfach stärker als ich. Mein Körper hat gemerkt, dass es die zweite Turnierwoche ist. Aber ich werde daran arbeiten.“ Safina trifft im Halbfinale am Donnerstag auf Titelverteidigerin Venus Williams aus den USA, deren Schwester Serena in einem zweiten amerikanisch-russischen Duell gegen Olympiasiegerin Jelena Dementjewa antritt.

Lisicki demonstrierte schon nach den ersten Ballwechseln, wie gut es ihr auf dem Centre-Court gefiel, auf dem sie im letzten Jahr noch der Französin Marion Bartoli unterlegen war. Sie genoss den Auftritt auf großer Bühne sichtlich. Dass sie selbst große Namen nicht nervös machen, betont Lisicki stets. So prügelte sie dann auch Safina ihre schon berüchtigten Grundschläge entgegen, die die britische Boulevardpresse in den vergangenen Tagen mit der Wucht eines Dampfhammers verglichen hatte. Das selbstbewusste Auftreten der Berlinerin zeigte zunächst Wirkung bei Safina, die sehr mit ihrem Aufschlag haderte. Einmal schlug die Nummer eins gar ins falsche Feld auf, allein im ersten Satz unterliefen ihr sieben Doppelfehler. 15 sollten es insgesamt werden. Einer bescherte Lisicki das Break zum 2:1, den Vorsprung konnte sie aber nur bis zum 5:4 halten. Das mäßige Niveau der Partie sollte sich auch im Tiebreak fortsetzen, taktische Finessen suchte man vergeblich. Beide hämmerten von der Grundlinie und hofften auf den Fehler der Gegnerin, der auch meist kam. Es passte ins Bild, dass Safina per Doppelfehler den ersten Durchgang abgab, nachdem Lisicki bereits zwei Satzbälle leichtfertig vergeben hatte.

Dass Safina ihre bittere Finalniederlage bei den French Open noch nachhängt, ebenso wie die ständige Kritik, sie sei keine würdige Nummer eins, da ihr ein Grand-Slam-Titel bisher fehlt, hatte die Russin bereits in den ersten Runden von Wimbledon gehemmt. Auch gegen Lisicki sollte sie nicht zu gewohnter Form finden und lange sah es danach aus, als würde die Berlinerin die nächste Favoritin stürzen. Doch die Abgebrühtheit, die Lisicki in den Runden zuvor auszeichnete, fehlte ihr an diesem drückend heißen Tag in Wimbledon. Mit einem Doppelfehler kassierte sie im siebten Spiel des zweiten Satzes das entscheidende Break. Zu Beginn des dritten Durchgangs kämpften beide Spielerinnen mit ihren Nerven. Im Wechsel gaben sie ihre Aufschläge ab, bevor Safina schließlich mit zwei Breaks zum 4:1 die Vorentscheidung gelang. „Heute hat die Erfahrung gesiegt. Sie ist eben die Nummer eins“, sagte Lisicki.

Ihre Wege hatten sich schon ein Mal gekreuzt, vor anderthalb Jahren, als es Lisicki in Melbourne zum ersten Mal als Qualifikantin ins Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers geschafft hatte. Zu dieser Zeit war sie die Nummer 194 der Welt, Safina als 16. der Rangliste die haushohe Favoritin. Doch damals kämpfte Lisicki sie in drei Sätzen nieder. Anschließend hatte sie ganz selbstverständlich klargestellt, dass sie natürlich die Nummer eins werden wolle.

An sich und die eigenen Fähigkeiten bedingungslos zu glauben, das ist das Prinzip, nach dem alle Schüler von Trainer-Guru Nick Bollettieri auf und neben dem Tennisplatz leben. Und wenn man Lisicki so reden hört, dann weiß man, dass sie im Trainingscamp in Florida geschult wurde. Gerne hätte man etwas mehr von ihr erfahren, doch wirkliche Nähe lässt Lisicki nicht zu. Lieber sagt sie Sätze wie: „Es ist schön, dass sich jetzt auch die internationale Presse für mich interessiert. Das kann nur von Vorteil sein.“ Trotz der Niederlage wird das Interesse wohl auch in nächster Zeit nicht nachlassen.

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