Sport : Wimbledon: Goran der Gewinner

Benedikt Voigt

Was, um Himmels Willen, ist eigentlich heilig an diesem Rasen? Sicherlich, die Grashalme sind ein bisschen kürzer geschnibbelt als diejenigen im Volkspark Hasenheide - sechskommaacht Millimeter kurz, um genau zu sein. Zudem dient der Rasen, von dem hier die Rede ist, im Gegensatz zum Volkspark dem Londoner Stadtteil Wimbledon als Tennisplatz. Aber sonst? Gestern blutete er aus exakt den gleichen hellbraunen Wunden, die auch jeder andere natürliche Bodenbelag aufweisen würde, wenn zwei Wochen lang Tennisspieler auf ihm herumtrampelten. Was also soll übernatürlich sein an diesem Rasen?

Goran Ivanisevic weiß die Antwort. Als der 29-Jährige am Montag vor 14 Tagen diesen Rasen betrat, war er ein Verlierer. Schlimmer noch, er war eine tragische Figur, denn seine Vita wies zwar 21 Grand-Prix-Siege aus, doch seine Niederlagen waren noch größer: Dreimal stand er im Finale von Wimbledon, dreimal ging er als Verlierer vom Platz. Nach der letzten Finalniederlage 1998 gegen Pete Sampras begann ein Absturz, der seines Gleichen sucht. Bis auf Rang 132 ging es hinunter, der Kroate musste Turniere wie die Heilbronn Open spielen, und die ersten Runden der Grand-Slam-Turniere waren auch die letzten. Den Tiefpunkt erreichte er in diesem Jahr bei den Australian Open. 24 Stunden hingereist, Qualifikationsspiel verloren, 24 Stunden zurückgereist. Das Traurigste war, dass er das verloren hatte, was ihn immer ausgezeichnet hatte, seinen Aufschlag. Mit 200 Kilometern pro Stunde hatte er einst die Bälle ins Feld dreschen können. Nun war er froh, wenn sie es überhaupt über das Netz schafften. Auch ein Besuch beim Psychologen half nichts. "Der konnte mir den Aufschlag auch nicht zurückgeben." Nein, Ivanisevic musste erst dorthin zurückkehren, wo er ihn verloren hat. Auf den Rasen von Wimbledon.

Online-Gaming Spiel, Satz und Sieg: Der Pong-Klon von meinberlin.de Als Ivanisevic am Montag vor 14 Tagen diesen Rasen betrat, kam er plötzlich zurück, der Aufschlag. Fortan rammte, peitschte und schoss er die Filzbälle über das Netz, als steckte er in einem anderen Körper. Und nicht mehr in jenem mit der angerissenen Rotatoren-Manschette, die seine linke Schulter chronisch schmerzen ließ. Und natürlich gewann Goran, der Gewinner, dann auch noch das nervenaufreibende Finale gegen Patrick Rafter. Seit gestern muss man, um die Geschichte des Goran Ivanisevic zu erzählen, Übernatürliches bemühen. Der Held glaubt: "Mein Sieg war Gottes Wille." Und der heilige Rasen von Wimbledon führte ihn aus.

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