Sport : Wimbledon: Grünes Duell der Becker-Erben

Jörg Allmeroth

Wenn Nicolas Kiefer und Thomas Haas heute das grüne Feld der Träume in Wimbledon betreten, dann sind die beiden besten deutschen Tennisspieler ausnahmsweise vereint in ihren Zielen und Wünschen: Endlich wieder ein Erfolgserlebnis feiern nach Wochen der Zweifel und Unsicherheiten, endlich wieder Fuß fassen in der Spitze, endlich einen bahnbrechenden Triumph landen, noch dazu in Wimbledon, dem Ort, an dem es wirklich zählt.

Doch heute kommt nur einer durch. "Ich hoffe auf einen Knalleffekt", sagt trotzig Haas, der sich bisher nicht sonderlich wohl fühlte beim Spiel auf Rasen, der aber in seiner augenblicklichen Lage dankbar dafür sein muss, womöglich neues Selbstbewusstsein tanken zu können. "Selbstbewusst" und wieder wettbewerbsfähig geht Kiefer ins Rennen, der bei den Gerry Weber Open seine Ängste und Selbstzweifel nach den langen Verletzungspausen überwand. Er sei "optimistisch", in Wimbledon mit jedem mithalten zu können, meint Kiefer. Natürlich auch mit Haas.

Beim bisher einzig wichtigen Vergleich, 1998 bei den French Open in Paris, war Kiefer der nervenstärkere und auf den Punkt konzentriertere Akteur. Kiefer, der Berechenbare, blieb voll im Soll. Haas, der positiv wie negativ Unberechenbare, verzweifelte rasch. Scharf trennten sich auch danach die Wege und Perspektiven der ungleichen Becker-Erben, die längst nicht so einfach in Strahlemann und Buhmann zu teilen sind. Kiefer legte Wert aufs persönliche Fortkommen im Tourzirkus, wandte sich ab vom Nationenkampf im Davis Cup und rutschte im vergangenen Jahr sogar unter die Top fünf der ATP-Hitliste. Haas liess sich vor den Davis-Cup-Karren spannen, holte dort seine beeindruckendsten Siege. Doch so sehr er auch im schwarz-rot-goldenen Einsatz das Unmögliche möglich machte und verlässlich punktete, so bescheiden geriet seine Bilanz im Tennis-Alltag. Und immer dann, wenn es in Finals wie in Stuttgart, beim Grand Slam Cup oder Anfang des Jahres in Auckland auf mentale Stärke ankam, brach Haas unter der Last zusammen.

Kiefer hat potenziell das Spiel, das in Wimbledon sogar für ganz große Siege taugt. Der Deutsche verfügt über eine ausgezeichnete Auge-Hand-Koordination, nur unwesentlich schlechter als ein intuitiver Könner wie Andre Agassi. Die kurzen, schnellen Ballwechsel, die Betonung auf Service und Volley liegen dem Niedersachsen. Und nach dem überzeugenden Comeback in seiner zweiten Heimat Halle/Westf., wo er sich erst im Viertelfinale vom Holländer Krajicek stoppen ließ, hat Kiefer auch den Rückenwind für die Herausforderung Wimbledon.

"Neuen Mut" und "neue Kraft" habe sein Schützling getankt, sagt Trainer Bob Brett. Sollte Kiefer seine psychischen Barrieren überwinden, wäre auch der Weg geebnet, wieder an die guten Resultate der ersten Saisonphase anzuknüpfen. Kiefer hatte bei den Australian Open das Viertelfinale erreicht und wenig später in Dubai gewonnen. Im Championsrennen der ATP Tour war Kiefer anfangs konstant unter den ersten Zehn platziert.

Soweit ist Tommy Haas in dieser verkorksten Saison noch gar nicht gekommen. Schon seit einem verschlafenen Start in Australien rangierte der deutsche Amerikaner nur im hinteren Mittelfeld der Tennis-Hitliste und kam nicht recht von der Stelle. Zu den einzigen Höhepunkten in einer enttäuschenden Bilanz zählten noch der Davis- Cup-Auftritt beim Erstrunden-Sieg gegen Holland und der Finalvorstoss beim Turnier in München.

Das größte Problem ist für Haas aber abseits des Tennisplatzes angesiedelt. Gerade in diesem schwierigsten seiner Profijahre wirkt sich verhängnisvoll aus, dass er keinen Mann an seiner Seite hat, dem er wirklich vertraut. Die alten Lehrer aus dem Bollettieri-Camp nimmt er nicht mehr ernst, und andere Autoritäten sind noch nicht in Sicht. So regiert Haas gegenwärtig eher willkürlich in seinem eigenen kleinen Tennisreich, ohne dass dabei ein klarer Plan erkennbar würde.

Zu viele Ungereimtheiten störten zuletzt die erhoffte Aufwärtsentwicklung des Deutschen. Allein in dieser Saison wirbelte Haas drei Mal sein persönliches Betreuungsteam durcheinander, heuerte und feuerte die Trainer und Fitnesscoaches nach Belieben. In Paris saß mit dem Bollettieri-Adjutanten David Ayme ein Übungsleiter auf der Tribüne, den Haas im Frühling schon einmal aus seiner Nähe verstiess. In Wimbledon ist nun der Chilene Raul Ordonez dabei, auch ein in dieser Saison schon einmal engagierter und dann verbannter Begleiter. Die Kraft zu einem tatsächlichen Befreiungsschlag hat Haas noch nicht aufgebracht. "Wahrscheinlich gibt es nur zwei Leute, auf die er hören würde", sagt ein Freund, "und das sind Stich oder Becker."

Kiefer, oft nicht gesund genug, und Haas, oft nicht geradlinig genug, hoffen nun auf den Umschwung in einer Saison der Probleme. "Es wäre schön, wenn es so schnell wie möglich aufwärts gehen würde", sagt Teamchef Carl-Uwe Steeb. Fragt sich nur, für wen.

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