Wimbledon : Marathon mit Ball

In einem unglaublichen Spiel über drei Tage besiegt John Isner Nicolas Mahut 70:68 im fünften Satz. "Ich bin jetzt etwas müde", meinte Isner anschließend.

Petra Philippsen

Selbst Roger Federer war am Mittwochabend völlig überfordert. „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagte der Schweizer, „ich habe so etwas noch nie gesehen – das gibt es doch gar nicht.“ So in etwa erging es auch allen anderen, die ein Spektakel auf Court 18 im All England Club miterlebten, das die Welt noch nicht auf einem Tennisplatz gesehen hatte. Es war das unglaublichste, kurioseste und längste Match, das jemals ausgetragen wurde. Nach drei Tagen und einer Spieldauer von 11 Stunden und fünf Minuten war mit John Isner der Sieger im Duell mit Nicolas Mahut endlich gefunden – und das mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6 und – kaum fassbar – 70:68. „Es nervt, dass einer von uns verlieren musste“, sagte Isner, „es war ein einmaliges Match. Ich bin jetzt etwas müde.“

Der Schlussakt des historische Dramas hatte am Donnerstagnachmittag nur noch eine Stunde gedauert, und das schien verhältnismäßig kurz. Beim Stand von 59:59 hatte die Erstrundenpartie am Vorabend zum zweiten Mal unterbrochen werden müssen. Da hatten Isner und Mahut bereits sämtliche Tennisrekorde pulverisiert. Schon am Mittwochabend waren die kleinen Tribünen zum Bersten gefüllt, es gab keinen Millimeter Platz mehr am Geländer der Dachterrasse, die die beste Sicht auf den Nebenplatz garantiert. Da traten mit dem 22-jährigen Amerikaner Isner, die Nummer 19 der Welt, und dem 28-jährigen Franzosen Mahut, lediglich an Position 148 geführt, zwei Spieler an, die sicher keine Titelkandidaten waren. Doch niemand wollte sich dieses Ereignis entgehen lassen. Die Linienrichter und die Ballkinder kamen und gingen, die Sonne war inzwischen fast untergegangen, nur die beiden Kontrahenten spielten und spielten. Wie zwei angeknockte Boxer, die nur noch von ihrer schieren Willenskraft auf den Beinen gehalten werden, taumelten sie über den Rasen und trotzten jeglicher Zeitrechnung. Das Gefühl dafür war ihnen längst abhabenden gekommen. Aufgeben kam nicht in Frage.

Einzig den fünften Satz mussten sie noch ausspielen, nachdem es am Dienstagabend dafür zu dunkel geworden war. Doch dieser Durchgang allein sollte länger andauern, als das bisher längste Match der Geschichte. Fabrice Santoro und Arnaud Clement hatten sich vor sechs Jahren bei den French Open einen Kampf über 6:33 Stunden geliefert. Darüber waren Isner und Mahut längst hinaus, als es noch 44:44 stand. Isner hatte da schon drei Matchbälle nicht nutzen können, den ersten beim Stand von 10:9. Das schien eine Ewigkeit her. Auch die Chancen beim 33:32 wehrte Mahut souverän ab. Beide schlugen auf, als wären ihre Arme mechanisch und resistent gegen Schmerz und Müdigkeit. Der 2,06 Meter große Isner servierte Ass um Ass, 112 insgesamt, das ist natürlich ein Rekord. Doch Mahut war mit 103 kaum schlechter. Gemeinsam brachten sie es auf 215 Asse, das sind gut 110 mehr als die alte Bestmarke.

Im dritten Satz hatte Isner nebenbei noch einen Aufschlagrekord für Wimbledon aufgestellt mit 230,1 km/h. Diese Stärke der beiden war auch das Dilemma, so kam keiner von beiden zu Breakchancen. Isner legte vor, Mahut legte nach. Weiter und weiter. Beim Stand von 47:47 blieb die Anzeigetafel stehen. Dann wurde sie ganz schwarz. Auch die Technik war mit dieser Dimension überfordert. Genau wie die Spieler. „Come on – einer von euch!“, schrie ein Zuschauer verzweifelt. Doch Mahut parierte auch Isners vierten Matchball beim Stand von 58:59 mit einem Ass. Die Ballwechsel waren seit Stunden kurz, das Niveau aber noch erstaunlich gut. Inzwischen glaubte niemand mehr an ein natürliches Ende dieses irrwitzigen Marathons. Eine Zuschauerin wurde wegen hysterischer Lachanfälle hinaus gebeten.

Die Entscheidung wurde den Spielern um 21.09 Uhr Ortszeit vom Oberschiedsrichter abgenommen, der die Partie erneut wegen Dunkelheit unterbrach. Isner und Mahut schlichen vom Platz, nach 7:06 Stunden Spielzeit. Ungefähr so lange hatte Serena Williams im Vorjahr für ihre sieben Matches bis zum Titel benötigt. „So ein Match wird es nie wieder geben“, sagte Isner auf dem Weg zur Kabine.

Gestern mussten sie es dann zu Ende bringen, irgendwie, mit den Kräften, die sie noch hatten. Isner verwandelte schließlich seinen fünften Matchball. Nüchtern betrachtet war es für ihn nur der Einzug in Runde zwei. Doch dieser Sieg sichert ihm einen Platz in der Tennisgeschichte.

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