Sport : Wimbledon: Popp hat den Blues

Debütant Alexander Popp hat bei der Reifeprüfung in Wimbledon Lehrgeld gezahlt. Nach seiner beeindruckenden Siegesserie beim wichtigsten Tennisturnier scheiterte der letzte deutsche Einzelspieler am Mittwoch im Viertelfinale des mit 12,5 Millionen Dollar dotierten Grand-Slam-Turnieres am Mitfavoriten Patrick Rafter mit 3:6, 2:6, 6:7 (1:7). Erst als es zu spät war, legte der Mannheimer seine Nervosität ab. Zwölf Monate, nachdem der Australier die Wimbledon-Karriere von Popps Idol Boris Becker beendet hatte, setzte sich der frühere Weltranglisten-Erste auch gegen Popp durch. Der Mannheimer, der sich mit seinen starken Auftritten auf dem "heiligen Rasen" in die Top 70 der neuen Weltrangliste geschlagen hat, darf dennoch auf eine Fortsetzung seines Aufstiegs hoffen. Die rund 100 000 Dollar Preisgeld, mit der er seine Preisgeldeinnahme verdoppelte, geben neben den Bundesliga-Einsätzen für Mannheim Sicherheit in der Karriereplanung.

Zudem darf der Zwei-Meter-Hüne dank seiner Erfolge über Ronald Agenor (Haiti), die French-Open-Gewinner Michael Chang (USA) und Gustavo Kuerten (Brasilien) sowie Haas-Bezwinger Marc Rosset (Schweiz) künftig bei Turnieren direkt aufschlagen und sogar auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen hoffen.

"Wir sind auch hier, um Erfahrung zu sammeln", sagte sein Trainer Helmut Lüthy in der Regenpause vor dem großen Auftritt seines Schützling dem Fernsehsender "Premiere World". Der 61-jährige Tennis- Lehrer vermutete allerdings schon da: "Es wird sehr, sehr schwer."

Mit eineinhalbstündiger Regen-Verspätung begann dann Popps erster Viertelfinal-Auftritt bei einem Grand-Slam-Turnier im kleineren der beiden Wimbledon-Stadien. Während Steffi Graf ihrem "Herzbuben" Andre Agassi (USA) bei der Arbeit auf dem Centre Court gegen Mark Philippoussis (Australien) die Daumen drückte, wurde ihr Landsmann auf "Court 1" bei seiner Reifeprüfung auf dem falschen Fuß erwischt.

Oben auf der Tribüne saß Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb neben Popp-Trainer Lüthy, unten auf dem Rasen verlor die neue deutsche Tennis-Hoffnung gleich sein erstes Aufschlagspiel. Der Abiturient stand gegen den Rasen-Spezialisten Rafter auf verlorenem Posten. Der zweimalige US-Open-Gewinner zeigte dem "Wimbledon-Greenhorn" noch die Grenzen auf. Nachdem der Mann mit dem Pferdeschwanz nur 31 Minuten für den ersten Satz benötigte, verlor der junge Deutsche auch im zweiten Durchgang sein Aufschlagspiel früh. Rafter war sechs Minuten schneller am Ziel. Immer wieder schüttelte Popp den Kopf.

Die 11 000 Zuschauern wurden erst aus ihrer Lethargie gerissen, als Rafter in einer Spielpause das Hemd wechselte. Danach feierten die deutschen und englischen Fans Popp überschwänglich, als der zu Beginn des dritten Satzes seinen Aufschlag durchbrachte. Doch im siebten Spiel verlor Popp sein Service erneut. Die Würfel waren gefallen. Der Deutsche schaffte zwar noch das Rebreak, doch dann spielte Rafter im Tiebreak seine Routine aus.

Popp, den die Briten am liebsten einbürgern würden, hat in Wimbledon hineingeschnuppert in die Welt der großen Stars. Sogar Autogramme musste das "Greenhorn" schreiben. "Wir nehmen das locker, es macht Alexander sogar Spaß. Er lacht darüber. Etwas anders bleibt ihm ja nicht übrig", meinte Lüthy.

Der erfahrene Trainer, der zehn Jahre lang mit Patrik Kühnen einen deutschen Daviscup-Sieger betreute, muss nun darauf achten, dass aus Popp keine "Eintagsfliege" wird. Doch wer den jungen Mann in Wimbledon erlebt hat, der kann sich einen Absturz beim besten Willen nicht vorstellen. Popp hat viele Anlagen, um in der Weltspitze mitzuspielen. Doch der Weg zu einem Topspieler auf der ATP-Profitour ist noch weit. Auf Sand oder Hardcourt hat er noch keine vergleichbare Leistung gezeigt.

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