Sport : Wimbledon: Steigende Leistung - sinkende Quote

Es ist der Stoff, aus dem Helden-Sagen entstehen. Da ist ein junger Mann, den kaum einer kennt und der in Wimbledon die Konkurrenz das Fürchten lehrt. "Er hat gewisse Fähigkeiten, die hat man oder man hat sie nicht", sagt Coach Helmut Lüthy über seinen Schützling Alexander Popp. Beim Training am Tag vor der Reifeprüfung im Viertelfinale gegen Patrick Rafter stellte die neue deutsche Tennis-Hoffnung selbst Andre Agassi in den Schatten. Alle Kameras und Mikrofone waren auf den Debütanten aus Mannheim gerichtet, der seine Übungseinheit mit der zweiten Wimbledon-Überraschung, Qualifikant Wladimir Woltschkow aus Weißrussland, konzentriert hinter sich brachte. Der Superstar aus Amerika, der auf einem Nebenplatz trainierte, wurde kaum beachtet.

Als der 23-jährige Popp dann durch den All England Club spazierte, wurde er von den Autogrammjägern gejagt. Seine Unterschrift setzte er im Programmheft eines kleinen Mädchens keck neben das Bild des Titelverteidigers Pete Sampras. Der junge Tennisspieler, der als Skorpion im selben Sternkreiszeichen geboren ist wie Boris Becker, ist zwar Deutscher, aber dank seiner auf der Insel geborenen Mutter auch eine britische Tennis-Hoffnung. Sogar Roger Taylor, der britische Daviscup-Kapitän, schaut sich die Spiele des baumlangen Debütanten gerne an. Auch sein deutscher Gegenspieler Carl-Uwe Steeb beobachtete den Siegeszug des Alexander Popp, der als 17-Jähriger ausgerechnet im Leistungszentrum in Beckers Geburtsstadt Leimen aussortiert worden war, verzückt. Der Schwabe Steeb bemüht sogar den Superlativ: "Einfach sensationell. Mit ihm hat keiner gerechnet".

Im Tennis-Mekka sorgt der Zwei-Meter-Hüne, den sie schon "Popey", "Popp-Star" oder "Alexander, den Großen" getauft haben, für Aufsehen. "Er ist groß, schlägt gut auf. Aber es sieht nicht so aus, als ob er oft ans Netz kommt", meinte sein Gegner Patrick Rafter. Der Australier war Weltranglisten-Erster, hat zwei Mal die US Open gewonnen und ist der Favorit. Die englischen Buchmacher sehen es anders. Für einen Sieg von Popp über Rafter gibt es bei zwei Pfund Einsatz nur sieben Pfund Gewinn. Wer vor Wimbledon ein Pfund auf einen Popp-Triumph gesetzt hätte, wäre mit 500 Pfund belohnt worden. Mittlerweise ist die Quote auf 66:1 gesunken.

"Ich erwarte überhaupt nichts", sagt Popp, der vor Wimbledon einen Turniersieg in Oberstaufen als größten Erfolg verbuchen konnte und nun bereits bald 200 000 Mark Preisgeld eingenommen hat. "Wenn ich verliere, dann geht die Welt auch nicht unter", sagt er. Dank des Höhenfluges in Wimbledon ist sogar die Olympia-Teilnahme für den Überflieger in Reichweite gerückt. Die Nominierungskriterien hat er erfüllt. "Am liebsten würde Alexander die ganze Welt umarmen", glaubt Patrik Kühnen, der mit Popp-Trainer Helmut Lüthy zehn Jahre lang zusammen war.

Mit einem 0:6 gegen den 35-jährigen Ronald Agenor war der Einstand beim ersten Rasen-Turnier zunächst wenig verheißungsvoll gewesen. Doch nach dem Altstar aus Haiti, schaltet Popp die beiden French- Open-Gewinner Michael Chang (USA) und Gustavo Kuerten (Brasilien) aus, ehe er mit seinem zweiten Fünfsatz-Erfolg binnen fünf Tagen über Haas-Bezwinger Marc Rosset (Schweiz) als erster Deutscher nach Boris Becker den Sprung in die Runde der letzten Acht schaffte. "Das ist doch verrückt", wundert er sich und vermutete völlig zu Recht: "Jetzt beginnt der Trubel."

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