Winterspiele in Sotschi : 80 Tage vor dem Start: Planieren unter Palmen

Als die Münchner vor einigen Tagen gegen Olympia stimmten, meinten sie auch Sotschi. Der russische Kurort, der komplett umgebaut wird, ist der Inbegriff des Gigantismus. Ein Besuch beim Bau.

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Höher, schneller, größer. Für die Spiele von Sotschi wurde der Skiort Rosa Khutor in Rekordzeit in die Bergwelt gestemmt (links). Auch sonst sind Superlative gerade gut genug: Die olympische Fackel durfte einen Ausflug ins Weltall unternehmen. Foto: Reuters Foto: imago sportfotodienst
Höher, schneller, größer. Für die Spiele von Sotschi wurde der Skiort Rosa Khutor in Rekordzeit in die Bergwelt gestemmt (links)....Foto: imago sportfotodienst

Von Schnee ist noch keine Spur zu sehen, die Lawine rollt aber schon lange. Jeden Tag schleppt sie sich noch vor Sonnenaufgang den Berg hinauf. Stoßstange an Stoßstange quälen sich Autos, Busse und Lastwagen vom Schwarzen Meer zu den Gipfeln des Kaukasus empor. Scheinwerfer erhellen die Nacht, Motoren vertreiben die Stille, Dieselabgase verpesten die Bergluft. 80 Tage werden noch vergehen, bis die Olympischen Winterspiele 2014 eröffnet werden, bis dahin ist noch viel zu tun. Aber in Sotschi und Umgebung ist Olympia schon seit Jahren unterwegs, unaufhörlich, unaufhaltsam.

Seitdem Sotschi im Sommer 2007 den Zuschlag für die Winterspiele bekam, gilt die südrussische Stadt als das wohl abschreckendste Beispiel dafür, was aus der olympischen Idee geworden ist. Als vor einer Woche die Bürger von München, Garmisch-Partenkirchen, Traunstein und Berchtesgaden gegen eine Bewerbung für Olympia 2022 votierten, hatten sie auch Sotschi im Kopf. Und all jene Auswüchse des modernen Sports, die man in Deutschland mit dem Namen der 450 000-Einwohner-Stadt verbindet: Gigantismus, Korruption, Umweltzerstörung, Propaganda. Allein Sotschis Lage in den Subtropen und der Traum der russischen Organisatoren von „Winterspielen unter Palmen“ ließ viele fassungslos den Kopf schütteln.

Angesichts der Umwälzung erscheint es unglaublich, dass in Sotschi Einigkeit herrscht

In Sotschi lebt dieser Traum, er ist überall sichtbar. Auf riesigen Plakaten wirbt das Foto einer blonden Snowboarderin für die Spiele, im Bikini und mit Fellmütze auf dem Kopf saust sie einen schneebedeckten Hang hinab, einem Palmenstrand entgegen. Hinter den Plakaten ist meist eine Baustelle verborgen. Das Stadtbild wird dominiert von Absperrungen, Staub und Lärm. An der Schranke zum Olympischen Dorf, ein paar Meter vom Schwarzmeerstrand, stauen sich LKW, Baumaschinen und Busse, die Beton, Rollrasen und Arbeiter anliefern. Gleich hinter den Unterkünften der Athleten soll ein Yachthafen entstehen, eine Planierraupe kippt Felsbrocken ins Wasser. 24 Stunden am Tag wächst der Kai ins Meer, auch in finsterer Nacht. Angesichts der Umwälzung erscheint es unglaublich, dass in Sotschi Einigkeit herrscht: Jetzt, so kurz vor den Spielen, sei alles schon viel erträglicher. In den vergangenen Jahren seien die Bauarbeiten noch viel schlimmer gewesen. Die ganze Stadt stand im Stau, drei Stunden benötigte man für die 25 Kilometer lange Fahrt zwischen dem Zentrum und dem Ortsteil Adler, wo heute der Olympia-Park mit vielen Sportstätten steht.

Sotschi ein Jahr vor den Winterspielen
Untypisch. Beim Blick auf die endlosen Baustellen und das Schwarze Meer im Hintergrund drängt sich nicht sofort der Gedanke auf, dass Sotschi ein Wintersportort ist. Andererseits: das mit den Baustellen und Olympia kennt man ja. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
07.02.2013 11:40Untypisch. Beim Blick auf die endlosen Baustellen und das Schwarze Meer im Hintergrund drängt sich nicht sofort der Gedanke auf,...

Schon 2007 konnte man erahnen, was auf Sotschi zukommen würde. Die Bewerbung der Russen wurde damals von der Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees deutlich schlechter eingeschätzt als die Konkurrenten Salzburg und Pyeongchang. Sotschi konnte keine einzige olympiataugliche Sportstätte vorweisen, den Zuschlag erhielt die Stadt trotzdem. Seitdem sind 14 neue Sportstätten errichtet worden, ein Flughafen, eine Bahnstrecke, vier Ski-Orte, 150 Pisten, mehr als 40 Hotels mit 40 000 Betten, unzählige Kilometer an Straßen und Stromleitungen. Hinzu kommen eine Formel-1-Strecke und ein gigantischer Freizeitpark, beides direkt neben dem Olympiagelände.

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