Wintersport : Auszeit vom Siegen

Die deutschen Skijäger sind Siege gewohnt. Doch nicht bei allen läuft es derzeit rund. Warum Biathlet Michael Greis derzeit nicht wie gewohnt erfolgreich ist.

Michael Neudecker[Ruhpolding]

Der Biathlet Ole Einar Björndalen, man weiß das, verliert nicht gerne. Er verliert zwar nicht oft in seinem sportlichen Alltag, der Norweger ist mit bald 34 Jahren fünfmaliger Olympiasieger, neunmaliger Weltmeister und vierfacher Weltcup-Gesamtsieger – wenn er aber doch mal verliert, dann fliegen schon mal Gegenstände an die Wand. So gesehen dürfte es ziemlich laut gewesen sein im März des vergangenen Jahres daheim bei Björndalen in der Südtiroler Gemeinde Toblach: Weil er den Gesamtweltcup verlor, an Michael Greis, einen 30-jährigen Deutschen, der keine zwei Jahre zuvor erst seinen ersten Weltcupsieg überhaupt erreicht hatte.

Björndalen tut alles für seinen Sport, er lebt geradezu asketisch. Michael Greis dagegen sagt: „Weniger ist manchmal mehr.“ So funktioniert der Biathlet Michael Greis, nur so: locker, entspannt, unaufgeregt. Daran hat sich nichts geändert, obwohl es nachvollziehbar wäre, wenn Greis nun auch mal ein paar Gegenstände gegen die Wand werfen würde. Schließlich läuft die Saison nicht gerade gut für ihn, im Gesamtweltcup ist er derzeit Neunter, nur Neunter, und vergangene Woche in Oberhof hat er beim Liegendschießen im Staffelrennen fünf Mal daneben geschossen. Er, Michael Greis, der Weltcupgesamtsieger aus der vergangenen Saison, Weltmeister und dreimaliger Olympiasieger. „Ich hab nicht erreicht, was ich erreichen wollte“, sagt Greis am Donnerstagmorgen, als er sich in Ruhpolding auf die am Abend stattfindende Staffel (erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe beendet) vorbereitet. Und fügt gleich hinzu: „Ich bin aber nicht verärgert, überhaupt nicht.“

Man glaubt ihm das: Greis plaudert zwar nicht mehr ganz so unbekümmert und ungebremst wie noch im Winter 2006/07, aber plaudern tut er eben noch immer. Dass der Gesamtweltcup heuer nie ein Thema für ihn gewesen ist, sagt er, dass er ja wusste, wie gut „der Ole“ ist, dass Neunter doch auch nicht so schlecht ist, weil „unter die Top Ten muss man auch erst mal kommen“, und dass er „ja nicht immer oben stehen kann“. Er klingt, nun: locker, entspannt, unaufgeregt.

Er hat ein bisschen herumprobiert zuletzt, hat größere Handschuhe genommen zum Beispiel. Er hat die Saison ja noch nicht abgeschrieben, zumindest ein paar Mal will er schon noch zeigen, was er wirklich kann, beim Heimrennen in Ruhpolding zum Beispiel, vor allem aber bei der WM im schwedischen Östersund. „Bei punktuellen Ereignissen hab ich eine Chance gegen den Ole“, sagt Greis. Genau genommen war das auch der Grund, weshalb er vergangene Saison den Gesamtweltcup gewann: Er war bei einigen Großereignissen richtig gut – und, das auch, Björndalen pausierte ein paar Rennen, um im Langlauf an den Start zu gehen. „Es war ein bisschen Glück dabei“, sagt Greis. Das Schicksal hat es so gewollt, dass Greis nach dem Karriereende von Ricco Groß und Sven Fischer nach der vergangenen Saison zum größten Star der deutschen Biathlon-Männer wurde, zum Vorzeigeathleten. Die anderen orientieren sich jetzt an ihm, und vermutlich hat das auch dazu beigetragen, dass Greis manchmal daneben schießt.

Vor der Saison war die Rede von Motivationsproblemen, in einem Interview sagte Greis damals: „Vielleicht hab ich mir keine richtigen Ziele gesetzt.“ Vielleicht ist es so: Michael Greis gönnt sich einfach mal eine Art Auszeit.

Bleibt nur für ihn zu hoffen, dass die Auszeit nicht all zu lange dauert.

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