Wintersportnation Russland : Das Erbe ist aufgebraucht

Wintersport war einst das Symbol russischer Stärke, doch in Vancouver versagte die Olympiaauswahl. Bis zu den kommenden Spielen in Sotschi lassen sich die Fehler der Vergangenheit kaum beheben.

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Vancouver 2010 - Eishockey
Am Boden zerstört. Vermeintliche Favoriten wie die Eishockeymannschaft werden ohne Medaille heimkehren. -Foto: dpa

Neben der Verbitterung über die hohe Niederlage hatte Russlands Eishockey-Nationaltrainer auch noch viel Spott aus der Heimat zu ertragen. 3:7 im Viertelfinale gegen Kanada - und dann auch noch das. Da brach es aus Wjatscheslaw Bykow heraus: "In anderen Ländern bemüht man sich, Sportler nach Niederlagen wieder aufzubauen. In Russland ist es so: Gewinnen wir, sind alle unsere Freunde", sagte er. Und legte mit harter Symbolik noch nach: "Verlieren wir, will man auf dem Roten Platz gleich die Guillotine aufstellen."

Eishockey ist in Russland eben mindestens so populär wie Fußball. Trotz des Zeitunterschieds - als das Spiel in Vancouver angepfiffen wurde, war es in Moskau vier Uhr morgens - verfolgten die meisten Russen die Übertragung live. Und in den schockierten Aufschrei, der jedem Tor der kanadischen Erzrivalen folgte, mischte sich auch die Enttäuschung über all die anderen Misserfolge, die Russland in Vancouver schon wegstecken musste. Nur Platz fünf in der Länderwertung, die Zielvorgabe von Kreml und Regierung war eine andere: wenigstens Rang zwei, so hieß es vor Beginn der Spiele.

Mindestens 24 Mal Edelmetall wäre dafür nötig gewesen. Russland brachte es dagegen nach derzeitigem Stand lediglich auf ein bisschen mehr als die Hälfte. Damit fuhr die bisher zahlenmäßig größte russische Mannschaft - 175 Aktive vertreten in Vancouver das flächenmäßig größte Land der Erde - das bisher mit Abstand schlechteste Ergebnis ein. Allein beim Biathlon sah der Staatsplan sechs Medaillen vor. Es reichte nur für drei. Eine ähnlich schwache Kür legten Eiskunst- und Eisschnellläufer hin. Auch die Wettkämpfe in den nordischen Disziplinen, wo sowjetische Sportler in der Vergangenheit die Konkurrenz immer dominierten, waren aus russischer Sicht ein Drama. Bei neuen Sportarten wie Freestyle, Curling oder Snowboard spielt Russland derzeit ohnehin noch keine Rolle.

Die Freude an den Spielen in Vancouver ist der stolzen Nation gründlich vergangen. Und die Vorfreude auf die Spiele in Sotschi, um die Russland mit vollem Einsatz und mit allen Methoden gekämpft hatte, gleich dazu. Denn die Fehler und Versäumnisse, mit denen das postkommunistische Land den Wintersport, einst das Symbol nationaler Stärke, in die Krise trieb, lassen sich in den kommenden vier Jahren kaum korrigieren. Nicht mit milliardenschweren Investitionen und nicht mit organisatorischen Konsequenzen, wie Wladimir Putin sie Sportlern und Sportfunktionären bereits androhte. Es ist nicht nur der Zusammenbruch der Sowjetunion, der das Debakel heraufbeschwor. Richtig ist zwar, dass die Langläufer ihr Trainingszentrum in Estland verloren, die Biathleten sich nicht mehr in den weißrussischen Wäldern vorbereiten konnten und Eissprinter nicht mehr im kasachischen Medeo ihre Runden drehen können. Hauptgrund für die aktuelle Misere aber ist die chronisch leere Staatskasse, die in den vergangenen 20 Jahren die Förderung von Nachwuchs- und Breitensport nahezu unmöglich gemacht hatte.

Bis 1998 konnte die russische Mannschaft bei Olympia noch vom Erbe der Sowjetunion zehren. Doch schon in Nagano begann der Abwärtstrend. Obwohl die reichhaltigen Ölvorkommen der russischen Wirtschaft Milliardengewinne bescherten, blieb dem Wintersport Unterstützung vorenthalten. Gefördert wurden nur ausgewählte Sportarten. Die, bei denen man einfach an die Erfolge des sowjetischen Sports hätte anknüpfen können, waren nicht darunter. Die Konsequenzen sind erst jetzt zu spüren.

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