Winterträume : Wir sind wie Schauspieler

Von der Faszination, Gefühle und Illusionen zu vermitteln, erzählt Eistänzerin Christina Beier.

Christina Beier
DM im Eiskunstlaufen - Beier Beier
Beethoven ist ein Experiment. Das Eistanzpaar Christina und William Beier bei ihrer Kür während der Deutschen Meisterschaften.Foto: dpa

Wenn die Musik einsetzt, beginnt für mich die Kunst. Das Eis wird zur Bühne. Ich interpretiere diese Musik, ich fülle sie aus, ich erzähle den Zuschauern eine Geschichte, das ist für mich die Faszination des Eistanzes. So sehr ich Eiskunstläufer auch schätze, aber sie arbeiten mit ihren Sprüngen ein Programm ab. So etwas könnten wir uns gar nicht erlauben. Wir leben vor allem von unserem Ausdruck, wir vermitteln Illusionen, Emotionen, unsere Ausstrahlung ist unser ganzes Kapital.

Eistanz, das ist künstlerisch eine ständige Gratwanderung. Wir sind natürlich wie Schauspieler, aber wir sind Schauspieler, die bei unseren Gesten ein ganz bestimmtes Maß an Übertreibung zeigen müssen. Die großen Hallen zwingen uns dazu, die Feinheiten der Choreographie sollen ja auch in der letzten Reihe zu genießen sein. Aber wer zu sehr übertreibt, der kippt ins Gekünstelte. Das wirkt dann aufgesetzt und unglaubwürdig. Die optimale Mischung zu finden, das ist eine Kunst für sich.

Wenn wir aufs Eis gehen, mein Bruder William und ich, dann verwandeln wir uns, wir besetzen eine Rolle. Wir spielen eine Geschichte. Wir spielen sie nicht für die Zuschauer, das ginge nicht, man kann sie nicht erklären und vermitteln in der kurzen Zeit. Wir spielen sie, damit wir auf dem Eis Ausstrahlung haben. Bei den Zuschauern soll keine ausgefeilte Erzählung ankommen, sondern Ästhetik.

In unserer Olympia-Kür verarbeiten wir unsere eigene Geschichte, die lange Entwicklung der Geschwister Beier. Unsere Kindheit, unsere Anfänge auf dem Eis im ersten Teil, dann gleitet diese Geschichte in die schmerzhafte Phase unserer sportlichen Trennung und unserer persönlichen Differenzen, wie sie viele Menschen haben, die eng zusammen waren. Doch diese Trennung ist im dritten Teil überwunden. Wir haben uns vor dieser Saison wieder gefunden, wir werden bis zum Karriereende zusammen laufen, diese Freude teilen wir mit.

Und Beethovens Musik wird uns dazu begleiten, die siebte und die neunte Sinfonie, zum Finale wird „Freude schöner Götterfunken“ ertönen. Beethoven ist ein Experiment. Die Musik ist gewaltig, wir hatten am Anfang Angst, dass sie uns überrollt. Wenn die Gesten und der Ausdruck nicht mit der Musik verschmelzen, hat man verloren.

Aber Beethoven ist auch eine Herausforderung. Im Eistanz entwickelt man sich nicht, wenn man nur aufs Gewohnte zurückgreift. Wir hätten es uns leicht machen können. „Indianerkinder“ hatten wir mal gespielt, zu leichter, eingängiger Musik. Diese leichte Musik hätten wir wieder wählen können.

Aber wir wollten raus aus dem alten Schema. „Wir schaffen das“, haben wir gesagt. Schon als Kind hatte ich mir gewünscht, mal zu „Freude schöner Götterfunken“ zu laufen.

Trotzdem hatten wir bei der Kür zuerst die Geschichte, die wir erzählen wollten, unsere eigene Geschichte. Erst danach suchten wir die Musik aus. Bei unserem Originaltanz ist es anders. Wir hatten hawaiianische Musik gehört, sie gefiel uns, erst dann kreierten wir unsere Geschichte. Wir studierten das Cover der CD, hörten die einzelnen Titel, dann beschlossen wir, dass wir die Geschichte einer großen Liebe erzählen wollen. Junger Mann wirbt um junge Frau, er umgarnt sie, sie lockt ihn, irgendwann kommen sie zusammen, vermählen sich und strahlen Lebensfreude und Spaß aus.

Die ganzen Feinheiten der Geschichte bündeln sich zu einem großen Gefühl, diese Lebenslust, das soll bei den Zuschauern ankommen. Dafür arbeiten wir. Diese Lebenslust muss man aber in sich spüren, erst dann wird man richtig überzeugend, erst dann wirkt man trotz der Übertreibungen noch authentisch.

Die Kostüme spielen dabei eine ganz wichtige Rolle, gerade für mich als Frau. Unser Trainer und unsere Choreographin wünschten sich, dass ich als Hawaii-Mädchen einen grünen Rock trage. Doch ich wollte etwas Kräftigeres. In Grün habe ich mich unglücklich gefühlt. Aber ich muss mich wohlfühlen, nur so habe ich auch eine optimale Ausstrahlung. Also habe ich auf einer anderen Farbe bestanden. Jetzt trage ich einen roten Rock.

William und ich sind völlig unterschiedliche Typen, wir haben verschiedene Probleme und Macken, aber genau das nützt uns bei unserer Performance. Das macht unser Spiel abwechslungsreicher. Ich habe oft zu weiche Bewegungen, ich bin zu lasch. William hat eher zu viel Power. Wenn er seine Hände bewegt oder seinen ganzen Körper, dann wirkt das oft gleich so gewaltig. Wenn ich allerdings einen Partner hätte, der eher weich ist, der mir ähnelt, dann wären unsere Auftritte fad und langweilig.

Aufgezeichnet von Frank Bachner.

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