Sport : „Wir brauchen die Unterstützung des Staates“

IOC-Präsident Jacques Rogge über das Dopingproblem, die Menschenrechte in China – und simulierende Fußballer

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Herr Rogge, die olympische Bewegung feiert die Athleten. Was halten Sie jetzt vor der WM von Fußballern, die Foulspiele simulieren? Müsste man sich nicht davon verabschieden, dass Sportler Vorbilder sind, sind sie nicht Menschen wie jeder andere auch?

Sie sind Menschen wie jeder andere auch, aber sie haben eine Verantwortung. Wenn du ein berühmter Athlet bist, musst du als Vorbild auftreten, weil du die Aufmerksamkeit der Medien bekommst, Ruhm und Geld. Du musst fair sein, weil das, was du auf dem Feld zeigst, junge Menschen beeinflusst. Du kannst nicht nur die guten Seiten nehmen und von den Pflichten nichts wissen wollen. Wie Sie wissen, komme ich aus einem Sport mit vollem Körperkontakt: vom Rugby. Da gibt es sehr harte Berührungen, aber man wird nie einen Rugbyspieler sehen, der sich danach über das Feld rollt. Rugbyspieler fallen auf den Rasen, sie halten ihre Schulter oder ihr Knie, sie bluten vielleicht, aber sie werden nie ein Drama draus machen.

Was könnte man also tun?

Es gab eine sehr gute Reaktion von Arsène Wenger, dem Trainer von Arsenal, nach dem Finale in der Champions League. Sein Spieler Eboué simulierte ein Foul und ließ sich fallen. Nach dem Freistoß erzielte Sol Campbell das Tor für Arsenal. Hinterher sagte Wenger öffentlich: Ich dulde dieses Verhalten nicht in meinem Team. So sollte es sein. Ich würde mir das viel häufiger wünschen.

Sie sind bis 2009 IOC-Präsident, könnten sich aber noch einmal bis 2013 wählen lassen. Was sind Ihre Pläne?

Ich habe gesagt, dass ich mich nach den Spielen 2008 in Peking entscheiden werde. Vorher ist es absolut nicht nötig.

Haben wir in diesem Jahr bei den Winterspielen in Turin die Zukunft des Anti-Doping-Kampfs gesehen: eine ganz enge Zusammenarbeit zwischen der Polizei und dem Sport?

Wir brauchen auf jeden Fall die Unterstützung des Staates, weil er Möglichkeiten hat, über die wir nicht verfügen: Der Staat kann Taschen und Räume durchsuchen, Leute festnehmen und Forschung fördern. Der Staat kann eine Menge tun, was die Erziehung von Trainern und Ärzten im Geist des Anti-Dopings betrifft. Aber wir benötigen den Staat nicht für andere Aufgaben als solche, die er ohnehin beherrscht. Er soll keine täglichen Dopingkontrollen durchführen. Doch wenn wir sehen, da ist ein Dopingdealer, dann brauchen wir den Staat, um ihn festzunehmen, zu verhören und sicherzustellen, dass er nicht weitermacht. In Turin haben wir daher eine klare Verteilung gesehen: Wir wussten, dass im Quartier der Österreicher Material sein könnte, das wir nicht beschlagnahmen können. Deshalb haben wir die Regierung um Unterstützung gebeten. Aber die Initiative kam vom IOC.

Das italienische Anti-Doping-Gesetz gilt als eines der härtesten der Welt, und es gab vor den Spielen viel Ärger darum. Was halten Sie von diesem Gesetz?

Unser Standpunkt ist, dass es sehr nützlich ist, weil es den Staat befugt, vermeintliche oder potenzielle Dopingdealer zu verfolgen. Aber wir wollen nicht, dass Athleten, wenn sie positiv getestet sind, strafrechtlich verfolgt werden. Sie sind schließlich keine Gefahr für die Gesellschaft, im Gegensatz zu denen, die Dopingmittel verteilen.

Braucht jedes Land ein Anti-Doping-Gesetz?

Jedes Land sollte auf seine Gesetze schauen und überlegen, ob es die nötigen Mittel für den Kampf gegen Doping hat. Ich sage nicht, dass es ein spezielles Anti-Doping-Gesetz sein muss. Wenn die Bestimmungen auf mehrere Gesetze verteilt sind, ist es auch in Ordnung.

Was muss ein Staat gegen Doping auf jeden Fall tun können?

Zunächst einmal muss sichergestellt sein, dass der Staat die Verbreitung von bestimmten Produkten kontrollieren kann. Wenn zum Beispiel ein Produkt wie Erythtropoietin, Epo, frei erhältlich ist, dann ist das ein Problem. Das macht Doping leichter. Wenn der Staat ein Gesetz hat, das den illegalen Einsatz von Dopingmitteln eindeutig verbietet, sind wir zufrieden. Denn dann kann der Staat eingreifen gegen Leute, die Dopingmittel schmuggeln und mit ihren Autos voll von solchen Substanzen über die Grenzen fahren. Wenn man aber keine starke Gesetzgebung hat, wird sie niemand aufhalten können.

In Deutschland hat die Regierung lange auf ein eigenes Anti-Doping-Gesetz verzichtet, weil sie der Meinung war, dass die Gesetzeslage ausreicht. Dafür beklagen Politiker, dass einfach niemand die Dopingdealer anzeige.

Ich kenne die Situation in Deutschland nicht, aber wenn Politiker sagen, dass sie die gesetzlichen Voraussetzungen haben, um den Dealer festzunehmen, aber nicht die Kenntnisse, dann müssen sie eben diese Kenntnisse verbessern. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meinem Land, aus Belgien. Es gibt dort im Justizministerium eine Spezialeinheit, die nach Informationen zum Doping sucht. Dafür braucht man Leute, die an der Basis sind, Leute, die auskundschaften können. Denn niemand wird ihnen offiziell sagen: Der da ist der Dopingdealer. Man muss nach Informationen in derselben Weise suchen wie in der Verbrechensbekämpfung insgesamt. Der Kampf gegen Doping lebt nicht nur von spontanen Suchergebnissen. Es ist eine Frage der Überwachung. Aber wenn man nicht die Einstellung hat, um danach zu suchen, wird es schwer. Es kommt auf den politischen Willen an.

In Deutschland sagen manche Politiker, es gebe wichtigere Aufgaben, in die man Personal und Geld investieren sollte.

Das ist eine politische Entscheidung. Eine Regierung kann sich schließlich nicht um alles kümmern. Wissen Sie, wenn wir über die Wada reden, die Welt-Anti-Doping-Agentur, und ihren Code, dann führe ich oft dieselbe Diskussion. Von den 185 Staaten, die versprochen haben, die Unesco-Konvention zu unterzeichnen …

… die bewirkt, dass der Wada-Code nationales Recht wird …

…von diesen Ländern haben bisher erst 13 unterzeichnet. Dabei gab es die Verpflichtung, dass sie es alle vor den Spielen von Turin tun. Das ist kein gutes Zeichen für den Sport, denn das könnte den Kampf gegen Doping beeinträchtigen, weil es darin um die Zusammenarbeit zwischen Sport und Staat geht. Der Kampf gegen Doping sollte in den Industrienationen auf jeden Fall eine Priorität haben, weil es nicht nur um Spitzensport geht. Das Problem erstreckt sich auch auf den Freizeitsport und die Jugend, weil Drogen unter Jugendlichen heute sehr verbreitet sind. Es ist ein gesundheitspolitisches Thema. Deshalb ist der Kampf gegen Doping nur die Spitze des Eisbergs, er muss im Zusammenhang mit dem Drogenmissbrauch in der Gesellschaft gesehen werden. Oft ist es so, dass dieselben kriminellen Kreise ihre illegalen Substanzen im Sport und im Freizeitbereich vertreiben. Daher ist das IOC davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit den Regierungen der Schlüssel im Kampf gegen Doping ist.

Sollte der Besitz von Anabolika per Gesetz verboten werden?

Es gibt viele Länder, in denen der Besitz von Anabolika und anderen Substanzen, die auf der Wada-Liste stehen, per Gesetz verboten ist. In meinem Land darf man keine Anabolika besitzen, wenn man etwas mit Sport zu tun hat. Wenn ich ein junger Athlet bin, wenn ich Mitglied in einem Sportverein bin und Anabolika bei mir trage, werde ich in Belgien bestraft. Aber wenn meine Großmutter in die Apotheke geht und Anabolika kauft, damit ihre Knochen besser zusammenhalten, dann wird niemand etwas darüber sagen.

Viele Athleten in den westlichen Staaten beschweren sich darüber, dass sie so oft getestet werden, während in der Karibik, in China und der ehemaligen Sowjetunion nur selten Kontrolleure auftauchen. Wie kann das vereinheitlicht werden?

Was wir brauchen, ist eine größere Flexibilität bei der Einreise für Kontrolleure der internationalen Verbände und der Wada. Manchmal dauert es Tage, bis man ein Visum bekommt, und bis der Kontrolleur im Land ist, sind die Athleten längst gewarnt und nehmen ihre Maskierungsmittel. Daher müssen wir die Kontrollen in diesen Ländern erhöhen, aber das liegt nicht nur in den Händen des Sports, sondern auch in den Händen der Politik.

Glauben Sie, dass etwa die Chinesen Doping ernsthaft bekämpfen?

Wir haben Statistiken, dass sie wirklich viel kontrollieren. Sie sind sehr engagiert, ihre Kontrolllabore arbeiten auf einem hohen Niveau, und sie bestrafen jedes Jahr viele Athleten.

Also wissen Sie es mit Sicherheit?

Ja, sie betreiben einen hohen Aufwand. Und was wir gesehen haben bei der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart mit dem Trainer Ma Junren wird nicht mehr passieren. Das ist Vergangenheit.

Was ist mit den Menschenrechten in China? Was kann das IOC dafür tun?

Die Chinesen haben mit dem Zuschlag für die Spiele anerkannt, dass sie einen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung ihres Landes leisten, die Menschenrechte eingeschlossen. Ich glaube, dass die Spiele die Menschenrechtssituation verbessern, weil sie China öffnen werden. Es werden mehr als 20 000 Medienvertreter im Land sein, und die Chinesen wissen, dass die Augen der Welt auf sie gerichtet sind. Man muss aber die Arbeit des IOC verstehen als Anleitung des Organisationskomitees, erfolgreiche Spiele auszurichten, und darf uns nicht mit einer Regierung vergleichen. Es wäre unangemessen, vom IOC mehr zu verlangen, als die Regierungen in den vergangenen 25 Jahren tun konnten. Die Menschenrechte haben sich in China auf jeden Fall verbessert, kein Zweifel. Ist die Lage optimal? Nein. Aber es gibt Hinweise, dass sie sich in die richtige Richtung entwickelt.

Befürchten Sie, dass Wirtschaft und Politik in Peking wichtiger sein werden als der Sport? Schließlich bemüht sich das chinesische Regime um positive Außendarstellung, und jedes große Unternehmen versucht, seinen Teil vom riesigen chinesischen Markt zu bekommen.

Aber das ist doch mit der Fußball-Weltmeisterschaft genau das Gleiche. Bemüht sich Deutschland, sich von seiner besten Seite zu zeigen? Natürlich. Die Regierung möchte zeigen, dass Deutschland nicht nur das Wirtschaftswunderland ist, sondern auch ein fortschrittliches, reiches, demokratisches Land mit einer fantastischen Geschichte und Kultur. Und die großen Firmen werden das unterstützen. So wird es auch in Peking sein. Die chinesische Regierung wird ebenfalls sagen: Wir sind ein entwickeltes, freundliches Land. Nur eben auf chinesische Art.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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