Sport : „Wir brauchen Konstanz“

Jürgen Klinsmann über die Zeit bis zur WM

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Herr Klinsmann, im WM-Achtelfinale könnte Ihr Team auf England oder Schweden treffen. Macht Ihnen das Sorgen?

Momentan überhaupt nicht. Wir beschäftigen uns zunächst mit Costa Rica, Polen und Ekuador. Das sind die Gegner, die feststehen. Wir wollen diese Spiele erfolgreich gestalten, danach können wir uns über das Achtelfinale unterhalten.

Welche Mannschaft wollten Sie überhaupt nicht in der Vorrunde haben?

Die Ukraine. Die sind für alles gut. Wenn Holland gekommen wäre, wäre eben Holland gekommen. Bei denen wissen wir, was die können. Aber die Ukrainer – die sind schwer zu bespielen. Diese Mannschaft wird einige überraschen.

Bei Ihrem Losglück sagen viele: Die WM geht erst nach der Vorrunde los.

Wenn wir am 16. Mai in die Vorbereitung gehen, werden wir der Mannschaft sehr deutlich machen, dass die Vorrunde volle Konzentration erfordert. Wir werden dann die Basis legen, im physischen, psychologischen und taktischen Bereich. Wir konzentrieren uns erst auf das Eröffnungsspiel und werden keinen Platz lassen für irgendwelche Spekulationen über eventuelle Gegner im Achtelfinale.

Bei der Auslosung bekamen Sie einen Vorgeschmack auf das, was an Druck auf Ihre Mannschaft zukommt. Belastet das?

Keinesfalls. Da kommt ein Mega-Event auf uns zu. Die Erwartung ist jetzt noch nicht greifbar. Aber wir sind voller Zuversicht, weil wir Vertrauen in diese Mannschaft haben. Wir versuchen, den Heimvorteil für uns zu nutzen: Wir brauchen das Publikum auf unserer Seite.

Liegt Ihrer Mannschaft der südamerikanische Stil von Costa Rica und Ekuador?

Wir müssen damit rechnen, dass Costa Rica und Ekuador eher defensiv gegen uns spielen. Das heißt, wir müssen erst einmal diese Defensivtaktik knacken. Wir haben ja mal eine schöne Erfahrung mit den Chinesen gemacht, die eine chinesische Mauer aufgebaut haben. Man muss auf der Hut sein, dass man gegen solche Mannschaften kein Kontertor fängt. Sonst bauen sie einen Riegel auf, und es wird wahnsinnig schwer. Aber das werden wir trainieren.

Was wollen Sie trainieren: Gegentore zu verhindern oder einen Riegel zu knacken?

Wir wollen unseren Spielstil vorantreiben, aber mit Respekt vor dem Gegner. Wenn der gewisse Stärken hat, werden wir die ein bisschen in unser Konzept mit einarbeiten. Aber das wird eher gegen Brasilien und Argentinien der Fall sein.

Ist Ihre Mannschaft reif für den Titel?

Wir glauben, dass die Mannschaft sich weiterentwickelt hat. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat sie beim Confed-Cup erlebt, dann folgte ein Hänger. Aber bei jedem Einzelnen zeigte die persönliche Leistungskurve im vorigen Jahr nach oben. Wir wollen an der Konstanz arbeiten, an einer Mischung aus Offensive und Defensive. Wir achten nicht so sehr auf Wochenendergebnisse, sondern haben einen längeren Prozess im Auge.

Beim Leistungstest im Oktober hatten Sie 28 Spieler versammelt. Was muss passieren, dass sich ein Spieler noch in diesen Kreis hineinspielt?

Er müsste schon konstant auf sehr hohem Niveau spielen. Wir planen in erster Linie mit diesen 28 Spielern.

Wird die Rotation im Tor weitergehen?

Die Entscheidung, wer bei der WM im Tor stehen wird, fällt kurz vor der WM. Im Februar werden wir entscheiden, wer im März gegen Italien spielt, mehr nicht.

Werden Kahn und Lehmann dann zusammen zum Kader gehören?

Davon können Sie ausgehen, ja.

Im März steht auch wieder ein Leistungstest an. Welche Bedeutung wird der haben?

Wir haben den Spielern mit auf den Weg gegeben, dass sie mehr tun müssen im WM-Jahr. Sie müssen sich selbst mehr Dinge abverlangen, und das wird von uns beobachtet und kontrolliert. Im März sehen wir, wer was gemacht hat und mit welchem Ergebnis.

Sie wollen auch im WM-Jahr in Los Angeles wohnen bleiben, obwohl Sie wissen, dass dies in Deutschland auf Kritik stößt.

Und ob. Man hat mir recht deutlich gesagt: Wenn ich meinen Wohnsitz nicht nach Deutschland verlege, kriege ich das Thema um die Ohren. Daraufhin habe ich gesagt: Dann macht mal. Ich habe kein Problem damit. Wenn es dieses Thema nicht wäre, gäbe es ein anderes.

Franz Beckenbauer hat gesagt, ihm sei der WM-Titel als Trainer wertvoller gewesen als der, den er als Spieler gewonnen hat. Können Sie das nachempfinden?

Noch nicht. Aber es wäre schön, wenn ich es nachempfinden könnte.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

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