Sport : Wir, die neuen Fußballidioten

Ein Versuch, den authentischen Fan im 21. Jahrhundert zu beschreiben

Wolfram Eilenberger

Ein Trainer“, so hat Giovanni Trapattoni einst glücklich formuliert, „ein Trainer ist nicht ein Idiot.“ Damals war das vor allem lustig. Heute ist es vor allem richtig. Das absehbare Scheitern seiner jungen Berufskollegen Lothar Matthäus und Andreas Brehme steht dabei beispielhaft für einen Entwicklungsschritt, der Trainer, Management und Spieler gleichermaßen betrifft: Deutschlands Profifußball ist im Begriff, den Zustand der geistig-kulturellen Grobformung hinter sich zu lassen. Als treibender Faktor dieser Entwicklung erweist sich – neben den zu verwaltenden Unsummen – nicht zuletzt eine ganze Generation kluger und seltsam weltgewandter Jungprofis.

Welcher Verein könnte es sich heute noch ernsthaft erlauben, selbstbewusste Köpfe wie Christoph Metzelder oder Arne Friedrich täglich nach der Pfeife eines, sagen wir, Horst Hrubesch tanzen zu lassen? Die sich vor unseren Augen vollziehende, freundliche Übernahme des deutschen Profifußballs durch die hochschulreife Mittelschicht betrifft allerdings nicht vorrangig den ausgesuchten Kreis der leitenden Akteure. Direkt betroffen von diesem durchgreifenden sozialen Wandel sind vor allem die echten Fußball-Fans. Und es ist ein Wandel, der diese wahren Fans in ihrem Selbstverständnis, ja in ihrer Stadionexistenz bedroht. Jedenfalls scheint dies so. Denn in einer ungebrochenen und ausdrucksstarken Tradition von gut hundert Jahren gelebter Fußballbegeisterung war der exemplarische Fan bislang insbesondere eines: strukturell Idiot. Wahre Fankultur war, positiv formuliert, urwüchsige Volkskultur und als solche authentische Gegenkultur – ein Anspruch, dessen freudvolle Einlösung sich spätestens mit den real existierenden Sitzplatzschweinarenen erledigt haben dürfte.

Es ist nicht anzunehmen, dass der veränderte und sich weiter verändernde Sozial- und Bildungshintergrund der Profis und damit auch der Trainer und Manager die Entwicklung des deutschen Fußballs negativ beeinflussen wird. Ganz im Gegenteil.

Aber wie steht es, unter den gegebenen strukturellen Perspektiven, um die Zukunft des wahren Fußballfans und seiner Kultur? Um mit der schonungslosen Wortwahl eines Giovanni Trapattoni zu fragen: Wenn der wahre Fan „nicht ein Idiot ist“, was ist er dann überhaupt? Das Problem ist echt und ernst – jedenfalls für uns wahren Fans der neuen Generation. Denn für uns, die Metzelders und Scholls der Sitzschalen, führt nun einmal kein Weg zurück ins geistige Tierreich der Fankurve, nicht in ihre unbefragte Geborgenheit, nicht in die Inbrunst ihrer Gesänge, nicht in die Selbstverständlichkeit ihrer Vollzüge. Daran ist niemand schuld. Aber so ist es. Und wer diese Überlegungen nun des Dünkels und der Arroganz bezichtigt, der missversteht, scheint mir, die Natur des Problems vollkommen.

Schließlich sind nicht wir es, die auf diese alten wahren Fans im Herzen herabsehen und im Stadion mit dem Finger auf sie zeigen, sie dort bestaunen wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, ihre Gesten imitieren, ihre Beschimpfungen nachäffen, und sich, noch in gleichem Atemzug, über die hoffnungslose und stumpfe Verlorenheit dieser Wenigen ganz prächtig zu amüsieren verstehen. Und es sind demzufolge auch nicht wir, für die eigens eine schöne neue Ersatzkultur der Stimmungs- und Erlebnissimulation ersonnen wurde, die in ihrer grenzenlosen Künstlichkeit alle bisher gekannten Formen der Stadionidiotie überbietet und sich in ihrer ereignislosen Öde nun schon gut ein Jahrzehnt lang hinter dem Begriff des „Events“ verbirgt. Auch am Event und seiner Klientel ist, wohlgemerkt, niemand schuld. Shit happens.

Es könnte vor dem Hintergrund des bislang Gesagten so scheinen, als sei der neue wahre Fan nichts anderes als ein verwirrter Querulant. Aber was, bitteschön, sollen wir denn tun? Uns verkleidet in die Kurve stellen und mitgrölen, das heißt, uns in den Augen der alten Fans lächerlich machen? Oder, noch unwürdiger, uns widerstandslos in das gnadenlos falsche Fanleben der Event-Kultur einfinden? Nicht einmal die Option authentischer Nostalgie steht uns offen. Schließlich haben wir die wirklich guten alten Zeiten nie erlebt. Außerdem bedrücken uns ernste Zweifel, ob es sich bei der alten Fankultur überhaupt um ein fortsetzbares Projekt handelt. Muss sie, über kurz oder lang, nicht in einer ähnlich würdelosen Irrelevanz enden wie die Karnevalsumzüge? Oder hat die Fußballkultur, schrecklicher Gedanke, die volkskulturelle Schwundstufe des Karnevals selbst längst erreicht?

Egal. Hier sitzen wir, gebannt vom Spiel. Und spätestens, wenn uns ein Ballverlust in der 92. Minute mit der erschreckenden Unmittelbarkeit des eigenen Empfindens konfrontiert, spüren auch wir, da ist etwas, das Spiel unseres Teams, das uns unbedingt angeht, etwas, zu dem es keine Distanz gibt, dem wir nicht entkommen. Etwas, dem wir nicht misstrauen, obwohl es sich wirklich anfühlt. Dieses etwas ist, wie jeder neue wahre Fan weiß, ein überaus idiotisches, beglückendes Gefühl. Und es ist, für den Moment, alles was wir brauchen.

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