Sport : „Wir fühlen uns respektlos behandelt“

Schiedsrichter Markus Merk über eine Weltmeisterschaft persönlicher Enttäuschungen, verordneter Zwänge und kleinlicher Regelauslegung

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Lange stand nicht fest, ob Schiedsrichter Markus Merk nach der WM 2006 seine Karriere fortsetzen wird. Der Pfälzer steigt nach einer für ihn insgesamt enttäuschenden WM mit nur drei Einsätzen in der Vorrunde im September wieder in den Spielbetrieb ein.

War es für Sie eine schwere Entscheidung, im September aufs Feld zurückzukehren?

Eigentlich war ich ja nie weg. Mit einer Ausnahme war ich seit 2000 jeden Sommer auf einem Turnier. Diese Belastung dürfte nicht nur im Schiedsrichterwesen, sondern im Profifußball insgesamt nahezu einzigartig sein. Nun habe ich mir die Freiheit genommen, zwei Wochen mit meiner Familie Urlaub zu machen, alleine zu trainieren und ein paar hohe Gipfel zu besteigen.

Einen Bundesligastart ohne Sie hat es lange nicht gegeben.

Die letzten eineinhalb Jahre mit der Fifa in der Vorbereitung auf diese Weltmeisterschaft waren belastend – wegen der Umstände außerhalb des Spielfeldes. Das hat eine Unmenge an Energie geraubt. Ich möchte mich eigentlich auf das Wichtigste konzentrieren, meine sportlichen Aufgaben, und nicht ständig von politischen Einflüssen und persönlichen Eitelkeiten abhängig sein.

Sie haben sechs Wochen zur WM geschwiegen. Warum?

Um alles in Ruhe zu analysieren. Alles, was ich heute denke und sage, hätte ich auch direkt sagen können. Nur die Wirkung wäre eine ganz andere gewesen.

Sie haben drei Spiele in der Vorrunde geleitet, der Traum, in ihrer Heimat Kaiserslautern zu pfeifen, wurde nicht erfüllt. Kann man da als amtierender Weltschiedsrichter zufrieden sein?

Zufrieden nicht, aber im Gegensatz zu meinem Umfeld war ich darauf gefasst. Glauben Sie mir eines: Es kommt nicht auf ein Spiel mehr oder weniger an. Ich war noch nie auf der Jagd nach einzelnen Spielen und Titeln und habe seit meinem ersten Bundesligaspiel alles als Zugaben gesehen. Ich kann mich nicht selbst nominieren. Das große Ziel eines jeden Fußballers heißt immer Weltmeisterschaft. Im eigenen Land dabei zu sein, ist fantastisch. Das kann einem niemand mehr nehmen.

Zufriedenheit klingt anders. Man hatte insgesamt den Eindruck, die europäischen Schiedsrichter waren nicht so präsent.

Wir, die europäischen, etablierten Schiedsrichter hatten von Beginn an einen schweren Stand. Schon beim ersten Workshop 2005 kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den europäischen Schiedsrichtern und den Verantwortlichen, was die grundsätzlichen Eckpfeiler der Spielleitung anging. Unnötige Einsätze, trotz Intervention von DFB und Uefa, wie als vierter Offizieller im letzten Jahr bei der U-20-WM, für die ich eingeteilt wurde, sind für mich schwer zu erklären. Europa aber ist einer der wichtigsten Standorte des Fußballs. Alle namhaften Spieler spielen hier, hier spielt die Champions League, es gibt die stärksten nationalen Ligen. Die letzten vier Teams bei der WM sind Europäer und für die vier markanten WM-Spiele, sprich Eröffnungsspiel, Halbfinals und Endspiel, wurden europäische Schiedsrichter nicht nominiert.

Warum war die Regelauslegung so übertrieben kleinlich?

Weil man wie immer bei großen Turnieren ein Zeichen setzen wollte, das als Leitfaden für die nächsten Jahre gilt. Aber es gab auch andere Meinungen. Seit Jahren versuchen wir regeltechnisch, das Spiel schneller und attraktiver zu machen. Durch kleinliche Anweisungen wird mir aber jeglicher Handlungsspielraum genommen. Die Schiedsrichter mit Persönlichkeit werden dadurch stark eingeschränkt. Den Unmut über die Regelauslegung besonders in der Vorrunde kann ich nachvollziehen. Ich habe mich selbst auf dem Platz unwohl gefühlt.

Man hat Sie nach Ihrem letzten Spiel USA gegen Ghana heftig kritisiert, weil Sie unter anderem einen zweifelhaften Elfmeter gepfiffen haben.

Den würde ich so heute auch nicht mehr pfeifen.

Ihr Schiedsrichterteam musste bis zum Schluss bleiben, die Hälfte der Schiedsrichter verließ vorzeitig das Turnier…

Ich sah mit meinem Team durch das tolle Abschneiden unserer Nationalmannschaft nach dem Achtelfinale keine realistische Chance mehr auf einen weiteren Einsatz. Ich habe nicht verstanden, warum wir bis zum Schluss bleiben mussten. Die offizielle Begründung war, man lasse sein bestes Team jetzt noch nicht gehen. Wir haben wochenlang jeden Morgen das freiwillige Training absolviert, meist als einziges Team. Wir haben uns schon respektlos behandelt gefühlt.

Wie liefen die Tage im Trainingscamp ab?

Unser tägliches, körperliches Training war klasse, genauso die physiotherapeutische Mannschaft im Hintergrund. Doch dann kam jeden Morgen das so genannte „praktische Training“, unter den Aktiven nur „the kindergarden“ genannt. Tagtäglich Situationen mit Jugendspielern nachstellen, ihnen Gelbe und Rote Karten zeigen, kann nicht wirklich Sinn machen. Nachmittags standen dann die Videoanalysen auf dem Programm.

Bei so wenigen Einsätzen hätten Sie viele andere WM-Spiele sehen können, oder?

Die tolle Stimmung haben wir leider meist nur im Fernsehen gesehen. Wir haben sogar unsere Nationalspieler beneidet, wenn sie mal 24 Stunden frei hatten und sich anschließend zum Barbecue mit ihren Familien wiedergetroffen haben. Zusammen mit meinen Teamkollegen Christian Schräer und Jan-Hendrik Salver war ich exakt sechs Wochen im Schiedsrichterlager. Wir waren die Deutschen, die am wenigsten live von der WM mitbekommen haben. Eine Autostunde von meiner Heimatstadt Kaiserslautern entfernt, war es mir nicht vergönnt, nur einmal kurz rüberzuschauen.

Was treibt Sie trotzdem an?

Ich bin für den Fußball mehr denn je begeistert. Im europäischen Bereich zu arbeiten, ist fantastisch. Und ich bin Mitspieler eines tollen, oft verkannten Teams, der deutschen Schiedsrichter.

Das Gespräch führte Oliver Trust.

Markus Merk, 44, wurde 2004 und 2005 zum Weltschiedsrichter des Jahres gewählt. Bei der EM 2004 leitete er das Endspiel zwischen Griechenland und Portugal.

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