Sport : „Wir gehen vom Schlimmsten aus“

Ruder-Bundestrainer Grahn über die Olympiastrecke von Athen und die Chancen des Deutschland-Achters

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Herr Grahn, in wenigen Tagen beginnen die Olympischen Spiele. Was überwiegt im Moment bei ihnen und ihren Ruderern: Vorfreude oder Nervosität?

Sicher ist eine gewisse Anspannung vorhanden. Wir alle sind aus unserem letzten Höhentrainingslager gesund zurückgekommen. Dort haben wir gut trainiert. Jetzt freut sich die Mannschaft auf den Wettkampf.

Gab es Probleme in der Vorbereitung?

Ein paar Mal konnten wir witterungsbedingt nicht ganz wie geplant trainieren. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden. Auch die Stimmung in der Mannschaft ist sehr gut.

Sie haben nach der verpatzten WM 2003 Schlagmann Michael Ruhe aus dem Boot genommen. Seit Mai sitzt er aber wieder auf Schlag. Weshalb dieser Sinneswandel?

Nach dem schlechten Abschneiden bei der WM 2003 haben wir das ganze Jahr getestet. Wir haben eine Rangliste nach verschiedenen Kriterien aufgestellt. Und da gehörte Michael nicht zu den ersten acht, weil er physisch nicht so stark ist. Also haben wir zunächst Enrico Schnabel auf Schlag getestet.

Mit wenig Erfolg…

Wir haben auf der Strecke nicht den gewünschten Vortrieb gefunden. Beim ersten Weltcuprennen haben uns die Rumänen gleich geschlagen. Da dachten wir, die wären das Maß aller Dinge. Aber jetzt sind sie nicht mal für die Olympischen Spiele qualifiziert.

Dann kam Klaus Rogge als Schlagmann.

Ja, und mit ihm haben wir in Duisburg deutlich gegen die Kanadier verloren. Also habe ich wieder auf Michael zurückgegriffen. Es klappt. Daran sieht man auch wieder, dass Theorie und Praxis beim Rudern weit auseinander liegen.

Diese jetzige Formation rudert seit drei Monaten zusammen. Reicht das aus, um so ein sensibles Gefüge zur Höchstleistung zu führen?

Ja. Wir sind eine sehr homogene Truppe. In der kann fast jeder mit jedem rudern. Es geht nur noch um die absolute Feinabstimmung.

Was zeichnet Michael Ruhe als Schlagmann aus?

Er ist ein absoluter Kämpfer. Er ist in diesem Punkt unterschätzt worden. Als ich ihn 2000 auf Schlag gesetzt habe, war er auch nicht meine erste Wahl. Aber er traute sich das zu, und er behielt Recht. Außerdem strahlt er Ruhe aus.

Der Deutschland-Achter fährt als Weltcupsieger nach Athen. Ist das eine Bürde, weil die Erwartungen nun noch höher sind?

Wichtiger als der Sieg im Gesamtweltcup war die letzte Regatta auf dem Rotsee. Da haben wir gesehen, dass wir mit den Kanadiern mithalten und sie sogar besiegen können. Da spielt es keine Rolle, dass wir in Luzern noch nicht gewonnen haben. Unser Auftritt gibt Selbstvertrauen. Die Mannschaft glaubt an sich und ihre Siegeschance. Das ist wichtig, weil ich denke, dass die Rennen in Athen im Kopf entschieden werden.

Im vergangenen Jahr hat der Deutschland-Achter auch zu den Favoriten gezählt. Am Ende schob sich das Boot auf dem sechsten Platz ins Ziel. Welche Lehren haben Sie und Ihre Ruderer aus dieser Niederlage gezogen?

Damals habe ich schon in der Vorbereitung gemerkt, dass es nicht so gut läuft. Vielleicht hätten wir kurzfristig umbesetzen müssen. Aber bei solchen Rennen steht immer viel auf dem Spiel. Jedenfalls hinterfragen wir uns seither mehr als früher und geben uns auch im Training nicht zu schnell zufrieden. Außerdem haben wir in diesem Jahr intensiv mit einem Psychologen zusammengearbeitet.

Wen zählen Sie zu den Favoriten?

Der größte Favorit auf Gold ist Kanada. Aber auch die USA und die Italiener haben gute Chancen. Genau wie wir. Wir wollen auf jeden Fall eine Medaille.

Die Ruderstrecke in Athen ist wegen der heftigen Winde berüchtigt. Befürchten Sie ein ähnliches Desaster wie bei den Test-Wettbewerben, als Boote kenterten?

Wir gehen vom Schlimmsten aus: Schiebewind und hohe Wellen. Wir hoffen nicht, dass deshalb die Strecke verkürzt wird. Denn dann müssten wir noch mal neu besetzen. Ob man 1000 Meter oder 2000 Meter rudert, ist ja schließlich ein enormer Unterschied.

Wie haben Sie sich denn auf die widrigen Umstände vorbereitet?

Wir haben vor allem am Boot einiges getestet. Durch unsere neuen Flügelausleger liegen wir nun zum Beispiel deutlich höher als sonst auf den Wellen. Das hilft. Wir haben uns auch überlegt, eine Lenzklappe zu installieren, die man durch einen Fußhebel betätigt und die Wasser aus dem Boot lässt. Aber das haben wir wieder verworfen.

Das Gespräch führte Jürgen Bröker.

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