• „Wir haben auch keine Lust, uns umzubringen“ Extremskifahrer Naglich über Gefahr und Büroalltag

Sport : „Wir haben auch keine Lust, uns umzubringen“ Extremskifahrer Naglich über Gefahr und Büroalltag

Foto: promo
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Herr Naglich, den ersten Versuch der Gipfelbesteigung des Mount Saint Elias mussten Sie nach mehreren Wochen des Wartens abbrechen. Erst drei Monate später klappte es. Geht es beim Extrembergsteigen vor allem um Geduld?

Wegen des vielen schlechten Wetters am Berg ist die Gefahr groß, dass man die Geduld verliert und losläuft, wenn es nicht besonders gescheit ist.

Kommt die Geduld mit den Jahren?

Quasi eine Alterserscheinung? (lacht) Wohl schon. Die Masse an Erfahrungen macht es aus. Wenn man älter ist, kann man Situationen leichter einschätzen. Als junger Bursche riskierst du, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Später wird das blinde Riskieren weniger.

Auf einer Abfahrt wie vom Mount Elias, der längsten zusammenhängenden Abfahrt der Welt über 5489 Höhenmeter, wäre blindes Risiko ein Todesurteil, oder?

Selbst einer, der vorher kein Risiko kannte, wird sich nicht blind in solch eine Abfahrt stürzen. Der Respekt kommt von ganz alleine.

Am Mount Elias ging es darum, sicher hoch- und wieder herunterzukommen. Was hat Sie an diesem Berg gereizt?

2003 habe ich ihn das erste Mal gesehen, wir flogen zufällig an ihm vorbei. Unser Pilot erzählte uns, dass er ein Jahr vorher vier Amerikaner zum Berg geflogen hatte – zwei haben aufgegeben, zwei sind gestorben. Wir diskutierten sofort, wie wir es besser machen könnten.

Waren Sie nicht abgeschreckt von der Nachricht, dass bei der vorherigen Expedition zwei Menschen starben?

Man nimmt es zur Kenntnis, blendet es aber aus. Es sterben ja auch hunderttausende beim Autofahren, und man setzt sich trotzdem immer wieder ans Steuer. Für uns war interessant herausfinden, was unsere Vorgänger falsch gemacht hatten, was schiefgegangen war.

Haben Sie sich über den Berg informiert?

Welche Informationen braucht man groß? Das Wetter ist meist unbeständig und schlecht, den Berg sehe ich. Alles andere ist „business as usual“.

Was ist mit den Eigenheiten des Berges?

Wir wussten: steil, Schnee, Eis, Lawinen, Eisabbrüche, Gletscherspalten. Das sind die Parameter. Es geht darum, das Risiko so zu minimieren, dass es in einen vertretbaren Bereich kommt. Wir haben schließlich auch keine Lust, uns umzubringen!

Wenn Außenstehende also sagen, dass Sie lebensmüde sind …

… dann haben die andere Risikoschwellen, ein anderes Können und eben nicht die Erfahrung, die ich habe.

War Aufstieg oder Abfahrt schwieriger?

Beim Aufstieg war das Wetter der Hauptfaktor. Daher wussten wir, dass die Abfahrt haariger würde. Hier war klar, dass es keinen Spielraum für Fehler gibt: Die oberen fast 3000 Höhenmeter sind drei lange Flanken, die alle in Vertikalen enden. Wenn man da stürzt, ist man weg.

Und gab es kritische Situationen?

Schrecksekunden hat es eher beim Aufstieg gegeben. Beim ersten Versuch im Mai stolperte unser Kameramann und kam ins Rutschen. Er drehte sich sofort um und haute den Pickel in den Boden, doch der zog nur eine Furche durch den Schnee. Nach zwei-, dreihundert Metern kam zum Glück eine Bodenwelle. Da kam er Gott sei Dank zum Stehen.

Sie arbeiten auch als Architekt. Wie ergänzt das Ihr Hobby?

Das eine ist der Bürojob mit Zahlen, Daten, Fakten. Das andere ist Freiheit, Abenteuer, Skifahren. Für mich ist das perfekt.

Brauchen Sie den Büroalltag, um runterzukommen?

Der Mensch braucht ein geregeltes Leben. Am Berg habe ich das nicht, da ist Chaos. Es ist erstaunlich angenehm, Montag bis Freitag wieder im Büro zu sitzen.

Können Sie sich nach der längsten Skiabfahrt der Welt überhaupt noch für normale Abfahrten begeistern?

Die machen mir noch genauso viel Spaß wie früher. Es geht nicht immer nur darum, den Puls in den Ohren zu haben.

— Die Fragen stellte Johannes Ehrmann.

Axel Naglich, 42,

kommt aus Kitzbühel. Der Architekt wagte sich 2007 auf den Mount Saint Elias in Alaska und danach auf die längste Skiabfahrt der Welt über 5489 Höhenmeter.

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