Sport : „Wir haben beide geweint“

Trainer Fritz Sdunek über den Rücktritt seines Boxers Witali Klitschko

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Herr Sdunek, Ihr Boxer Witali Klitschko ist in der Nacht zum Mittwoch überraschend zurückgetreten. Wie haben Sie davon erfahren?

Mitten in der Nacht rief mich Witali aus Amerika an und sagte: Fritz, ich höre auf, ich wurde schon operiert, mein Kreuzband ist gerissen. Da haben wir beide geweint. Wissen Sie, ich habe ja schon Böses für Witali geahnt...

Warum?

Ich war in den vergangenen Wochen bei ihm in Amerika. Wir wollten schließlich die Titelverteidigung am Samstag gegen den US-Amerikaner Hasim Rahman vorbereiten. Die Halle war schon ausverkauft, Freunde waren angereist. Aber wir waren nur mit Ärzten beschäftigt. Da kam einer von den Los Angeles Lakers, der hat tatsächlich gesagt, der Witali könne mit einer Manschette am Knie boxen. Und zwischendurch riefen immer wieder Freunde an: Findet der Kampf statt oder nicht? Sollen wir kommen oder nicht? Das waren schlimme Wochen, die Witali mitgenommen haben.

Was hat er zuletzt für einen Eindruck auf Sie gemacht?

Er war deprimiert, dass er seinen Mann im Ring nicht mehr stehen konnte. Schauen Sie, Witali hat jetzt zehn Operationen hinter sich. Das hat Kraft gekostet. Man hat das gesehen: Seine Augen waren müde.

In Amerika wurde Witali Klitschko ein Feigling genannt.

Das waren alles Großmäuler. Der irre Don King hat eine Psychokampagne gegen Witali losgetreten und ihn als Drückeberger beschimpft. Aber hinter den Kulissen ging es nur ums Geld. Jetzt vermarktet King alle vier Weltmeistertitel im Schwergewicht, jetzt kann er die Figuren im Ring hin und her schieben.

Die vier wichtigsten Titel im Schwergewicht waren eigentlich der Traum der beiden Klitschkos.

Ja, jetzt haben sich die Träume aufgelöst. Mir tut das persönlich weh, denn es waren auch meine Träume.

Sie haben eine enge Beziehung zu den Klitschkos. Wie haben Sie Witali getröstet?

Ich habe ihn beglückwünscht zu seiner Entscheidung. Es ist ein Zeichen von Stärke, in dem Moment aufzuhören, in dem es keinen Sinn mehr macht.

Von den beiden Klitschko-Brüdern galt der große Witali immer als derjenige, der für seinen Bruder einsteht. Hat ihn das auch Kraft gekostet?

Ich denke ja. Als Kind hat Witali schon die Prügel von seinen Eltern bezogen, wenn sein kleiner Bruder etwas ausgefressen hatte. Auch im Boxgeschäft war er für seinen Bruder da. Dabei musste er technisch viel dazulernen. Schließlich war er früher Kickboxer.

Glauben Sie, dass er diesen Abschied verkraften kann?

Körperlich schon. Um den Rest müssen wir uns kümmern. Wenn es ihm besser geht, wird Witali nach Hamburg kommen – vielleicht engagiert er sich danach wieder politisch in der Ukraine oder er geht seinen vielen Geschäften nach.

Wie werden Sie Witali begrüßen, wenn er nach Deutschland zurückkehrt?

Ich werde sagen: Es freut mich, dass Du wieder laufen kannst.

Das Gespräch führte Robert Ide.

Siehe auch Seite 3

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