Sport : „Wir haben die Lockerheit verloren“

Volleyball-Nationalspielerin Angelina Grün über eine WM zwischen Begeisterung und Enttäuschung

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Frau Grün, das Ziel der deutschen Volleyballerinnen in Japan war Platz acht. Jetzt spielen Sie um die Plätze neun bis zwölf. Muss die WM nun als Enttäuschung betrachtet werden?

Die Situation ist natürlich echt bitter, weil die Chance so greifbar nahe war. Ein endgültiges Fazit können wir in diesem Moment allerdings noch nicht ziehen, schließlich stehen die letzten beiden Spiele ja noch aus. So oder so müssen wir aus unseren Erfahrungen lernen. Wir haben phasenweise sehr gut gespielt und müssen dahin kommen, dieses Niveau über den Zeitraum eines gesamten Turniers zu konservieren.

Was ist passiert zwischen der begeisternden Vorrunde in Sapporo und der so enttäuschenden Zwischenrunde in Osaka?

Darüber rätseln wir alle und versuchen, es uns zu erklären. Nach der Bombenvorrunde haben wir gesehen, wo wir anklopfen können, wenn wir alle bei 100 oder 110 Prozent spielen. Darüber haben wir wohl in der Zwischenrunde die Lockerheit verloren. Wir haben ja trotz allem phasenweise guten Volleyball gespielt, es aber nicht mehr geschafft, den Ball im entscheidenden Moment auf den Boden zu bekommen. Da fehlt wahrscheinlich auch die Erfahrung, nicht an die Konsequenzen zu denken, wenn du den Punkt jetzt nicht machst. Besonders auffällig war das im Spiel gegen Holland, als die Mannschaft sich verkrampft hat, anstatt einfach weiterzuspielen. Das passiert dir in solchen Momenten automatisch, ohne dass es dir bewusst wird.

Wie verkraftet man es, wenn man Olympiasieger China schlägt und danach gegen Holland und die USA verliert?

Nach der Niederlage gegen die USA und dem darauf folgenden Spiel China gegen Holland war die Enttäuschung natürlich riesengroß. Wir hatten ja praktisch zwei- mal verloren, weil wir die Runde um die Plätze von fünf bis acht noch erreicht hätten, wäre das zweite Spiel anders ausgegangen. Insofern haben die zwei Tage Pause sehr gut getan, obwohl ich eigentlich ein Typ bin, der am liebsten immer gleich weiterspielen würde. Jetzt müssen wir uns halt noch mal aufraffen und das Beste draus machen.

Bundestrainer Giovanni Guidetti hat nach den beiden Niederlagen gegen Holland und die USA, bei denen das deutsche Team jeweils Matchbälle vergeben hat, gesagt, es gäbe Gründe, wenn zwei Spiele so knapp verloren gingen. Meint er die fehlende mentale Stärke aufgrund fehlender Erfahrung auf hohem internationalen Niveau?

Unser Problem war, dass wir in diesem Sommer keine Spiele auf hohem Niveau hatten, in denen es wirklich um was ging. Die EM-Qualifikation war ja wirklich leicht im Vergleich zu dem, was wir hier erleben. Dass wir extrem hart trainiert und uns verbessert haben, war in der Vorrunde ganz klar zu sehen. Nun müssen wir den nächsten Schritt machen.

Bundestrainer Guidetti hat den Angriff als Schwachstelle ausgemacht. Fehlt den Deutschen jemand wie die Russin Jekaterina Gamowa oder Natalja Mammadowa aus Aserbaidschan, die es mit einer Größe von über zwei Metern auch mal mit der Brechstange probieren können?

Wo sollen wir die denn hernehmen? Ich glaube nicht, dass wir jemals diese Art von Volleyball spielen werden. Wir haben nun mal nicht die Voraussetzung, über jeden Block der Welt schlagen zu können. Dafür haben wir andere Stärken: Wir beißen uns in der Abwehr fest und machen so die Punkte. Natürlich haben es die Langen faktisch einfacher. Aber wir haben auch unsere Vorteile.

Als letztes verbliebenes Ziel bleibt nun, Rang neun zu sichern. Nur dann steigen die Volleyballerinnen in der Förderstruktur des Bundes. Konkret geht es um 50 000 Euro und mithin um viel Geld für einen kleinen Verband. Spüren Sie diesen Druck?

Wir wissen alle, worum es geht. Doch der Druck, den wir sowieso schon hatten, wird dadurch nicht größer. Jede von uns hat eine Wut in sich, die sie jetzt loswerden will. Wir können immer noch beweisen, dass wir in die Weltklasse gehören.

Das Geld könnte auch gut dafür genutzt werden, um den Bundestrainer zu halten.

Ganz klar, das ist so. Wir wollen gerne mit Giovanni weiterarbeiten und können dazu in den verbleibenden Spielen unseren Anteil beitragen.

Götz Moser, der Vizepräsident Sport des DVV, hat vor seinem Rückflug aus Osaka neue Ziele verkündet: eine Medaille bei der EM 2007 und die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Können Sie sich damit identifizieren?

Im Prinzip sind das auch unsere Ziele. Aber wir haben hier gesehen, dass ein Schritt nach dem anderen kommt. So etwas wie zuletzt darf uns nicht noch einmal passieren. Wir wissen jetzt, dass es nicht reicht, eine gute Vorrunde zu absolvieren. Aber diese Spiele haben Lust auf mehr gemacht. Wenn man diese Weltmeisterschaft positiv sehen möchte – und das sollten wir – müssen wir nun dafür sorgen, dass wir unser Niveau länger halten.

– Das Gespräch führte Felix Meininghaus.

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