Sport : „Wir haben uns auch 1990 mal gefetzt“

Jürgen Kohler über seine Viertelfinal-Erfahrungen, Jürgen Klinsmann und das Endspiel gegen Argentinien

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Herr Kohler, Deutschland steht im Viertelfinale der WM. Wie geht es Ihnen?

Gut.

Haben Sie Herzrasen?

Nein.

Schweißausbrüche?

Auch nicht. Wieso?

Sie haben zweimal mit der Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale verloren, 1994 gegen Bulgarien und 1998 gegen Kroatien.

Und 1990, gegen die Tschechoslowakei, haben wir auch einige Schwierigkeiten gehabt, obwohl wir lange mit einem Mann mehr gespielt haben. Das war 1990 unser schlechtestes Spiel. Ich weiß aber nicht, ob man daraus eine Serie ableiten kann. Ich hoffe nicht.

Für Jürgen Klinsmann scheint das Aus bei der WM 1994 eine Art Trauma zu sein. Er hat gesagt, sie hätten damals, beim 1:2 gegen Bulgarien, den WM-Pokal zum Fenster rausgeworfen.

Das ist der Sport. Innerhalb von fünf Minuten kann alles vorbei sein, und manchmal verliert man, obwohl man die bessere Mannschaft ist. Bayern hat in zwei Minuten die Champions League verspielt. Das Viertelfinale war 1994 unser bestes Spiel. Wir haben ja auch eigentlich das 2:0 gemacht, das leider nicht gezählt hat. Fast im Gegenzug fällt dann der Ausgleich durch den Freistoß von Stoitschkow und kurz vor Schluss das 1:2 durch Letschkows Kopfball.

Klinsmann sagt, er habe Monate gebraucht, um das Aus zu verarbeiten.

Vielleicht war er mit sich selbst unzufrieden, weil er seine eigenen Erwartungen nicht erfüllt hatte. Das ist bei mir nicht so gewesen. Ich habe 1994 eine gute WM gespielt, war mit einer der stärksten Abwehrspieler bei diesem Turnier. Da machst du dir natürlich weniger Gedanken. Und solche Niederlagen bringen dich auch als Persönlichkeit weiter. Je schneller du das verarbeitest, desto besser kannst du danach spielen. Wissen Sie, welches Spiel mich viel mehr belastet hat? Das verlorene Uefa-Cup-Finale mit Borussia Dortmund. Weil es mein letztes Spiel war und ich die Rote Karte gesehen habe.

Hat es 1994 nach dem Aus noch Streitereien innerhalb der Mannschaft gegeben?

Es gab vorher viele Dinge, die nicht optimal gelaufen sind: Stefan Effenberg ist abgereist. Einige Spielerfrauen wollten ins Mannschaftshotel und durften nicht. Bodo Illgner hat seinen Rücktritt erklärt. Trotzdem war es nicht so, dass wir uns danach nicht mehr grün waren. Wenn es negativ endet, werden solche Sachen nach außen gekehrt. Als wir 1990 Weltmeister geworden sind, haben wir uns im Training auch mal gefetzt. Aber durch den Erfolg ist das erst gar nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.

Hat man als Spieler eigentlich ein Gespür dafür, ob ein Turnier gut oder schlecht verläuft?

Mmh … Eigentlich war das Gefühl immer gut – weil wir eine Turniermannschaft waren. So ist das auch jetzt wieder. Die Mannschaft scheint auf den Punkt fit zu sein. Der Jürgen hat das super hinbekommen. Sein Plan ist bisher genau aufgegangen.

Sie hatten 1994 also genauso ein gutes Gefühl wie 1990?

Sonst wäre ich ja nicht mitgefahren. Aber wir sind früh ausgeschieden, und dann kommen diese Problemchen eben an die Oberfläche.

Jürgen Klinsmann hat gesagt, die Mannschaft 1994 sei stärker gewesen als 1990.

Das glaube ich nicht.

Wir auch nicht.

Sehen Sie, da sind wir ja einer Meinung. 1990 hat einfach alles gepasst. Da waren ältere, erfahrene Spieler dabei, genauso wie junge, hungrige. Da waren Techniker und Kämpfer, Renner und Beißer. Die individuelle Qualität im Kader war einfach top. Paul Steiner hat keine Minute gespielt, aber im Training hat er immer Gas gegeben. Du hattest das Gefühl: Wenn der Klaus Augenthaler ausfällt, kannst du den jederzeit einsetzen. Blindlings. Oder Olaf Thon. Der hat nur ein Spiel gemacht, das Halbfinale – und war der beste Mann. Man muss sich ja nur das Endspiel ansehen.

Was meinen Sie?

Die Argentinier mussten zwar im Finale den einen oder anderen Spieler ersetzen, aber ihre Mannschaft war immer noch gespickt mit Klasseleuten, die überall auf der Welt zu Hause waren. Trotzdem haben wir die dominiert. Argentinien hat, glaube ich, im ganzen Finale mal einen halben Torschuss gehabt – und das war auch noch ein Rückpass von Andy Brehme. Das spricht für die Stärke und die Klasse unserer Mannschaft.

Aus heutiger Sicht scheint es, als hätte die Mannschaft 1990 eine Aura der Unbesiegbarkeit gehabt. Woher kam die?

Wir hatten damals sehr gute Einzelspieler, wir haben aber auch als Mannschaft sehr gut funktioniert. Die große Stärke war, dass der Franz Beckenbauer im Prinzip würfeln konnte, wen er aufstellt.

Erkennen Sie dieses Gefühl der Stärke auch bei der aktuellen deutschen Mannschaft?

Zumindest hat die Mannschaft von Spiel zu Spiel immer besser zueinander gefunden. Das große Fragezeichen bei einem solchen Turnier ist, ob sie das bis zum Schluss durchhält. Ich hoffe es und glaube auch, dass unsere Mannschaft die Chance hat, Weltmeister zu werden.

Welchen Anteil hat Jürgen Klinsmann mit seinen eigenen WM-Erfahrungen an dieser Entwicklung?

Der Jürgen macht einfach einen sehr guten Job. Das kann man jetzt schon sagen, vollkommen unabhängig davon, ob die Mannschaft gegen Argentinien gewinnt oder nicht. Er arbeitet sehr akribisch und projiziert seine positive Stimmung auf die Mannschaft – weil er den Schlüssel zu den Spielern gefunden hat. Das ist das Entscheidende. Er sollte einfach weitermachen.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Jürgen Kohler , 40, wurde mit der deutschen Mannschaft 1990 Weltmeister und 1996 Europameister. Zuletzt trainierte der 105-malige Nationalspieler den Bundesligaklub MSV Duisburg.

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