• "Wir hinken zehn Jahre hinterher" - auch Beckenbauer weiß um die Probleme mit den jungen Spielern

Sport : "Wir hinken zehn Jahre hinterher" - auch Beckenbauer weiß um die Probleme mit den jungen Spielern

Sebastian Arlt

In Lüdenscheid ist man mit wenig zufrieden. "So ein Tag, so wunderschön wie heute . . .", dröhnte aus den Lautsprecherboxen, nachdem die deutsche Junioren-Auswahl unter 21 Jahren durch einen 1:0-Sieg gegen Nordirland ihre Chance gewahrt hatte, doch noch - durch einen Sieg im letzten Spiel gegen die Türkei - den Sprung zur EM zu schaffen. Die 90 Minuten selbst waren allerdings alles andere als wunderschön gewesen. Sehr viel ging daneben in der Mannschaft von DFB-Trainer Hannes Löhr. Der Siegtreffer fiel bezeichnenderweise durch einen Handelfmeter.

Wieder einmal wurde einem deutlich vor Augen geführt, dass im deutschen Fußball junge Talente, die später einmal überdurchschnittliche Nationalspieler abgeben könnten, sehr dünn gesät sind. Ähnliches war kürzlich beim Auftritt der nach 13 Jahren wieder ins Leben gerufenen B-Nationalmannschaft zu beobachten, in der dem Juniorenbereich entwachsene Spieler mit Perspektive stehen und die nun unter A 2 firmiert. Lediglich für Andreas Neuendorf (Hertha BSC) reichte es für eine Nachnominierung in den Kreis der "richtigen" Nationalmannschaft.

Ein Grund für diese Crux ist die mangelnde Spielpraxis für den Nachwuchs. "Es ist eine Katastrophe", sagt Löhr. Gerade einmal zwei Spieler, die in Lüdenscheid anfingen, standen in einer ersten Liga am letzten Spieltag 90 Minuten lang auf dem Feld: Verteidiger Ingo Hertzsch (Hamburger SV) und Torwart Robert Enke (Benfica Lissabon). "In manchem Bundesligaspiel sind von 22 Spielern nur fünf Deutsche dabei", hat Löhr festgestellt. "Wenn sich das nicht ändert, wird für Junge der Sprung in die internationale Klasse nicht zu schaffen sein." Und der deutsche Fußball im internationalen Vergleich kaum zu alter Stärke zurückfinden.

Das alte Lied: Erfahrenere und billigere Ausländer werden seit der Öffnung nach dem Bosman-Urteil vorgezogen. Das mag man beklagen, es gilt aber auch, was Löhr sagt: "Die Spieler können nicht immer nur jammern. Sie müssen aufspielen, um ihren Vereinen zu zeigen, wie wichtig sie sind." Das gelang in Lüdenscheid keinem. Kein Wunder, sagt Franz Beckenbauer, der sich als DFB-Vizepräsident neben der Bewerbung um die WM 2006 um die Nachwuchsförderung kümmert: "Das Grundübel sehe ich im Nachwuchsbereich. Mir kann doch keiner erzählen, dass die Deutschen weniger talentiert sind als die Holländer oder Engländer." Die Nachwuchsspieler in Deutschland seien selbst schuld, wenn sie durch durchschnittliche Ausländer blockiert würden. "Die Ausländer spielen nur, weil unsere jungen Leute zu schwach sind." In der Entwicklung "hinken wir zehn Jahre hinterher".

Diesen Rückstand versucht der DFB mit einem flächendeckenden Stützpunktprogramm für etwa 7500 zehn- bis 17-jährige Mädchen und Jungen aufzuholen. Weiße Flecken auf der Landkarte sollen durch 350 Stützpunkte getilgt, die Zusammenarbeit mit der Schule intensiviert werden. Ziel ist ein geschlossenes Konzept, das sowohl den Landesverbänden und dem DFB als auch den Klubs im bezahlten Fußball bestimmte Aufgaben im Rahmen der Talentsichtung und -förderung zuweist. Um den Nachwuchs besser auf später vorzubereiten. Denn, so sagt Franz Beckenbauer treffend: "Es geht ja wohl nicht an, dass man bei den Profis mit Ballstoppen anfangen muss."

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