Sport : Wir können auch anders

-

Michael Rosentritt über Völlers Versuch, mal schön spielen zu lassen

Eigentlich war es wie immer, wenn Deutschland und Holland auf einem Fußballfeld aufeinander treffen. Die von beiden spielerisch stärkere Mannschaft hat noch immer verloren, die weniger begabte und kaum schöpferische, aber rackernde und kämpfende Mannschaft, gewonnen. Nur war dieses Mal die deutsche Nationalmannschaft diejenige, die schöner spielte – und verlor.

„Wir haben heute versucht, wie Holland zu spielen“, sagte Rudi Völler, der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, nach dem Schlusspfiff in Gelsenkirchen und musste eingestehen: „So weit sind wir noch nicht.“ Möglicherweise wird eine deutsche Elf nie so weit sein, wie es beispielsweise holländische Nationalmannschaften in den vergangenen 30 Jahren waren. Stets versuchten die Holländer, den großen Nachbarn auf dem Fußballfeld vorzuführen. Nur vergaßen sie über ihrem „Fußball total“ (Rinus Michels, Hollands WMCoach 1974), die nötigen Tore zu schießen. Auch deswegen reichte es für sie 1974 wie auch vier Jahre später nur zur Vizeweltmeisterschaft. Die Deutschen dagegen, lange nicht so technisch veranlagt, spielen seit jeher das, was sie konnten. Das sah selten gut aus, war aber effektiv (mit Ausnahme der Europameisterschaften 1984 und 2000). So schön wie die Holländer spielten die Deutschen noch nie, wurden dennoch dreimal Welt- und dreimal Europameister. Am Mittwochabend hatten sich die Vorzeichen umgekehrt. Während die deutschen Spieler erstaunlich mutig und kombinationssicher auf das holländische Tor zustürmten, spielten die Holländer das Prestigeduell ungewohnt emotionslos herunter. Drei ihrer fünf Chancen nutzten sie eiskalt – im Stil der Deutschen.

Die deutsche Elf darf für sich in Anspruch nehmen, gehandicapt in das Spiel gegangen zu sein. Völler musste eine komplette Abwehrreihe ersetzen. Zudem fehlten Schlüsselspieler wie Hamann und Ramelow. Die Mannschaft spielte in dieser personellen Zusammensetzung noch nie zusammen und wird es wohl auch nicht mehr tun. Dennoch braucht Völler nicht unzufrieden zu sein mit dieser Niederlage. Es ist eine, auf der die deutsche Mannschaft aufbauen kann. Oder besser nicht? Es spricht für Völlers Grundauffassung vom Fußball, dass er auch spielerische Höhepunkte setzen will. Sollten ihm alle Nationalspieler zur Verfügung stehen, könnte das tatsächlich möglich sein. Die Frage ist nur, ob Deutschland dann noch erfolgreich sein kann. So oft wie keine andere Nation trat Deutschland den Beweis an, dass man auch ohne schön zu spielen Weltmeister werden, zumindest aber in WM-Finals einziehen kann. Denn Vizeweltmeister, und das vergessen die Schönspieler aus Holland sehr gern, wurden die Deutschen viermal. Holland nur zweimal. Nicht mal im Verlieren sind die Holländer besser. Es sieht bei ihnen halt nur schöner aus. Wie bei den Deutschen am Mittwoch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben