Sport : Wir können auch Bob

Stuttgart will sich zu einem neuen Zentrum des Bobsports entwickeln – und verpflichtet die 38 Jahre alte Olympiafavoritin Sandra Kiriasis.

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Stuttgart – Sandra Kiriasis macht einen Scherz, wenn sie sagt: „Ich bin ein altes Mädchen, da ändert man nicht mehr viel.“ Das ist deshalb ironisch, weil die erfolgreichste Bob-Pilotin der Welt vor ihren letzten Olympischen Spielen im Februar 2014 im russischen Sotschi doch noch etwas geändert hat. Mit 38 Jahren wechselt sie den Verein. Die in der Nähe von Dresden geborene Bobfahrerin lebt in Nürnberg, trainiert auf der Bahn in Winterberg und startete bisher für die RSG Hochsauerland. Jetzt aber soll sie für den vor ein paar Monaten gegründeten Bob-Klub Stuttgart-Solitude Erfolge einfahren. Ein Bob-Klub in Stuttgart?

Bisher ist die baden-württembergische Landeshauptstadt nicht gerade als Wintersporthochburg aufgefallen. Die Lage der Stadt in einem Talkessel gäbe zwar bei einem Höhenunterschied von gut 250 Metern zwischen der City und dem Fernsehturm in Degerloch eine Bobbahn her, aber daran ist im Moment nicht mal im Ansatz gedacht. Und das nicht, weil Bauprojekte in der Stadt der Wutbürger allgemein als schwierig gelten.

Was verschlägt die Olympiasiegerin von Turin 2006, die sechsfache Weltmeisterin und neunfache Gesamtweltcupgewinnerin vor ihren mutmaßlich letzten olympischen Spielen ausgerechnet ins Schwäbische? Sicherlich dürfte ein finanzieller Anreiz dabei sein, Sandra Kiriasis bekommt zum ersten Mal in ihrer 13-jährigen Karriere im Bob Geld von einem Verein. Sie sagt aber auch: „Ich brauchte vor Sotschi eine neue Motivation und ich kenne die Leute, die hinter dem Projekt in Stuttgart stehen.“ Und deren Ideen, die sie gut findet.

Jochen Buck heißt einer der Männer, die das Projekt auf die Kufen gesetzt haben. Der 44-jährige Professor, der an der Fachhochschule Nürtingen-Geislingen das Institut für forensisches Sachverständigenwesen leitet, war in den 90er Jahren auch als Anschieber unter anderem von Vize-Europameister Sepp Dostthaler im Bob aktiv. Buck weiß also, von was er spricht. Und er weiß auch, dass es im Bobsport neben der Kunst der Steuerung vor allem auf den Start ankommt. „Ein bisschen was kann man immer rausfahren, aber wenn der Rückstand oben zu groß ist, geht nichts mehr“, sagt auch Kiriasis, die beste Frau weltweit an den Lenkseilen – aber eben nicht die schnellste. Zu ihrem Team zählen die ehemalige Kugelstoßerin Petra Lammert, Berit Wiacker und Franziska Bertels. Mit welcher der drei sich die Spitzenpilotin in die anspruchsvolle Bahn von Sotschi stürzen will, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Trainiert wird schon fleißig.

Und hier kommt Stuttgart ins Spiel. Am dortigen Olympiastützpunkt wurde Mitte September ein Kraftkompetenzzentrum eröffnet, das auch Bundestrainer Christoph Langen in den höchsten Tönen lobte. Und so wird die Kiriasis-Crew in den kommenden Wochen auch einige Krafteinheiten in dem nagelneuen Zentrum absolvieren. „Wir werden alles versuchen, um den Rückstand am Start zu unseren Konkurrentinnen zu minimieren“, sagt Sandra Kiriasis.

Mit dem Wechsel nach Stuttgart soll die Bob-Königin auch selbst so etwas wie eine Anschubhilfe leisten. Wenn auch nur ideell. Der neue Bob-Club sieht sich durchaus als langfristige Geschichte, es gibt bereits ein eigenes Juniorenteam, der Klub lockt den Nachwuchs an den Neckar, was der auch annimmt. Behauptet Präsident Buck, der auch schon Bewerber abgewiesen haben will. „Wir wollen langsam wachsen“, sagt er. Im kommenden Jahr möchte man mitten in der Stadt einen Nationen-Cup ausrichten, für 2015 bemüht man sich um eine Anschub-WM in Stuttgart. Der Klub ist aus den „Freunden des gepflegten Bobsports“ hervorgegangen, eine Vereinigung von durchaus finanzkräftigen, ehemaligen württembergischen Bobfahrern, zu denen sich noch ein Sportmanager und ein renommierter Stuttgarter Gastronom und Netzwerker dazugesellte.

Jetzt setzt man auch auf die langfristige Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt, dessen Leiter Thomas Grimminger auch schon fordert: „Wir wollen, dass künftig in den Bobs auch schwäbisch gesprochen wird.“ Im Moment gibt freilich noch Sandra Kiriasis auf sächsisch die Kommandos. „Aber die Dialekte ähneln sich irgendwie“, sagt Sandra Kiriasis lachend.Jürgen Löhle

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