Sport : „Wir leben doch nicht in einer Sowjetrepublik“

Heiner Bertram, Präsident des 1. FC Union, über den sportlichen Misserfolg seines Fußballklubs und den Druck auf Trainer Mirko Votava

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Herr Bertram, nach der 1:2Niederlage am Freitagabend bei Erzgebirge Aue haben die Fans des 1.FC Union randaliert und …

… also bitte! Nun stopfen Sie nicht alle in einen Topf. Das waren sehr wenige, die mit ihren Emotionen nicht umgehen konnten.

Die Fans Ihres Vereins haben den Rasen gestürmt und das Kamerateam von „Premiere“ attackiert. Das war also keine Randale?

Nun, die Fans waren sehr aufgebracht, das gebe ich zu. Schön waren die Szenen nicht. Aber schauen Sie: Der Abpfiff ist da, plötzlich gehen die Tore zum Spielfeld auf, die Ordner machen Feierabend, die Polizei steht untätig daneben. Wir haben versucht, die Situation selbst zu lösen. Das wirkte ein bisschen unorganisiert in Aue.

Aber muss ein Präsident auf den Zaun klettern, um die Fans zu beruhigen?

Was sollte ich machen? Ich saß gerade in der Kabine, als ich erfuhr, dass hunderte Berliner auf dem Rasen sind und rufen: „Wir wollen die Mannschaft sehen!“ Ich bin rausgegangen, jemand hat mir ein Megafon in die Hand gedrückt, dann habe ich versucht, ein paar beruhigende Worte zu finden. Danach bin ich wieder zurück in die Kabine gegangen und habe die Spieler herausgeholt.

Das Chaos passt zur sportlichen Situation Ihres Klubs.

Falsch, bei uns herrscht kein Chaos. Wir sind Tabellenletzter. Aber ich werde kein Horrorszenario entwerfen und Panik verbreiten. Die Situation ist äußerst unangenehm. Aber wir bekommen das in den Griff.

Auch mit Ihrem Trainer Mirko Votava? Unter den Fans wird diskutiert …

… Halt! Falls Sie die Trainerfrage stellen wollen – lassen Sie das sein. Wir leben hier nicht in einer Sowjetrepublik. Wir tauschen den Trainer nicht aus, nur weil die Fans das wollen. Wir handeln überlegt.

Also muss sich Trainer Votava keine Sorgen machen?

Wir machen uns alle Sorgen. Ich werde jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit über Fehler sprechen. Votava ist der Fachmann. Wir treffen uns am Montag, dann wird er dem Präsidium erklären, wie wir aus dieser Krise herauskommen.

Drei Spiele, drei Niederlagen – woran liegt es denn Ihrer Meinung nach?

An der Konzentration. Fußballerisch habe ich keine Angst, die Mannschaft ist stark genug für diese Liga. Aber gucken Sie: Wir spielen anfangs gut, wir führen sogar in Aue, so wie vor zwei Wochen in Mainz. Dann passieren diese blöden Fehler, und am Ende verlieren wir wieder.

Der sportliche Erfolg ist wichtig als Argument für den Stadionneubau.

Es wird schwierig, das weiß ich. Wirtschaftlich ist das Stadion wichtig. Und wenn der Verein nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann, werde ich nicht mehr kandidieren.

Das klingt wie eine Drohung.

Wem soll ich denn drohen? Welcher Politiker regt sich auf, wenn ich nicht mehr kandidiere? Es geht nicht um mich, es geht um Union. Nein, es ist einfach so, dass jeder irgendwann mal resigniert. Auch ich verspüre Verschleißerscheinungen.

Das Gespräch führte André Görke.

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