Sport : „Wir müssen die Fusion in diesem Jahr durchziehen“

Sporthilfe-Chef Grüschow über das geplante Zusammengehen von NOK und DSB

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Herr Grüschow, die deutschen Sportverbände wollen fusionieren. Heute diskutiert das Nationale Olympische Komitee über ein Zusammengehen mit dem Deutschen Sportbund. Wer wird dann Präsident des deutschen Sports?

Da will ich mich zurückhalten. Aber klar ist: Die Gruppe der 70Jährigen kommt nicht in Frage.

Damit meinen Sie Manfred von Richthofen, den DSB-Präsidenten?

Damit meine ich auch mich.

Es gibt noch ein paar jüngere Funktionäre.

Gut, wir haben den 51 Jahre alten NOK-Präsidenten. Aber Klaus Steinbach muss natürlich über seine berufliche Zukunft nachdenken, ob er dann die Leitung seiner Klinik beibehalten kann. Das kostet ihn natürlich Kraft. Auch in der Wirtschaft gibt es Kandidaten, etwa Peter Zühlsdorff, den ehemaligen Leipziger Olympiamanager. Ich kenne ihn schon lange, er ist ein hervorragender Mann. In den Siebzigerjahren war ich im Vorstand von Hertie, er arbeitete bei Wella. Wir beide haben damals die Frisiersalons in Warenhäusern erfunden.

Beim Sport müssen Sie ein komplett neues Warenhaus bauen.

Wir müssen den Sport völlig neu organisieren, das stimmt. Ohne Vereine geht es nicht, das ist klar. Ohne Föderalismus geht es auch nicht, den haben wir nun einmal in Deutschland. Aber wenn ich in Baden-Württemberg drei Landessportbünde habe, dann ist das Föderalismus hoch drei. Wir brauchen klare Strukturen bis hin zu einem professionellen Vorstand mit klar abgestimmten Aufgaben und Verantwortungen. Und darüber das Präsidium mit einer starken Stimme.

Bis jetzt reden im Sport alle durcheinander.

Dieses Theater muss ein Ende haben. Es kann nicht sein, dass sich montags Herr von Richthofen in Ihrer Zeitung zu Wort meldet, dass am Donnerstag Herr Steinbach in einer Pressemitteilung die Sache ganz anders bewertet, und am Samstag kommt dann Ulrich Feldhoff …

… der Leistungssportchef des Deutschen Sportbundes …

… und der moniert, dass die beiden anderen vergessen haben, auf den Leistungssport hinzuweisen.

Haben Sie das den dreien schon einmal gesagt?

(lacht) Einmal?

Woher nehmen Sie eigentlich die Hoffnung, dass dieses Durcheinander nach einer Fusion aufhört?

Wir müssen uns an die Fakten halten und nicht jeden Tag neue Vorschläge in die Welt setzen. Dann werden viele Diskussionen auch wieder zielgerichteter. Mir ist es egal, ob wir 15 Olympiastützpunkte haben oder 22. Mir ist aber nicht egal, dass 20 Olympiastützpunkte 20 unterschiedliche Trägervereine haben. Da sind Förderer am Werk, die mit dem Spitzensport so viel zu tun haben wie die Kuh mit Schlittschuhlaufen. Persönliche Vorlieben von Ländern und Kommunen spielen eine zu große Rolle. Wenn Sie 20 Stützpunkte haben und an 19 Leichtathletik betreiben, sieht die deutsche Leichtathletik so erfolglos aus, wie sie jetzt aussieht.

Nennen Sie uns doch einmal Ihr Konzept.

Wir müssen den Spitzensport aufbauen wie eine Pyramide. Alles, was mit der Förderung junger Athleten zu tun hat von ihrer Sichtung bis hin zu ihrer Begleitung zu einer bestimmten Leistungsstufe sollte auf breiter Ebene passieren – in der Verantwortung der Länder. Alles darüber muss zentral gesteuert werden, bis hinauf zur Spitze. So ein Gebäude müssen wir für den deutschen Spitzensport entwerfen, und danach muss dann festgelegt werden, wer wo wohnt und wer in welcher Etage die Verantwortung hat.

Alle wollen natürlich in die oberste Etage.

Ja natürlich, der Schlüssel zu dem Gebäude ist die Position des Leiters des Spitzensports. Aber egal, wer das sein wird, die Aufgabe bleibt: Mir ist wichtig, wie wir unsere Athleten umfassend und damit besser fördern. Natürlich wollen wir keine Staatsamateure wie in Kasachstan.

Viele Athleten können derzeit ihren Beruf oder ihr Studium nur schwer mit dem Sport vereinen.

Hier werden wir neue Angebote schaffen in Kooperation mit den Universitäten und der Wirtschaft. Das machen uns zum Beispiel die Amerikaner vor. Und wir werden sicherstellen, dass sich die sportlichen Eliten regelmäßig treffen und auch mit Wirtschaftsleuten und Kulturschaffenden ins Gespräch kommen. So eröffnen sich mehr Chancen für unsere Hoffnungsträger, wenn ihre sportliche Karriere zu Ende geht.

Bislang brechen viele Talente die Entwicklung schon viel früher ab.

Das ist in der Tat ein großes Problem. Wir haben viele hervorragende Juniorsportler. Wir könnten jedes Jahr bei unserer Wahl der Besten 30 küren, so groß ist die Auswahl. Aber zwei, drei Jahre später haben wir plötzlich nicht mehr so viele Weltmeister. Da haben sich viele schon für einen Beruf entschieden. Die Betreuung muss deshalb intensiver und einheitlicher werden. Elitensport kann auf internationaler Ebene nicht föderal sein.

Bis wann sollen diese Reformen greifen?

Ich habe in der Wirtschaft drei Unternehmen saniert oder weiterentwickelt. Aus dieser Erfahrung weiß ich: Wenn Sie ein zu langsames Tempo anschlagen, ist der Laden eher pleite als saniert.

Manfred von Richthofen strebt die Fusion bis zum Frühjahr 2006 an.

Wir müssen das in diesem Jahr durchziehen. Sonst wird alles wieder zerredet. Wir sollten Mitte des Jahres klar wissen, welche Struktur wir wollen. Dann müssen die Personalfragen geklärt werden. Danach muss eine außerordentliche Gründungs-Versammlung einberufen werden.

Muss sich bis dahin der Deutsche Sportbund nicht ehrlich machen?

Ist er unehrlich?

Die Finanzen sind in keinem guten Zustand.

Die Zahlen, die ich kenne, sind in der Tat miserabel. Zuletzt sind die Rücklagen zu hoch bewertet worden. Aber der neue Schatzmeister des Verbandes hat gesagt: Wenn wir nichts ändern, sind wir in zwei Jahren zahlungsunfähig. Seitdem habe ich das Gefühl: Es ändert sich etwas.

Und am Ende kommt der große Retter des deutschen Sports?

Wer soll das sein?

Wie wäre es mit Thomas Bach, dem langjährigen Vizepräsidenten des Internationalen Olympischen Komitees?

Bach macht eine internationale Karriere, die er natürlich nicht aufgeben soll. Bach wird sicher nur Präsident des deutschen Sports werden, wenn dieses Amt so konstruiert sein wird, dass es sich damit verbinden lässt. Denn an dieser ist der deutsche Sport auch interessiert, schließlich leiden wir an einem schwindenden Einfluss im IOC.

Manche sagen Thomas Bach nach, er habe bei seiner internationalen Karriere die nationalen Belange aus dem Blickfeld verloren. Glauben Sie der deutsche Sport würde ihm folgen?

Die wichtigsten Leute sicherlich. Das Problem sind nur manche Funktionäre, die um ihre Posten fürchten. Denen muss man sagen: Wer einen Job sucht ohne Verantwortung und jeden Tag mit strahlendem Gesicht in der Zeitung, sollte Schauspieler werden. Der deutsche Sport braucht keine Schauspieler.

Das Gespräch führten Robert Ide, Armin Lehmann und Friedhard Teuffel.

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