Sport : „Wir müssen kratzen und beißen“

Bernd Schneider über das Spiel gegen die Färöer, den Abstiegskampf mit Bayer und den Erholungsfaktor Nationalmannschaft

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Herr Schneider, wie hoch ist der Erholungsfaktor bei der Nationalmannschaft?

Wie jetzt, Erholungsfaktor?

Das Jahr mit Bayer Leverkusen war doch sehr turbulent.

Das stimmt. In dieser Saison war es immer ganz angenehm, mal aus dem Leverkusener Umfeld herauszukommen und abschalten zu können. Bei der Nationalmannschaft ist man irgendwie gelöster, befreiter als im Verein. Da geht einem halt doch ständig durch den Kopf, dass viele Existenzen davon abhängen, ob wir erfolgreich Fußball spielen.

Na hören Sie mal, Sie sind doch Profi.

Ja, und? Uns wird immer wieder gesagt: Ihr verdient genug. Wir sind trotzdem nur Menschen. Man kann nicht einfach ausblenden, was alles auf dem Spiel steht.

Von ihrer Nationalmannschaft erwarten die Deutschen aber auch immer sehr viel.

Natürlich hat man in der Nationalmannschaft auch Druck. Aber das ist positiver Druck. Selbst nach der letzten Weltmeisterschaft, als viele wahrscheinlich von uns erwartet haben, dass es jetzt immer so weitergehen würde. Dem sind wir nicht immer gerecht geworden. In manchen Spielen haben wir es allerdings auch sehr gut gemacht. Gegen Holland zum Beispiel. Aber weil wir das Spiel letztlich verloren haben, interessiert das dann wieder keinen.

Haben Sie manchmal darüber nachgedacht, was in den vergangenen elf Monaten mit Ihnen passiert ist: vom WMFinale zum fast totalen Absturz mit Bayer Leverkusen, vom deutschen Brasilianer zum angeblichen Simulanten, der keine Lust hat auf Abstiegskampf?

Ich weiß selbst, dass ich keine besonders gute Saison gespielt habe. Aber wenn man mal guckt, wie viele Tore ich geschossen und vorbereitet habe, und das mit den Zahlen aus der vorigen Saison vergleicht, dann sind die Unterschiede gar nicht so groß. Bloß haben wir in diesem Jahr gegen den Abstieg gespielt und im letzten um den Titel. Was ich damit sagen will: Wenn die Mannschaft Erfolg hat, kommt man auch als Einzelner gut weg, wenn sie keinen Erfolg hat, kommt man schlecht weg. Aber ich kann morgens noch in aller Ruhe in den Spiegel schauen, weil ich weiß, dass ich alles gegeben habe.

Sie gelten als Spaßfußballer. Ist Ihnen der Spaß in dieser Saison abhanden gekommen?

Ach, wissen Sie, ich habe schon ganz andere Krisen durchgemacht. In Frankfurt oder Jena. Da wusste man wirklich nicht, wie es weitergehen soll. Was in dieser Saison in Leverkusen passiert ist, wirft mich nicht großartig um, und ich weiß auch, dass ich aus diesem Tal wieder herauskommen werde. In Jena standen wir immer vor dem Absturz aus dem Profi- in den Amateurbereich. Ich kann Ihnen sagen: Da ging es richtig um die Existenz.

Als Sie nach Leverkusen gewechselt sind, müssen Sie doch gedacht haben, dass Sie den Abstiegskampf für immer hinter sich haben.

Es ist ja auch drei Jahre gut gegangen. Selbst in diesem Jahr haben wir noch die Zwischenrunde der Champions League erreicht, und im DFB-Pokal sind wir auch erst im Halbfinale ausgeschieden – bei Bayern München. Ich will das jetzt nicht als Erfolg verbuchen, aber so schlecht sollte man die Saison auch nicht machen. Es hat sich gezeigt, dass es auch geht.

In der Bundesliga konnte Bayer offensichtlich nicht, in der Champions League durften Sie nicht, weil der Verein alle Kräfte auf den Abstiegskampf konzentriert hat.

Für mich ist das sehr ärgerlich gewesen, dass man nach zwei verlorenen Gruppenspielen die Champions League mehr oder weniger hergeschenkt hat. Es gibt doch nichts Schöneres für einen Fußballer, als sich mit den besten Mannschaften Europas zu messen. Aber ich verstehe auch den Verein. Vielleicht wären wir wirklich abgestiegen, wenn wir in der Champions League ordentlich weiter gespielt hätten.

Brauchen Sie die große Bühne?

Nee, die brauch‘ ich nicht.

Aber Sie fühlen sich wohl darauf.

Klar ist es einfacher, gegen Mannschaften mit jeder Menge Topstars zu spielen als im DFB-Pokal gegen Rot-Weiß Essen.

Das heißt: Vor dem Spiel gegen die Färöer muss man sich ein bisschen Sorgen machen – zumal die Umstände schwierig sind: Es ist das letzte Spiel einer langen Saison …

… das hat nichts zu sagen. Wir wissen, dass wir noch einmal 90 Minuten laufen und rennen müssen, kratzen und beißen, weil wir keine Punkte mehr verschenken dürfen wie gegen die Schotten …

… und mit einem Stadion für nur 6000 Zuschauer hat die Kulisse auch ein bisschen was von Saisonabschlusskick in der Provinz.

Natürlich macht es in einem Stadion mit 60 000 Zuschauern mehr Spaß als in einem mit 6000. Aber die Färöer können ja so schnell keines mehr bauen. Und überhaupt: Wie viele Einwohner haben die?

Ungefähr 50 000.

Und davon kommen 6000 zu dem Spiel. Das ist doch beeindruckend.

Wäre es trotzdem einfacher, wenn der Gegner im letzten Spiel der Saison Holland hieße statt Färöer?

Wir können uns das ja nicht aussuchen. Ich habe die Färöer jedenfalls lieber in meiner Qualifikationsgruppe als die Holländer. Gegen die Färöer ist es wahrscheinlich ein bisschen einfacher.

In Schottland haben Sie gerade mit der Nationalmannschaft im selben Hotel gewohnt wie im vorigen Jahr mit Bayer Leverkusen vor und nach dem Champions-League-Finale. War das eine sentimentale Reise in eine bessere Vergangenheit?

Im Hotel war es nicht so schlimm, aber im Stadion. Da sind die ganzen Bilder noch mal hochgekommen. Die Tore, das 0:1, unser Ausgleich, das 1:2 und dann unsere Chancen kurz vor Schluss. Ein solches Spiel vergisst man nicht. Und da will man auch unbedingt wieder hin.

Mit Bayer Leverkusen?

Das wird sich zeigen.

Hat Ihnen der Verein gesagt, dass er Sie verkaufen muss?

Ich will mich da eigentlich gar nicht zu äußern. Aber es ist doch klar, dass Bayer Einnahmen fehlen, weil wir nur auf Platz 15 gelandet sind, und dass der Verein jetzt anderweitig versucht, an Geld zu kommen.

Sind Sie noch Herr dieser Entscheidung? Oder planen längst andere Ihre Zukunft?

Das entscheide ich selbst. Aber ich will mich da auch nicht aus dem Fenster lehnen und sagen: Es sieht so und so aus. Das ist alles nur spekulativ. Es gibt zwei, drei Anfragen, und darüber werden wir mit Herrn Calmund sprechen. Demnächst.

Sie haben mal gesagt, dass Sie gerne ins Ausland gehen würden?

Tue ich auch. Nächste Woche.

Ach?

Nach Italien und Spanien. In Urlaub.

Als Fußballer drängt auch langsam die Zeit. Sie werden in diesem Jahr 30.

Na, und. Man kann doch auch mit 34 noch ins Ausland gehen.

Ja, vielleicht nach Katar.

Das ist sicherlich nicht mein Ziel.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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